"Wir müssen zwingend dafür beten"
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ZfB-Direktor Michael Maas über fehlenden Priesternachwuchs

"Wir müssen zwingend dafür beten"

Die Zahl der Priesterweihen in Deutschland geht zurück. Das Zentrum für Berufungspastoral versucht, dem Trend entgegenzusteuern. Direktor Michael Maas über Gebet und andere Werbung für den Priesterberuf.

Von Björn Odendahl |  Freiburg - 29.08.2016

Frage: Herr Maas, nur 58 Männer wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zu Priestern geweiht. Es waren nie weniger…

Maas: Ich weiß nicht, ob es nie weniger waren. Ich wäre mit Superlativen jedenfalls vorsichtig. In der Kirchengeschichte gab es immer mal wieder Aufs und Abs. Direkt nach der Französischen Revolution, aber auch im folgenden 19. Jahrhundert gab es schwere Zeiten und sehr wenige Priesterweihen.

Frage: Dann blicken wir einfach auf die Zeit seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dann ist es definitiv die niedrigste Zahl. Was folgt nun daraus?

Maas: Das ist eine schwere Frage. Wenn wir konkrete Antwort darauf hätten, dann hätten wir sie sicher schon gegeben. Denn wir wissen ja nicht erst seit heute von dieser Entwicklung. Sie hat sich bereits seit längerem abgezeichnet. Eigentlich müsste es uns sogar noch mehr alarmieren, als es das derzeit tut. Die deutschen Bischöfe machen sich zwar große Sorgen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass das Problem in den Gemeinden nicht so wirklich realisiert wird. Da beklagt man eher die Konsequenzen wie die Pfarreifusionen.

Frage: Worin besteht denn das eigentliche Problem?

Maas: Darin, dass der Lebensinhalt der Gemeinde wegbricht. Und das sind die Sakramente, die der Priester spendet. Die Eucharistie, aber auch alle anderen. Wenn niemand mehr die Sakramente spenden kann, ist das ein sehr drastischer Vorgang, eine Notsituation.

Pfarrer Michael Maas im Porträt

Michael Maas ist Direktor des Zentrums für Berufungspastoral in Freiburg.

Frage: Wie geht man nun mit dieser Notsituation um?

Maas: Zuerst einmal sollten wir damit umgehen, wie wir das in der Kirche mit allen Notsituationen tun. Ob es Krieg, Verfolgung oder persönliche Trauer ist: Man nimmt sie mit in das Gebet. Wir müssen zwingend dafür beten, dass es Priesterberufungen oder überhaupt geistliche Berufungen gibt. In den USA gibt es eine Bewegung, die "Adoration for Vocations" (dt.: Anbetung für Berufungen) heißt, und die sich genau diesem Anliegen widmet. Aus den Diözesen, in denen diese Bewegung verbreitet ist, hört man, dass einerseits die Zahl der Berufungen gestiegen ist, andererseits auch das Glaubensleben gestärkt wurde. Deshalb wollen wir bei uns auch das Gebet um geistliche Berufungen fördern. Wir haben dazu eine Monstranz anfertigen lassen, die man überall dort erwerben kann, wo in diesem Anliegen gebetet wird. So ist man im Gebet verbunden und schafft eine stärkere Identität.

Frage: Aber beten allein wird wohl nicht reichen, oder?

Maas: Nun, es ist die Grundlage von allem. Aber es reicht nicht aus. Das Gebet drängt ja zur Tat. Deshalb braucht es eine Gesamtbetrachtung der Dinge. Wenn in der Kirche momentan alles gut laufen würde und wir nur keine Priester hätten, dann müsste man sicher nach der einen Stellschraube suchen, an der man zu drehen hat. Aber so ist es leider nicht. Das kirchliche Leben blüht nicht. Schauen Sie in die Gottesdienste: Die einzigen jungen Menschen sind dort häufig die zwei bis drei Messdiener. Und wir müssen hoffen, dass sich aus dieser sehr kleinen Gruppe dann noch jemand dazu entscheidet, Priester zu werden. Zuallererst muss also die kirchliche Jugendarbeit, das Glaubensleben in den Familien und damit die Beziehung junger Menschen zu Jesus Christus gestärkt werden.

Frage: Aber gibt es nicht doch auch diese kleinen Stellschrauben? Muss sich vielleicht am Priesterbild etwas ändern? Oder braucht es mehr Werbung für den Beruf des Priesters?

Maas: Werbung für den Priesterberuf zu machen, ist schwierig. Das macht letztlich der liebe Gott. Er ist es ja, der in seine Nachfolge ruft. Was wir tun können, ist zu zeigen, was den priesterlichen Dienst ausmacht. Häufig hört man nur, wie schwer es der Pfarrer heute hat, wie arm er dran ist oder dass er auf so viel verzichten muss. Dabei kann das Priesterleben unglaublich erfüllend sein. Ich selbst bin seit 13 Jahren Priester und erlebe so viel Schönes und Wertvolles. Ich darf Menschen trauen und taufen oder sie auf ihrem Lebensweg begleiten. Ich darf Trauernden beistehen und ihnen durch das Evangelium Hoffnung schenken. Ich darf Kinder in Jugendgruppen oder im Zeltlager erleben und ihnen in der Feier der Sakramente Impulse für das Heranwachsen geben. Diese Vielfältigkeit müssen wir noch stärker deutlich machen. Unser Projekt "Valerie und der Priester" ist ja so ein Versuch, das Leben eines Priesters kennen zu lernen.

