Wirbel um den "Armleuchter"
Neue Hypothese zur Erfurter Wolfram-Figur wirft viele Fragen auf

Wirbel um den "Armleuchter"

Ist er statt eines christlichen Büßers ein jüdischer Hohepriester? Wissenschaftler haben eine neue Theorie zur Herkunft des berühmten "Wolfram" im Erfurter Dom, einer hochmittelalterlichen Bronzeskulptur. Die These sorgt bereits jetzt für einigen Wirbel.

Von Karin Wollschläger (KNA) |  Erfurt - 05.03.2016

Seit 1425 ist "Wolfram" im Dom nachweisbar. Bislang hielt man ihn für eine Büßerfigur. Jetzt haben Wissenschaftler vom Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt die Hypothese aufgestellt, dass die Skulptur jüdischen Ursprungs ist. Weder ist diese These schon im Detail veröffentlicht, noch ihr Wahrheitsgehalt geklärt - doch eines hat sie bereits ausgelöst: die Debatte um eine mögliche Rückführung.

Bistum von Theorie überrascht

Wolfram sei der biblische Hohepriester Aaron, seine ursprüngliche Bestimmung nicht, Kerzen zu halten, sondern eine Thora-Rolle in der Synagoge. Mit dieser Hypothese überraschte am vergangenen Donnerstag der Religionswissenschaftler Jörg Rüpke im MDR. Wahrscheinlich sei das romanische Kunstwerk nach den Judenpogromen von 1349 in den Mariendom gelangt. Der Experte für die Geschichte der antiken römischen Religionen vertritt diese Auffassung zusammen mit der französischen Philosophie-Professorin Julie Casteigt und dem Tübinger Moraltheologen Dietmar Mieth. Im Mai wollen sie ihre Theorie erstmals in der "Zeitschrift für Religion und Geistesgeschichte" veröffentlichen.

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr vor dem Erfurter Dom.
Bild: © dpa

Bischof Ulrich Neymeyr vor dem Erfurter Dom. Das Bistum wurde von der Theorie zur Wolfram-Statue überrascht.

Das Bistum Erfurt wie auch die Jüdische Landesgemeinde Thüringen wurden von der neuen Theorie überrascht und erfuhren erst aus den Medien davon. Beide Seiten begrüßten, dass die Wissenschaftler sich der Figur und ihres Ursprungs angenommen hätten. Welche Konsequenzen die Erkenntnisse haben könnten, wenn sie sich denn bestätigen, ist indes unklar. "Erst wenn die Hypothese veröffentlicht und bewertbar ist, wird sich das Bistum dazu äußern können", sagte Bistumssprecher Peter Weidemann am Montag.

Unterdessen erklärte der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, er wolle mit seinem "Freund Bischof Ulrich Neymeyr" über die Skulptur sprechen, "sobald die Untersuchungen zu ihrer Herkunft als endgültig betrachtet werden können". Falls ein Zusammenhang mit "einem der tragischen Pogrome hergestellt werden kann, werden wir um Rückführung bitten". Zugleich betonte er: "Eile und Schuldzuweisungen nach Jahrhunderten an heutige Einrichtungen oder gar Personengruppen sollten keinen Platz haben."

Das Verhältnis zwischen Landesgemeinde und Bistum gilt als sehr gut. Schramm und Neymeyr stünden in regelmäßigem Kontakt, bestätigte Bistumssprecher Weidemann. Und Schramm äußerte die Hoffnung, dass sich beide Seiten freundlich einigen, wenn weitere Erkenntnisse dies erforderlich machen, "ohne irgendwelche Reaktionen von außen".

Diese ließen jedoch schon jetzt nicht lange auf sich warten. Ende Februar rief der Katholikenrat im Bistum Erfurt in einem offenen Brief die Jüdische Landesgemeinde auf, Forderungen nach einer Rückführung zurückzunehmen. Es sei unerklärlich, wie Schramm aus dem Hinweis eines Wissenschaftlers Eigentumsansprüche ableiten wolle, so die Laienvertretung.

Vor einigen Jahren sorgte bereits ein anderes Exponat des Erfurter Domschatzes für eine ähnliche Debatte: eine Bronze-Ampel aus dem 13. Jahrhundert, die möglicherweise einst als Schabbat-Leuchter diente. 2009 schenkte das Domkapitel dem Museum in der Alten Synagoge eine Kopie davon. Vier Jahre später monierte die ehemalige Direktorin des Kölner Schnütgen-Museums, Hiltrud Westermann-Angerhausen, dass der Ursprung eindeutig jüdisch sei. Die Erfurter Museumsleitung bestritt das jedoch unter Berufung auf aktuelle Forschungen und bezeichnete eine eindeutige Festschreibung als unmöglich.

Eine Sensation ist für die Forscher um Rüpke indes nicht nur die Herkunft der Skulptur. Der "Aaron" belege, dass es im jüdischen Alltag des Mittelalters doch kein so strenges Bilderverbot gegeben habe wie bisher angenommen, betonen die Wissenschaftler.

Von Karin Wollschläger (KNA)