Wenn sich Jugendliche mit der Gottesfrage beschäftigen
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Kolumne: Mein Religionsunterricht

Wenn sich Jugendliche mit der Gottesfrage beschäftigen

Vorurteile gibt es viele. Aber wie sieht es wirklich mit der Religiosität der Jugend, ihrem Interesse an religiösen Fragen aus? Wie erlebt man Schüler von heute im Reli-Unterricht – gelangweilt oder doch interessiert? Antworten gibt Gymnasiallehrer Rudolf Hengesbach – mit überraschenden Erkenntnissen.

Von Rudolf Hengesbach |  Paderborn - 01.02.2019

Lehrer Rudolf Hengesbach

"Jugendliche, Religion und Kirche – das passt nicht mehr zusammen!" Oder auch: "Gehen Sie doch am Wochenende mal in den Gottesdienst – Jugendliche werden Sie dort nicht finden!" Vielleicht sind Ihnen diese Aussagen schon einmal begegnet, vielleicht haben Sie sie sogar mehr als einmal gehört. Aber wie sieht es wirklich mit der Religiosität unserer Jugendlichen und ihrem Interesse an religiösen Fragen aus? Wie erlebe ich Schüler von heute im Unterricht – interessiert oder doch gelangweilt? Bereit, sich auf Gespräche einzulassen oder mit ständigem Blick auf die Uhr und der Erwartung des Stundenendes?

Alles davon habe ich erlebt, aber eine Wahrnehmung ist mir im Gedächtnis geblieben: Ein großer Teil meiner Schüler hat sich letztendlich doch in bestimmte Fragestellungen hineinlocken lassen und einen offenen Austausch mit mir aber auch untereinander für gut befunden – vor allem, wenn es um Fragen ging, die für sie nicht belanglos waren. Dabei ging es beileibe nicht nur um das Problem der Sterbehilfe und die Frage nach Gott und dem Leid, sondern auch um die Vorstellung von Gerechtigkeit im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg oder die Frage nach prophetischem Handeln in unserer Gesellschaft.

Gut und schön, könnte man einwenden. Die Schüler nehmen am Unterricht teil, bekommen Noten, möchten sich gegebenenfalls im Abitur prüfen lassen. Aber interessieren sie religiöse Themen wirklich – auch über den Unterricht hinaus? Diese Frage kam auf mich zu, als ich gebeten wurde, in der Jury des Schüler- und Jugendwettbewerbs der ökumenischen Stiftung Bibel und Kultur in Nordrhein-Westfalen mitzuwirken. Würden sich Jugendliche durch einen solchen Wettbewerb überhaupt angezogen fühlen und wenn ja, wie viele?

Wie Jugendliche mit der Gottesfrage in Berührung bringen?

Bereits im Vorbereitungskreis gab es intensive Diskussionen darüber, wie es gelingen kann, Jugendliche mit der Gottesfrage in Berührung zu bringen. Letztlich wurde eine Anregung von Studierenden aus Dortmund aufgenommen und der Titel "Selfie von Gott" ausgewählt. Dahinter stand die Idee von der Bibel als Gottes Selfie, aber auch die Frage, was passiert, wenn ich selbst mit ins Bild komme. Aber würden Jugendliche bereit sein, sich damit intensiv, außerhalb des Unterrichts, überhaupt zu beschäftigen? Nicht nur ich, sondern auch die anderen Jurymitglieder waren ganz gespannt auf die Resonanz. Zwischendurch stand die Zahl von 200 im Raum – versehen mit dem Kommentar: Es wäre schön, wenn wir 200 Beiträge erreichen würden. In anderen Bundesländern hatte das zuvor geklappt.

Ich selbst hatte überhaupt keine Vorstellung, auf was ich mich da eingelassen hatte und war total überrascht und überwältigt, dass am Ende mehr als 1.000 Wettbewerbsbeiträge sowohl aus verschiedenen Schulformen als auch aus Firmgruppen eingegangen waren: Insgesamt haben sich also mehr als 10.000 junge Menschen mit der Gottesfrage beschäftigt. Und zwar freiwillig. Auf diese Weise bekamen wir einen Eindruck von den vielgestaltigen Beziehungen Jugendlicher zum Ich, zur Welt und zu Gott.

Auch wenn die Anbindung an ihre Lebenswelt nicht immer deutlich wurde, so erfuhren wir doch, mit welchen Gottesbildern wir als Lehrer bei unseren Schülern rechnen dürfen und müssen. Offensichtlich kommt es darauf an, Jugendlichen Möglichkeiten zu eröffnen, sich in ihrer Sprache und in ihren Ausdrucksformen artikulieren zu können. Der nächste Schritt darf dann aber nicht nur darin bestehen, ihre Fragen und Interessen zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen stattdessen qualifiziert auf sie eingehen und mit ihnen in eine Kommunikation über ihren Glauben eintreten. So könnte zum Beispiel aus dem Schulalltag eines nach Konfessionen getrennten Religionsunterrichts auch eine ganz andere Frage erwachsen: Warum ist der Unterricht überhaupt getrennt? Und macht nicht ein konfessionell-kooperativer Religionsunterricht oder ein Religionsunterricht für alle viel mehr Sinn?

Bleibt abschließend darüber hinaus die Frage, was von einer Religionslehrkraft heute erwartet wird und wie die Religionslehrkräfte von morgen vorbereitet und in ihr Berufsleben hinein begleitet werden. Eine, wie ich finde, notwendige Zusammenarbeit mit Universitäten ist an dieser Stelle, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, äußerst spannend, aufschlussreich und für alle Beteiligten mehr als hilfreich. Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.