Warum vertuschen Bischöfe sexuellen Missbrauch?
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Theologe Hans-Joachim Sander stellt einen Erklärungsversuch vor

Warum vertuschen Bischöfe sexuellen Missbrauch?

Zu oft wird das Ansehen der Kirche über den Schutz von Kindern gestellt, sagt der Theologe Hans-Joachim Sander. Im Interview erläutert er, wie man das Phänomen der Vertuschung soziologisch erklären kann.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 27.08.2018

Frage: Herr Professor Sander, Sie haben jüngst darauf aufmerksam gemacht, dass die Soziologie einen bedeutsamen Beitrag zu der Frage leisten kann, warum katholische Bischöfe sexuellen Missbrauch so oft verheimlicht haben. Welche Erklärungsansätze bietet die Soziologie?

Sander: Einen Erklärungsansatz dafür bietet die sogenannte Habitus-Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002). Sie geht davon aus, dass Menschen nach Anerkennung streben und ihr Handlungsformat relativ zu unterschiedlichen Kapitalsorten geschieht. Man baut kulturelles Kapital etwa durch höhere Bildungsabschlüsse auf, ökonomisches Kapital durch wirtschaftliche Potenz sowie soziales Kapital durch ein breites, oft familiär vorgeprägtes Beziehungsgeflecht. Wer über vielfältiges hohes Kapital verfügt, ist in Bourdieus Terminologie ein "Erbe" und kann als Person variabel auf Veränderungen reagieren. Wer auf eine Sorte geringerer Höhe beschränkt ist, ist ein "Oblate" und fürchtet ständig, dass das eigene Kapital verfällt.

Bourdieu hat diese zwei Gesichtspunkte aus dem Karriereverlauf in der französischen Bischofskonferenz gewonnen, die er von 1918 bis in die 1970er Jahre hinein untersuchte. Sein Ergebnis: Die Zahl jener Bischöfe, die aus einfachen Verhältnissen kamen und über kein weiteres besonderes Kapital als dem innerkirchlichen Aufstieg verfügten, ist nach dem Zweiten Weltkrieg stetig gewachsen; zuvor dominierten Erben. Ein Oblaten-Habitus wirkt sich besonders in Krisenzeiten aus. Je stärker ein Aufstieg allein einer bestimmten Institution verdankt wird, umso weniger kann eine Person habituell zu ihr auf Distanz gehen, wenn es nötig wird. Das gilt nicht nur für die Kirche.

Frage: Was heißt das auf die katholische Kirche bezogen?

Sander: Je mehr ein Bischof seinen sozialen Aufstieg allein aus dem religiösen Kapital der Kirche gewinnt, umso weniger kann er habituell deren Existenz aufs Spiel setzen, indem er sexuellen Missbrauch öffentlich macht. Dagegen kann ein Bischof, der über kirchenunabhängiges kulturelles, soziales oder ökonomisches Kapital verfügt, in einer solchen Krise leichter völlig anders handeln.

Der Theologie-Professor Hans Joachim Sander
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Der Theologie-Professor Hans-Joachim Sander lehrt Dogmatik an der Uni Salzburg.

Frage: Bourdieu hat sich aber nur die französischen Bischöfe angeschaut und dabei auch gar nicht an das Thema Missbrauch im Blick gehabt…

Sander: Ja, das war damals kein Thema und wissenschaftliche Studien für andere Länder und Themen gibt es meines Wissens bislang nicht. Allgemein lässt sich jedoch in den letzten vier vergangenen Pontifikaten der Trend beobachten, dass verstärkt Bischöfe ernannt wurden, die ihren Aufstieg allein der Kirche verdankten.

Frage: Sollten also mehr Adelige, Söhne aus Unternehmerfamilien und renommierte Theologen zu Bischöfen ernannt werden?

Sander: Nein. Es ist ja prinzipiell gut, dass in der Kirche Leute aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben aufsteigen können. Wir brauchen nicht mehr adelige Bischöfe, sondern Bischöfe, die sich über ihre habituelle Befangenheit klar sind und Externe mit kirchenunabhängigen Kapitalsorten wertschätzen, weil sie selbst die Schweigespirale über den sexuellen Missbrauch durchbrechen müssen, die der Oblatenhabitus hinterlassen hat. Das bedeutet ein positives Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit und nicht zuletzt, die Fälle sofort und konsequent dem Staatsanwalt übergeben.

Frage: Gibt es Indizien dafür, dass diese Theorie auch auf die deutschen Verhältnisse passt?

Sander: Ja. Denn in Deutschland war es schließlich der Jesuit Klaus Mertes, der den Missbrauchsskandal in Berlin selbst an die Öffentlichkeit gebracht hat. Und damit jemand, der seinen Aufstieg und sein Ansehen eben nicht allein der kirchlichen Institution verdankt. Als Jesuit ist er auf Erbenhabitus gepolt und außerdem hat er hohes Sozialkapital. Sein Vater war immerhin Staatsminister im Auswärtigen Amt.

Frage: Sie haben eben gesagt, die Bischöfe müssten Aufgaben an den Staatsanwalt abgegeben. In Deutschland ist es ja jetzt schon so, dass die kirchlichen Stellen eng mit der Justiz zusammenarbeiten.

Sander: Ja, das ist gut und sollte noch stärker werden. Bei sexuellem Missbrauch werden Menschenrechte verletzt. Die katholische Kirche tritt für die Achtung der Menschenrechte ein, kann diese jedoch weder durchsetzen noch offenbar selbst garantieren. Das kann nur der demokratische Staat. Und das muss auch in Deutschland noch deutlicher werden. Sexueller Missbrauch ist eine Angelegenheit des Staatsanwalts, der weltlichen Justiz und erst dann in zweiter Linie ein Fall fürs Kirchenrecht.

Von Thomas Jansen

Zur Person

Hans-Joachim Sander lehrt seit 2002 Dogmatik an der Universität Salzburg. Er hat sich intensiv mit der Soziologie Pierre Bourdieus und deren Fruchtbarmachung für die Theologe beschäftigt. Vor kurzem erschien im Herder Verlag der von ihm gemeinsam mit Ansgar Kreutzer herausgegebene Sammelband "Religion und soziale Distinktion: Resonanzen Pierre Bourdieus in der Theologie".