Wohnen, wo früher gebetet wurde
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In den Niederlanden werden immer mehr Kirchen umgenutzt

Wohnen, wo früher gebetet wurde

Die Anzahl der Katholiken nimmt in den Niederlanden seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Um die leer stehenden Kirchen sinnvoll anderweitig zu nutzen, gibt es ungewöhnliche Ansätze.

Von Franziska Broich (KNA) |  Niederlande - 08.06.2017

Mickey Bosschert (68) sitzt in einer der hintersten Bänke in einer leeren Kirche. Das Backsteingebäude ist etwa halb so groß wie ein Fußballfeld. Der Altar ist etwa 15 Meter entfernt von ihr. Dahinter steht ein großes Holzkreuz mit einer Jesusfigur. Die Kirche wirkt so leblos wie der Körper an diesem Kreuz. Es ist kalt. In den Niederlanden schließen durchschnittlich zwei Kirchen in der Woche, weiß die Besitzerin der Immobilienfirma Reliplan, Bosschert. Sie werden zu Hotels, Gesundheitszentren oder Schulen. Täglich landen neue Pläne von großen Kirchen auf ihrem Tisch, die verkauft werden sollen. Sie überlegt dann, wie die Gotteshäuser anders genutzt werden können.

Der "Kirchen-Markt" boomt

"Ich kenne fast alle Kirchen in den Niederlanden", sagt sie selbstbewusst. Vor 24 Jahren begann sie, mit ihrem Mann die Kirchen in den Niederlanden zu katalogisieren, damals noch ganz klassisch im Fotoalbum. Heute scrollt sie mit der Maus über ihre Internetseite, wenn sie eine bestimmte Kirche zeigen will. Selbst die Chinesen würden zu ihr kommen, um Kirchen zu kaufen, sagt Bosschert. Der Markt boome. Die große Backsteinkirche, in der sie etwas verloren sitzt, liegt im ostholländischen Deest. In dem Dorf 20 Kilometer von Nijmegen wohnen etwa 1.500 Menschen. Deest gehört zur Gemeinde Druten. Vier der fünf Kirchen in Druten müssen verkauft werden. Der Grund: zu wenige Kirchbesucher und die teure Instandhaltung. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in den Niederlanden keine Kirchensteuer. Die Gebäude müssen durch Spenden der Gemeinden finanziert werden. Vor der Kirche in Deest steht das Schild von Bosscherts Firma "Reliplan". "Zu Verkaufen" steht dort in schwarzen Lettern.

 

Auch das Restaurant Bazar im Zentrum Amsterdams war einmal ein christliches Gotteshaus.

Was aus der großen Backsteinkirche in Deest wird, steht erst seit einigen Tagen fest. Es soll ein Altersheim werden. Dem ehrenamtlichen Sekretär des Pfarrgemeinderats Jan Dekkers (68) sieht man die Trauer über die Schließung der Kirche noch an. Glücklich ist er nicht. Aber das Altersheim sei eine gute Lösung, sagt er. Eine andere Religionsgemeinschaft in der Kirche aufzunehmen, wie im Nachbardorf Afferden, das wäre für die Gemeinde Deest nicht infrage gekommen.

900 verkaufte Kirchen

In Afferden sind vor einigen Wochen buddhistische Mönche aus Thailand in die ehemalige katholische Kirche und das angrenzende Pfarrershaus gezogen. Im Garten vor dem ehemaligen Pfarrershaus weht eine orangene Fahne. Luang Phi Sander (39) bittet herein. Die Umbauarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Unangeschlossene Computer, Umzugskartons und ein goldener Buddha auf der ehemaligen Pfarrerskommode dekorieren den Raum. Sander, der Niederländer ist und sich während dem Psychologiestudium entschied Buddhist zu werden, war vom ersten Moment an von der Kirche begeistert. Sie ströme eine gewisse "Spiritualität" aus. Über zwei Jahre habe er nach der richtigen Kirche gesucht. In den vergangenen 24 Jahren hat Bosschert 900 Kirchen in den Niederlanden verkauft. Am liebsten ist es ihr, wenn die Kirchen für einen gemeinnützigen Zweck genutzt werden. "Wenn andere Religionsgemeinschaften einziehen, ist das oft schmerzlich für die Dorfbewohner", sagt sie.

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Die Buddhisten Luang phi Sander (r.) und Luang phi Sathorn (l.) stehen im ersten Dhammakaya-Tempel der Niederlande. Er ist in der ehemaligen katholischen Kirche und dem Pfarrhaus in Afferden untergebracht.

In der nördlich von Amsterdam gelegenen Stadt Wormerveer liegt eines der ersten Projekte von Bosschert. Eine reformierte Kirche, die zu 16 Wohnungen umgebaut wurde: die Morgensternkirche. "Wohnen in der Kirche" - das habe damals in der Anzeige in der Zeitung gestanden, erinnert sich einer der Bewohner einer Wohnung, Niek Mak (79). Mit seiner Frau Ans Mak (74) suchte er eine ebenerdige Bleibe. Im Flur des Wohnungskomplexes steht ein Teil der alten Orgel. An den Wänden erinnern zwei Kirchenfenster an die Vergangenheit. Der Turm der Kirche ist nicht vermietet. Dort erinnert eine kleine Gebetsecke an die ehemalige Bestimmung. Darauf liegt ein vergilbtes Papierheft mit einem Schwarz-Weißfoto der Kirche. Es ist das Liedheft der letzten Messe, die dort 1997 gefeiert wurde.

"Die Oma von der Kirche"

Auf dem Wohnzimmerschrank der Maks sind etwa zwanzig kleine Engelfiguren nebeneinander aufgereiht. An den Wänden hängen Zeichnungen und Fotos von Kirchen. Die Maks sind katholisch und mögen Kirchen. "Meine Lieblingskirche ist der Petersdom in Rom", sagt Niek Mak. Bosschert kennt das Ehepaar Mak schon lange. Sie unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee. Zwei Enkeltöchter hätten sie mittlerweile, erzählt Ans Mak. "Die kleinere nennt mich nur die 'Oma von der Kirche'", sagt sie und lacht.

Dann zeigt Bosschert noch eins ihrer Lieblingsprojekte. Ein ehemaliges Kloster der Schwestern der Heiligen Katharina von Siena im Norden von Amsterdam. Das ein Hektar große Areal beherbergt heute unter anderem ein Mutter-Kind-Haus der Heilsarmee, ein Zentrum für Sozialarbeit und bald eine Schule. Bosschert geht stolz durch die langen Klostergänge, die mit Jesusfenstern verziert sind. In der ehemaligen Kapelle finden gerade Bauarbeiten statt, dort soll eine Schule einziehen. Die benachbarte Kirche mietete eine internationale Musikfirma als Büro, dann wurde sie zur Bibliothek und nun wird das Gebäude aus dem Jahr 1924 zum Hotel umgebaut. "Man muss kreativ sein beim Verkauf von Kirchen", sagt Bosschert. Eigentlich möchte sie bald in Ruhestand gehen. Doch einen Nachfolger zu finden, ist nicht leicht. Das über die Jahre angesammelte Wissen ist nicht so einfach zu ersetzen. Sie ist eben doch eine echte "Kirchen-Maklerin" - auch wenn sie sich selbst nicht gerne so beschreibt.

Von Franziska Broich (KNA)

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