Eine christliche Gemeinde in Pakistan.
Christen in Pakistan leiden unter Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt

Wenn Christsein lebensgefährlich wird

Nicht erst seit dem Anschlag an Ostersonntag ist die Lage für Christen in Pakistan schwierig: In der islamischen Republik, in der 96 Prozent Muslime leben, gehören sie zu den Minderheiten. Was ihnen besonders zu schaffen macht, ist das sogenannte Blasphemiegesetz.

Von Johanna Heckeley |  Lahore/Aachen - 30.03.2016

Wer in Pakistan den Propheten Mohammed verunglimpft, kann zum Tode verurteilt werden; auf Koranschmähung stehen lebenslange Haftstrafen. Die fünf umstrittensten Paragraphen wurden während der Militärherrschaft zwischen 1980 und 1986 eingeführt. Heute könne selbst die Kritik an diesen Gesetzen als Vorwand für eine Anklage wegen Gotteslästerung dienen, berichtet das Hilfswerk missio Aachen. Im Alltag werde das Blasphemiegesetz dazu missbraucht, um im Zuge von Nachbarschaftsfehden, politischer Querelen oder ökonomischer Streitigkeiten missliebige Personen und religiöse Minderheiten auszuschalten oder unter Druck zu setzen.

2010 hatte der Fall der Christin Asia Bibi für internationales Aufsehen gesorgt: Die fünffache Mutter war zum Tode verurteilt worden, weil sie sich abfällig gegen den Propheten Mohammed geäußert haben soll. Sie bestreitet die Vorwürfe und legte Berufung ein. Der Oberste Gerichtshof setzte im Juli 2015 zwar das Todesurteil aus, ein Termin für die weitere Verhandlung ist aber noch nicht bekannt, laut missio, das 2014 eine Unterschriftenaktion für Asia Bibi gestartet hatte.

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Video: © Missio Aachen

Missio übergibt seine Petition für die Freilassung der Christin Asia Bibi an die Bundesregierung

Gefährlich war der Fall auch für Asia Bibis Unterstützer: Shabbaz Bhatti, Minister für religiöse Minderheiten in der Regierung Pakistans, wurde 2011 ermordet. Und der frühere Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, der sich für die Christin und eine Reform der Blasphemiegesetze einsetzte, wurde von seinem eigenen Leibwächter erschossen. Taseers Mörder wurde zum Tode verurteilt und im Februar dieses Jahres hingerichtet. Daraufhin setzten nach Medienberichten islamistische Kreise ein Kopfgeld in Höhe von bis zu 500.000 Dollar für die Ermordung von Asia Bibi aus.

Christen sind gesellschaftlich stigmatisiert

Doch das Blasphemiegesetz ist nicht alles: Auch im Alltag erfahren Christen in Pakistan Diskriminierung, Ausgrenzung und Ausbeutung. Missio bezeichnet die Christen in einem Bericht von 2014 als "in sozio-ökonomischer Hinsicht benachteiligte Gruppe": In den Städten seien Christen gesellschaftlich stigmatisiert, weil sie überproportional häufig "unreine" Berufe bei der Straßenreinigung, der Müllabfuhr oder als Haushaltshilfe ausübten; auf dem Land, weil dort siebzig Prozent der Christen als Landlose arbeiteten. Dadurch, dass christliche Bildungseinrichtungen verstaatlicht und islam-zentrierte Lehrpläne eingeführt worden sind, komme ein mangelnder Zugang zur Bildung hinzu. Im öffentlichen Leben wie in der Politik sind Christen daher selten vertreten.

Trotz der Unterdrückung und Ausgrenzung versuchen Christen in Pakistan, ihren Glauben zu leben.

Trotz der Unterdrückung und Ausgrenzung versuchen Christen in Pakistan, ihren Glauben zu leben.

Die gesellschaftliche Abneigung gegenüber Christen bekommen vor allem Frauen zu spüren. Missio Aachen berichtet von Zwangsehen und Zwangskonversionen in Pakistan: "Mädchen christlichen Glaubens – in der Regel im Alter zwischen 12 und 25 – werden verschleppt, zum Islam konvertiert und mit dem Entführer beziehungsweise einem Dritten verheiratet." Zwar erstatteten die Angehörigen des Opfers Anzeige, aber das Gerichtsverfahren bliebe oft ergebnislos: Bei der Vernehmung werde das Mädchen aufgefordert, zu bezeugen, ob es aus freien Stücken konvertierte und heiratete. In den meisten Fällen verbleibe das Mädchen während des Verfahrens jedoch bei dem Entführer. Gibt das Mädchen dann – etwa, weil es bedroht werde – an, freiwillig konvertiert zu sein und in die Heirat eingewilligt zu haben, werde das Verfahren eingestellt.

Ein weiteres Beispiel sind Fälle von Lynchjustiz wie im Februar 2015, als Dorfbewohner eine schwangere Frau und ihren Mann in den Ofen einer Ziegelei trieben, wo sie lebendig verbrannten. Wegen angeblicher Gotteslästerung hatte der Mullah die Dorfbewohner gegen die Christen aufgehetzt: Der Frau wurde vorgeworfen, Papierschnipsel verbrannt zu haben, auf denen Koranverse standen.

Anschläge gegen Christen

Am 22. September 2013 griffen Selbstmordattentäter der Taliban die Allerheiligenkirche in Peschawar, eine Stadt im Nordwesten Pakistans, an. Es starben mehr als 80 Personen, rund 120 wurden verletzt. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder. Am 15. März 2015 starben mehr als 20 Personen bei Selbstmordanschlägen der Taliban auf zwei Kirchen in Lahore; mehr als 80 wurden verletzt.

Linktipp: Entsetzen über Anschlag gegen Christen

Zahlreiche christliche Familien feierten am Sonntag in einem Park in Lahore das Osterfest, als der Ort von einem blutigen Bombenanschlag erschüttert wurde. Über 70 Menschen kamen ums Leben. Der Papst spricht von einem niederträchtigen Verbrechen.

Erzbischof von Lahore: Hass keinen Raum geben

Das Selbstmordattentat am Ostersonntag droht nach den Worten des katholischen Erzbischofs von Lahore, Sebastian Francis Shaw, die Arbeit mehrerer Jahre zunichte zu machen. Nach dem 11. September 2001 sei die Lage für Christen "sehr angespannt" gewesen. "Aber in den vergangenen vier, fünf Jahren ist es etwas besser geworden." Der Erzbischof zeigte sich dankbar für die weltweite Solidarität, aber auch die Reaktionen der Menschen in Pakistan selbst: "Politiker und Vertreter anderer Religionen haben uns ihr Beileid ausgesprochen." Es gelte nun, trotz allen Leids dem Hass keinen Raum zu geben, "sondern sich als Menschen gegenseitig zu respektieren und zu lieben“, so Shaw über das Verhältnis von Christen und Muslimen. "Wir sind alle Pakistaner und können das nur gemeinsam schaffen." (gho/KNA)

Von Johanna Heckeley