"Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren"
Mediziner Hardinghaus zu 25 Jahre Hospiz- und PalliativVerband

"Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren"

Mittlerweile sterben Todkranke nicht mehr in der Abstellkammer: In den letzten 25 Jahren hat die Hospizbewegung viel erreicht. Dennoch müsse noch viel getan werden, so Mediziner Winfried Hardinghaus.

Von Christoph Arens (KNA) |  Osnabrück - 15.02.2017

Frage: Herr Professor Hardinghaus, Ihr Hospiz- und PalliativVerband wird 25 Jahre alt. Sind Sie zufrieden mit dem, was die Hospizbewegung erreicht hat?

Hardinghaus: Hinter uns liegen zweieinhalb Jahrzehnte fruchtbarer Arbeit. Aus einer zarten Pflanze ist - vor allem durch das Engagement vieler Ehrenamtlicher - eine starke Bürgerbewegung geworden. Wir dürfen zu Recht stolz darauf sein, dass über Sterben und Tod in Deutschland wieder viel offener gesprochen wird und dass viele Menschen nicht mehr in den Badezimmern und Abstellkammern der Krankenhäuser sterben müssen. Deutschland galt lange bei der Betreuung Sterbenskranker als rückständig; nach einer Untersuchung unter den 40 OECD-Staaten stehen wir mittlerweile an achter Stelle.

Frage: Wie sieht es denn bei der Versorgung mit stationären Hospizen und ambulanten Hospizdiensten aus?

Hardinhaus: Wir sind insgesamt gut versorgt. Sicher, es gibt ländliche Regionen, in denen das Netz der Hospize und Hospizdienste noch Lücken hat. Auch an manchen Krankenhäusern könnten noch Palliativdienste aufgebaut werden; es muss ja nicht immer gleich eine ganze Station sein. Gerade bei den stationären Hospizen sehe ich aber sogar eine Gefahr der Überversorgung in manchen Ballungsgebieten. Das liegt unter anderem daran, dass es derzeit keinen Hospizbettenbedarfsplan gibt. Zudem ist auch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) mancherorts noch ausbaufähig.

Dossier: Die letzten Dinge regeln

Vieles, was sich am Ende unseres Lebens abspielt, entzieht sich unserem Einfluss. Einiges lässt sich jedoch gut vorab regeln. Katholisch.de hat Tipps und Hilfen zur Todesfallvorsorge zusammengestellt.

Frage: Es gibt Stimmen, die gravierende Mängel an Sterbebegleitung in Alten- und Pflegeheimen beklagen. Die Bewohner seien gegenüber anderen Sterbenskranken massiv benachteiligt, heißt es.

Hardinghaus: Derzeit sterben rund 25 Prozent der Menschen in Heimen, und es werden künftig wohl noch mehr werden. Ich sehe die Situation nicht so dramatisch wie manche Kritiker: Auch in Heimen werden Sterbende gut versorgt. Allerdings könnten manche Einrichtungen noch mehr mit Ärzten oder ambulanten Diensten zusammenarbeiten und solche externen Dienstleister bei Bedarf ins Haus holen. Das Gesetz erlaubt das; in der Praxis fehlt da manchmal das Engagement.

Frage: Ende 2015 hat der Bundestag das Hospiz- und Palliativgesetz verabschiedet. Sehen Sie große Verbesserungen?

Hardinghaus: Es gibt noch intensive Verhandlungen über die Rahmenvereinbarungen. Für die ambulanten Hospize sind sie abgeschlossen, auch die besseren Vergütungen der ambulanten Hospizdienste sind beschlossen. Aber zu den stationären Hospizen laufen die Gespräche noch. Es geht um Qualitätsanforderungen, die Aufgaben der Ärzte und zahlreiche Detailfragen. Wie groß darf ein Hospizzimmer sein? Welche Mindeststandards braucht so ein Zimmer? Da wird gekämpft.

