Wann wird die Hostie zum Leib Christi?
Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Realpräsenz

Wann wird die Hostie zum Leib Christi?

In Gestalt von Brot und Wein ist Leib und Blut Jesu in der Eucharistie wahrhaftig anwesend. Doch ab wann eigentlich? Allein das Aussprechen der Wandlungsworte durch den Priester reicht nicht aus.

Von Roland Müller |  Bonn - 15.06.2017

Es ist wieder soweit: Die Katholiken in Deutschland und vielen anderen Ländern gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Gemeint sind die zahlreichen Fronleichnamsprozessionen, mit denen sich die Gläubigen öffentlich zu einem wichtigen Teil ihres Glaubens bekennen: die dauerhafte Gegenwart Jesu in den eucharistischen Gaben. Das gewandelte Brot, der Leib Christi, wird dabei von Gesängen und Gebeten durch die Straßen getragen. Doch wann beginnt die Realpräsenz Christi in Brot und Wein eigentlich?

Im Eucharistischen Hochgebet innerhalb der Messe werden die Gaben gewandelt. Zum Hochgebet gehören stets verschiedenen Elemente: die Herabrufung des Heiligen Geistes, das Gedächtnis der Heilstaten Jesu mit den Einsetzungsworten und das Gebet für die Kirche. Diese Teile können in den verschiedenen Versionen des Hochgebets im Messbuch unterschiedlich angeordnet sein. Sie werden zudem eingerahmt vom Eröffnungsdialog und dem abschließenden Lobpreis mit dem feierlichen "Amen" als Bestätigung des priesterlichen Gebets seitens der Gemeinde.

Wer zum ersten Mal eine katholische Messe besucht, mag im ersten Augenblick annehmen, dass sich die Wandlung an einem bestimmten Punkt im Hochgebet festmachen lässt: dem Sprechen der Einsetzungsworte Jesu durch den Priester. "Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird", heißt es zuerst. Und dann: "Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis."

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Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um die Eucharistie und ihre Bedeutung im christlichen Glauben.

Zudem fordert die Kirche den Gläubigen dazu auf, sich wenigstens an dieser Stelle des Hochgebets hinzuknien. Anschließend folgt jeweils die Elevation – also das Erheben – der Hostie und des Kelches, die vielerorts auch noch vom Schellen der Messdiener begleitet werden. Da die Einsetzungsworte zu guter Letzt auch noch Wandlungsworte genannt werden, scheint die Frage nach dem Beginn der Realpräsenz also beantwortet. Doch der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards warnt vor einem "magischen Verständnis" des Hochgebets. Nicht am Aussprechen einzelner Worte könne der Zeitpunkt der Realpräsenz Jesu Christi festgemacht werden, erläutert Gerhards. Vielmehr sei "das ganze Eucharistiegebet konsekratorisch", also wandelnd.  

Ein Beleg dafür ist etwa die "Anaphora von Addai und Mari", ein Hochgebet der nicht mit Rom unierten "Assyrischen Kirche des Ostens". Das Gebet ist seit über 1.700 Jahren bekannt und eines der ältesten noch heute verwendeten Hochgebete der Christenheit. Eine große Besonderheit dieser Anaphora ist jedoch, dass es in einigen Versionen keine explizite Formulierung der Wandlungsworte enthält. Trotzdem erkannte die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre im Januar 2001 an, dass der Gottesdienst dort gültig gefeiert wird und Katholiken deshalb in dieser Kirche unter bestimmten Bedingungen die Kommunion empfangen können.

Die Wandlungsworte wurden als entscheidend angesehen

Zitat: Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards

Die Einsetzungsworte im Hochgebet kämen ansonsten jedoch im fast allen Kirchen und liturgischen Traditionen vor, sagt Gerhards. Denn sie erfüllten eine katechetische Funktion: Sie erinnerten an den Grund der Eucharistie, das Letzte Abendmahl an Gründonnerstag sowie Jesu Tod und Auferstehung. Seit dem 4. Jahrhundert wird dieser biblische Bericht deshalb in der Liturgie verwendet. Zur Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit rückten die Einsetzungsworte dann stärker in das Zentrum. "Die Wandlungsworte wurden als entscheidend angesehen", erläutert Gerhards.

Besonders in der Auseinandersetzung mit orthodoxer und evangelischer Theologie wurde der Kirche klar, dass sich ihr eigenes Verständnis etwas vereinseitigt hatte und der eigentliche Gedanke in den Hintergrund gerückt war: der Empfang der Kommunion. Die seit dem Mittelalter gewachsene Anbetungsfrömmigkeit sei eine "Herauszögerung des eigentlichen Ziels", des Verzehrens der Gaben gewesen, so Gerhards. Eine Rückbesinnung trat mit der Förderung des häufigeren Kommunionempfangs durch Papst Pius X. und die liturgischen Erneuerungen um das II. Vatikanische Konzil ein.

Auch kam wieder ins kirchliche Bewusstsein, dass die Wandlung der eucharistischen Gaben in Leib und Blut Jesu nicht der einzige Aspekt der Konsekration ist. Ebenso soll die Gemeinschaft der Gläubigen selbst gewandelt werden. Ein Treffen von katholischen Christen wird zum "Mahl des Herrn", schreibt der emeritierte Essener Dogmatikprofessor Franz-Josef Nocke in seiner "Sakramententheologie". Auch die Versammelten sollten sich durch die Eucharistie verändern: Die Gemeinde soll zum Leib Christi werden. Dieser "mystische Leib Christi" sei die eigentliche Gnadenwirkung des Sakraments, während die gewandelten Gaben als "wahrer Leib Christi" eine sakramentale Zwischenwirkung darstellten. Die Gläubigen als Leib Christi - eine Erkenntnis, die den Prozessionen am Fronleichnamsfest eine tiefere Bedeutung verleihen könnte.

Von Roland Müller