Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

Wie kann er nur?

"Jesus, wie kannst du mir dein Fleisch zu essen und dein Blut zu trinken geben?" Diese Frage aus dem Sonntagsevangelium bereitet auch Schwester Ursula Hertewich zuweilen Kopfzerbrechen. Sie schreibt, was ihr persönlich bei der Beantwortung hilft.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Bonn - 18.08.2018

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

"Wie kann er…?" – Die gleiche Frage, über die die Juden im heutigen Evangelium in Streit geraten, würde auch ich Jesus gerne stellen: "Jesus, wie kannst du mir dein Fleisch zu essen geben? Wie kannst du mir dein Blut zu trinken geben?" Genau dieses "Wie" bereitet auch mir zuweilen Kopfzerbrechen. Aber auf dieses "Wie" geht Jesus in seiner Antwort mit keinem einzigen Wort ein. Es ist seltsam, er versucht es gar nicht erst, sich seinen Zuhörern verständlich zu machen, sondern setzt noch eins drauf: "Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch." Punkt. Aus. Basta. Jesus lässt viele Zweifel offen, nur eines ist zweifellos: Es geht hier um viel, ja, es geht sogar um alles, um Sein oder Nichtsein.

Wenige Verse zuvor lesen wir von der wundersamen Brotvermehrung (Joh 6, 1 ff.). Ohne dass jemand weiß wie, gelingt es Jesus, mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen eine Schar von fünftausend Männern zu sättigen. Die Menge ist begeistert, erkennt in Jesus den großen Propheten und will ihn sogar zu ihrem König machen. Doch Jesus zieht sich allein zurück auf den Berg, bevor er sich den suchenden Menschen am kommenden Tag erneut zuwendet. In seiner Brotrede will er sie nun tiefer führen und serviert deutlich schwerer verdauliche Kost: "Ich bin das Brot des Lebens.", sagt er, und: "Das Brot, dass ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.", und: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm."

Es gibt in unser aller Leben einen Hunger, den kein Brot dieser Welt stillen kann und einen Durst, der durch kein Wasser dieser Welt zu löschen ist. Es sind der Hunger und der Durst nach Liebe, nach Angenommensein, nach innigster Beziehung, nach Sinn, nach ewigem Leben, nach dem Bleibenden. Mit seinen eindringlichen Worten will Jesus dieser unstillbaren menschlichen Sehnsucht eine klare Ausrichtung geben. Er lädt seine Zuhörer ein, sich auf ihrer inneren "Nahrungssuche" nicht abspeisen zu lassen, sondern sich ihn selbst "einzuverleiben", in dessen Person die Liebe Gottes Fleisch angenommen hat.

Und da taucht sie wieder auf: die beißende anfängliche Frage nach dem Wie. Wahrscheinlich zählt es zu den größten Herausforderungen unseres Lebens, uns darüber nicht in unfruchtbaren Grübeleien zu verlieren, denn dadurch halten wir uns Christus – bewusst oder unbewusst – vom Leib. Mir persönlich hilft es, wenn ich auf unsere menschlichen Beziehungen schaue: Was für eine schroffe Unterbrechung einer Liebesbeziehung wäre es, wenn ein Mensch sich dem anderen hingeben will, aber der andere erst einmal fragt: "Wie kannst du…?", statt auf dieses Liebesangebot ebenfalls mit Hingabe zu antworten? Und umgekehrt: Welch eine Seligkeit erwächst daraus, wenn Liebe frag-los zwischen Menschen hin und her fließen darf?

In der Person Jesu Christi will Gott jeden einzelnen Menschen hineinnehmen in Sein innergöttliches Liebesgeschehen, in Berührung bringen mit der "unerschöpflichen Quelle des Lebens, die sich unaufhörlich schenkt und mitteilt", wie es Papst Benedikt XVI. ausdrückte. Streiten wir uns nicht über das Wie. Lassen wir es zu, dass Er uns so nahe kommt, dass seine Liebe uns nährt bis auf den Grund unserer Seele.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Johannes (Joh 6, 51-58)

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.

Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank.

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.

Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und Buchautorin. Sie arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.