Frage: Einerseits ist die Einbindung in das Gesundheitssystem sicher sinnvoll. Andererseits fürchtet der Soziologe Reimer Gronemeyer, dass Palliativmedizin und Hospize immer mehr zu einer standardisierten medizinischen Dienstleistung werden...

Hardinghaus: Ich verstehe diese Kritik. Die Hospizbewegung muss aufpassen, dass sie nicht ihre Seele verliert und sich nicht von dem Trend zu Ökonomisierung und Institutionalisierung lähmen lässt.

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Frage: Wie kann sie das schaffen?

Hardinghaus: Wir müssen vor allem das ehrenamtliche Element stärken. Hospizarbeit heißt, gerade den Kranken und Schwachen Gastfreundschaft zu erweisen und uns um sie zu kümmern. Es geht um die Bedürfnisse der Sterbenden und ihrer Angehörigen und nicht um die Standards, die das Gesundheitssystem vorschreibt. Deshalb bestehen wir auch darauf, dass die Hospize nicht zu 100 Prozent von den Kassen gefördert werden, sondern nur zu 95 Prozent. Der Rest wird durch Spenden finanziert.

Frage: Wo sehen Sie Arbeitsschwerpunkte für die Zukunft?

Hardinghaus: In einer Gesellschaft des langen Lebens und angesichts einer verstärkten Tendenz zur Individualisierung wird die Sterbebegleitung nicht unwichtiger werden. Wir müssen Sterben, Trauer und Tod noch stärker als Thema in der Öffentlichkeit verankern. Auch die Trauerbegleitung müsste gestärkt werden. Zudem müssten sich unsere Angebote noch mehr für andere Gruppen von Schwerstkranken öffnen. Aus der Tradition heraus werden vor allem Tumorkranke versorgt. Aber auch schwerst Demenzkranke, Schlaganfall- oder Herzkreislaufpatienten brauchen Hilfe. Das Gesetz lässt das längst zu.

Frage: Wie sieht es mit der Ausbildung der Mediziner aus? Lange wurde geklagt, dass es zu wenig Ärzte mit Kenntnissen in Palliativmedizin gibt.

Hardinghaus: Ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg. Allerdings hat noch nicht jede Uniklinik einen Lehrstuhl für Palliativmedizin. Und das halte ich für nötig.

Von Christoph Arens (KNA)

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Stichwort: Palliativmedizin und Hospize

Palliativmedizin ist die Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung, beispielsweise Krebs, Demenz oder Aids. Ziel ist nicht mehr die Heilung, sondern die Linderung von Schmerzen und die Sicherung möglichst hoher Lebensqualität. Dazu gehört nicht nur die Schmerztherapie, sondern auch die psychologische und spirituelle Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen.

Palliativmedizin und Sterbebegleitung werden in Deutschland in unterschiedlichen Formen in Krankenhäusern oder Hospizeinrichtungen angeboten. Daneben gibt es auch ambulante Dienste, die Patienten zu Hause betreuen. Nach Angaben der Nationalakademie Leopoldina werden Patienten im Schnitt zwei Jahre lang palliativ versorgt. Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten ist eine spezialisierte Palliativversorgung notwendig. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz dauert die durchschnittliche Sterbebegleitung in einem Hospiz 18 Tage.

Fast 10.000 Mediziner haben die Zusatzausbildung

Über die Zahl der Einrichtungen gibt es unterschiedliche Statistiken. Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV) gibt es in Deutschland rund 1.500 ambulante Hospizdienste, über 236 stationäre Hospize und mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Die Zahl der Teams für Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), die Sterbenden zu Hause in schwersten Versorgungssituationen beistehen sollen, ist auf über 300 gewachsen. Notwendig wären in Deutschland nach Schätzungen des PalliativVerbandes 330 Teams. In der Hospizbewegung engagieren sich den Angaben zufolge bundesweit 100.000 Ehrenamtliche und Hauptamtliche. Bis 2015 haben nahezu 10.000 Mediziner die Zusatzausbildung zum Palliativmediziner absolviert. (KNA)