Wendepunkt im jüdisch-christlichen Verhältnis
Bischof Mussinghoff über die Erklärung "Nostra Aetate"

Wendepunkt im jüdisch-christlichen Verhältnis

Heute wird sie 50 Jahre alt: die Konzilserklärung "Nostra aetate". Sie stellt einen Wendepunkt in den Beziehungen der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen dar. Im Interview spricht Bischof Heinrich Mussinghoff über das Schreiben.

Von Julia-Maria Lauer |  Bonn - 28.10.2015

Frage: Herr Bischof, wie kam es zu Nostra aetate?

Mussinghoff: Das Zweite Vatikanische Konzil hat "Nostra aetate", die Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, am 28. Oktober 1965 mit hoher Stimmenmehrheit verabschiedet. Der Oberrabbiner von Rom, Elio Toaff hat das Dokument eine "Revolution" im Verhältnis der katholischen Kirche zur jüdischen Religion genannt. Das Verbrechen der Schoah, das die Vernichtung der europäischen Juden zum Ziel hatte, hat die Menschheit erschüttert und fragen lassen, wie eine Theologie nach Auschwitz möglich sei. Papst Johannes XXIII. war überzeugt, dass ein theologisches Neudenken notwendig war. Angeregt durch jüdische Gelehrte wie Elio Toaff, Jules Isaac, Johannes Österreicher und Ernst Ludwig Ehrlich beauftragte er Kardinal Augustin Bea mit der Erarbeitung des Dokumentes. Trotz heftiger Einsprüche muslimischer Regierungen und von ihnen eingeschüchterter Bischöfe wurde das Schreiben - ausgeweitet auf das Verhältnis der Kirche zu den nicht christlichen Religionen - mit hoher Mehrheit verabschiedet.

Frage: Worauf bezogen sich die Einsprüche der muslimischen Regierungen?

Mussinghoff: Anfang der 1960er Jahre hatten alle benachbarten Regionen Israels das Ziel "Israel ins Meer zu werfen". Bis heute haben viele muslimische Regierungen das Existenzrecht Israels nicht anerkannt. Diese Regierungen übten auch Druck auf die Bischöfe der verschiedenen christlichen Konfessionen aus, wenn sie einer israelfreundlichen Erklärung zustimmen würden.

Frage: War ein Wandel in der Theologie notwendig?

Mussinghoff: Ein Wandel war dringend notwendig, weil die uns überkommene Theologie den Bund Gottes mit seinem Volk Israel als beendet und durch das neue Volk Gottes in Christus, die Kirche, ersetzt sah. Außerdem gab es immer noch den heftigen Vorwurf gegen die Juden, sie seien wegen des Kreuzestodes Christi Gottesmörder. Demgegenüber stellten das Konzil und alle nachfolgenden Päpste fest, dass "die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt sind, um der Väter willen, sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich" (Nostra aetate Nr. 4). Der Apostel Paulus sagt von seinen Stammesverwandten, dass "ihnen die Annahme an Sohnes statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören, wie auch die Väter, und dass aus ihnen Christus dem Fleisch nach stammt" (Röm 9, 4-5). Der Alte Bund ist also nie gekündigt und aufgehoben worden; die Juden sind im Bund Gottes. Paulus spricht davon, dass am Ende "ganz Israel gerettet wird... denn (die Juden) sind von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt" (Röm 11, 26, 28, 29).

Porträt von Heinrich Mussinghoff
Bild: © KNA

Bischof Heinrich Mussinghoff (Aachen) ist innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz für die religiösen Beziehungen zum Judentum zuständig.

Frage: Was hat sich seit "Nostra aetate" im Verhältnis von Judentum und Christentum geändert?

Mussinghoff: Die Wende besteht darin, dass die Kirche anerkennt, dass auch die jetzt lebenden Juden von Gott geliebt sind und in seinem Bund stehen und dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, Gott "Seite an Seite zu dienen" (Zef 3, 9). Deshalb gibt es gute Beziehungen zum Zentralrat der Juden in Deutschland, Gespräche mit den beiden Rabbinerkonferenzen, gegenseitige Besuche und Gespräche. Deutsche Rabbiner und katholische Bischöfe waren im Juni zum ersten Mal gemeinsam im Heiligen Land und in Jerusalem. Bei der Beschneidungsdebatte haben wir als erste eine klare Stellungnahme abgegeben, die deutlich macht, dass die Beschneidung auch für Juden auf dem allgemeinen Menschenrecht auf Religionsfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern gründet.

Frage: Bei einer Gedenkveranstaltung zu "Nostra aetate" im Haus am Dom in Frankfurt haben Sie sich im Juni der Forderung des Präsidenten des Zentralrates der Juden angeschlossen, die 2008 neu formulierte Karfreitagsfürbitte möge zurückgenommen werden. Was hat es damit auf sich?