Der Künstler Michael Huber hat die "Berufungsmonstranz" gestaltet. Sie soll als Zeichen der inneren Verbundenheit im Gebet um Berufungen dienen.

Frage: Dennoch ist der Verzicht – zum Beispiel in Form des Zölibats – nicht wegzudiskutieren. Gleichzeitig schwindet die gesellschaftliche Anerkennung für Priester, die vor 20 oder 30 Jahren noch viel stärker ausgeprägt war.

Maas: Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht. Es ist ein Leben, das auch Verzicht erfordert. Und ich stimme Ihnen auch zu, dass die Anerkennung für diesen Verzicht schwindet. Das ist aber ein generelles Problem unserer Gesellschaft, das nicht nur auf zölibatär lebende Priester zutrifft, sondern etwa auch auf die Ehe und die Offenheit für Nachwuchs. Auch da geht es darum, das eigene Leben zurückzunehmen und dem Partner und den Kindern mehr Platz einzuräumen. Das ist längst nicht mehr selbstverständlich. Andererseits gilt in beiden Fällen: Wenn ich weiß, wofür ich auf etwas verzichte, kann daraus eine starke Kraft erwachsen. Das erleben gestresste Eltern, wenn ihr Kind sie anlächelt. Und ähnlich ist es auch im Zölibat: Der bewusste Verzicht auf Ehe und Familie, um ganz für die Verkündigung des Evangeliums frei zu sein, ist eine lohnende Sache. Etwas anderes ist der Bedeutungsverlust, den die Kirche teilweise auch selbst verschuldet hat; etwa durch den Missbrauchsskandal, bei dem viel Vertrauen verspielt wurde.

Frage: Die Chance auf neue Priester steigt natürlich, wenn man auch Männer zulässt, die nicht zölibatär leben – oder vielleicht sogar Frauen. Was denken Sie darüber?

Maas: Natürlich beschäftigt man sich mit solchen Fragen. Für mich ist jedoch wichtig, dass man mit Veränderungen die Ursache eines Problems bekämpft. Und ich glaube nicht, dass das bei der Abschaffung des Zölibats oder der Zulassung von Frauen zum Priesteramt der Fall wäre. Sicher würde es einige Kandidaten mehr geben, die für das Priesteramt infrage kämen. Aber die Glaubenskrise und die damit verbundene rückläufige Zahl der Gläubigen würde es weiterhin geben. Außerdem sollte man die beiden Lösungsvorschläge nicht vermischen: Der Zölibat hat definitiv seinen Wert und erwächst aus dem Evangelium, ist aber kein Dogma. Das Frauenpriestertum zu realisieren, wäre dagegen ungemein schwieriger, weil sich hier auch die Päpste Johannes Paul II. und Franziskus eindeutig dagegen ausgesprochen haben. In beiden Fragen gilt jedenfalls, dass wir aus theologischer und nicht aus pragmatischer Sicht argumentieren müssen.

Linktipp: Nicht immer einer Meinung

Seit drei Monaten begleitet die Journalistin Valerie Schönian den Priester Franziskus von Boeselager durch den Alltag. Wie geht es den beiden damit? Kommt das Projekt an? Zeit für ein Zwischenfazit.

Frage: Es gibt Stimmen wie die von Alexander Kissler vom Magazin "Cicero", die behaupten, dass der Priestermangel von den Bischöfen gewollt sei. Er macht das dran fest, dass die Priester in den neuen Pastoralkonzepten kaum noch Erwähnung finden. Was halten Sie von der Aussage?

Maas: Den Bischöfen zu unterstellen, sie wollten keine Priester mehr haben, ist natürlich Unsinn. Die neuen pastoralen Konzepte sind eine Reaktion darauf, dass es immer weniger Priester gibt – und nicht umgekehrt. Was man sagen kann, ist, dass Selbstverständlichkeiten in den ausformulierten Konzepten ab und zu etwas zu kurz gekommen sind. Aber es sollte eigentlich klar sein, dass die Gemeinde aus der Eucharistie lebt. Das ist ja vorauszusetzen. Was hier niedergeschrieben wurde, sind mögliche neue Wege für die aktuelle Situation der Kirche.

Frage: Was bedeutet das alles konkret: Sind wir auf Priester aus dem Ausland angewiesen, wenn wir weiterhin flächendeckend die Eucharistie feiern wollen?

Maas: Eine  einfache Antwort darauf gibt es nicht. Deshalb gehen die Diözesen da auch unterschiedlich vor. Priester aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, klingt erst einmal nach der einfachsten Lösung. Es gibt Beispiele, wo das gut gelingt. Sie bringt aufgrund der Unterschiede in der Mentalität und der sprachlichen Barrieren aber auch immer wieder Schwierigkeiten mit sich. Ich glaube, dass wir auf Dauer eine neue und breite Bewegung in Deutschland brauchen. In einer stärker säkular werdenden Welt brauchen wir zunehmend Christen, die sich in den Pfarreien, in den neuen geistlichen Gemeinschaften, in den Orden  zu Gebetsgruppen  treffen, sich vernetzen, gegenseitig stärken und sich ihres eigenen Glaubens vergewissern. Als einen der wichtigsten Aspekte erachte ich daher tatsächlich das Gebet. Denn Berufungen können wir letztlich nicht machen, sondern nur von Gott erbitten. Damit gilt, was Papst Franziskus in seiner Ansprache beim Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfen gesagt hat: "Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen."

Von Björn Odendahl