Mussinghoff: In unserer erneuerten katholischen Karfreitagsliturgie heißt es: "Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott unser Herr zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. - Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast. Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt." Papst Benedikt XVI. hat die alte Fürbitte für die sogenannte tridentinische Liturgie wiederhergestellt, in der für die Bekehrung Israels gebetet wird. Ich bin der Meinung, dass die neu formulierte Fürbitte exakt die Lehre des Konzils wiedergibt, die alte Fürbitte aber überholten theologischen Auffassungen Vorschub gibt.

Frage: Sind wir als Christen nicht verpflichtet, dafür zu beten, dass alle Menschen Jesus Christus erkennen?

Mussinghoff: "Nostra aetate" und die nachfolgenden Päpste haben erklärt, dass der Bund Gottes mit dem Volk Israel nicht gekündigt ist und fortbesteht. Das bedeutet: Wer als Jude in Treue zum Bund Gottes mit seinem Volk steht und die Tora, das Gesetz, hält, erfährt Gottes Heil und Rettung. Die Karfreitagsfürbitte unseres jetzigen Messbuches ist Ausdruck dieser Überzeugung, die auch biblisch grundgelegt ist.

Plakat zu Nostra aetate hängt am Kölner Dom
Bild: © katholisch.de

Die Erklärung "Nostra aetate" betont klar die Haltung der Kirche gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Frage:  Hans Hermann Henrix, der bei der Unterkommission der Deutschen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum tätig ist, sprach nach dem Eklat im Haus am Dom in einem Interview mit katholisch.de von Ihrer besonderen Verantwortung für die Aufarbeitung. Was haben Sie seitdem getan?

Mussinghoff: Es handelt sich bei der Zulassung der alten Karfreitagsfürbitte um eine päpstliche Entscheidung, über die man sprechen sollte. Ich weiß, dass mein Einspruch bei der Ökumenekommission und bei der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum in Rom angekommen ist. Es wäre schön, wenn das neue Nachdenklichkeit auslöst. Praktische Bedeutung hat die Frage nicht, da es in der katholischen Kirche kaum Karfreitagsliturgien nach dem alten Messbuch gibt; aber die neue Formulierung jüdische und katholische Gläubige beschwert.

Frage: Wie kann es gelingen, gleichzeitig sowohl den Auftrag zu erfüllen, von Jesus Christus allen Menschen Zeugnis abzulegen, als auch den besonderen Bund Gottes mit den Juden zu respektieren?

Mussinghoff: Ich freue mich, als Christ zu leben und für Jesus Christus vor den Menschen ein Zeugnis gläubigen Lebens abzugeben. Das heißt zum Beispiel heute, den Flüchtlingen beizustehen, sie willkommen zu heißen und sie zu unterstützen. Die Juden beten den gleichen Gott an und orientieren sich an den ethischen Grundweisungen der Zehn Gebote. Mit Respekt voreinander, auch vor unseren Unterschieden, können wir Seite an Seite Gott dienen und am Ende alle gerettet werden.

Frage: Was muss auf jüdischer und christlicher Seite in Zukunft noch geschehen?

Mussinghoff: Wir haben viel Gemeinsames, zum Beispiel die Schriften des Alten und Neuen Testamentes. Wir beten in unseren Gottesdiensten die Psalmen, das gemeinsame Gebetbuch von Juden und Christen. Jüdische und christliche Bibelwissenschaftler arbeiten inzwischen an gemeinsamen Kommentaren. Wir können gemeinsam soziale Arbeit leisten und Einrichtungen gemeinsam nutzen. Wir können gemeinsame Stellungnahmen zu politischen und wirtschaftlichen Fragen geben - zum Beispiel zum Religionsunterricht. Wir müssen gemeinsam unsere Stimme erheben, wenn antisemitische Äußerungen fallen oder Synagogen, Kirchen oder Einrichtungen beschmiert und geschändet werden. Als wir Bischöfe und Rabbiner zum ersten Mal gemeinsam im Heiligen Land waren, geschah der Brandanschlag auf die Kirche in Tabgha. Wir sind gemeinsam dort hingefahren, haben den Anschlag verurteilt und den Mönchen unser Mitgefühl ausgesprochen. Unterschiede bleiben bei den unterschiedlichen Religionen, aber wir können in Frieden miteinander leben. Beide Religionen geben Zeugnis für den lebendigen Gott. Wir sind gemeinsam sozusagen ein "Pro-God-Movement". Unser Miteinander ist gut geworden. Freundschaften sind gewachsen. Wir sind verlässliche Partner.

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Anlässlich des 50. Jahrestages der Erklärung Nostra aetate zum Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen luden die Deutsche Bischofskonferenz und die Katholische Akademie Rabanus Maurus im Haus am Dom in Frankfurt zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung ein. Sie stand unter dem Thema "Eine Revolution im Verhältnis der Kirche zum Judentum: 50 Jahre Konzilserklärung Nostra aetate".

Von Julia-Maria Lauer