Die orthodoxe Kirche in Deutschland feierte am 27. November 2015 zum ersten Mal eine orthodoxe Vesper im Kölner Dom.
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Die orthodoxen Kirchen liefern sich vor ihrer Synode einen Schlagabtausch

Zerstritten auf dem Weg zum Konzil

"Er hat alle zur Einheit gerufen": Unter diesem Motto soll auf Kreta das orthodoxe Konzil tagen. Wenige Tage vor Beginn ist von Einheit jedoch nicht viel zu spüren. Stattdessen gibt es immer mehr Streit.

Von Norbert Zonker (KNA) |  Berlin - 09.06.2016

Dagegen ist der heftige Schlagabtausch wenige Tage vor Beginn der geplanten "Großen und Heiligen Synode" eher etwas, das zu erwarten oder zu befürchten war. Nachdem es in den Wochen nach der jüngsten Tagung der Vorsteher (Synaxis) im Januar in Chambesy bei Genf zunehmend Unmut über die dort beschlossenen Textentwürfe und Verfahrensregeln gegeben hatte, kündigte die orthodoxe Kirche Bulgariens vor wenigen Tagen an, nicht am Konzil teilzunehmen, sollten bestimmte Streitfragen vorab ungeklärt bleiben, und rief zu einer Verschiebung auf. Zur Begründung wurde unter anderem die Sitzordnung in der Konzilsaula angeführt; einheimische Medien sprachen von "Vorwänden". Doch die russisch-orthodoxe Kirche griff die von den Bulgaren und zuvor von den Georgiern und aus dem Patriarchat von Antiochia geäußerte Kritik auf und forderte eine Krisensitzung der Vorsteher.

Das federführende Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel wies diese Einwände am Montag zurück und beharrte auf der Durchführung des Konzils auf Grundlage der aufgestellten Regeln, die keine "Revision" der auf den Weg gebrachten Planung erlaubten. Allerdings könnten auf Kreta die Dokumente noch verändert werden. In Moskau war daraufhin der Vorwurf einer "diktatorischen Haltung" Konstantinopels zu vernehmen.

Streit um längst beschlossene Papiere

Im Kern geht es bei diesen Scharmützeln um zwei unterschiedliche Konfliktfelder: Das eine sind die Dokumente und die rigide Geschäftsordnung des Konzils, die von vielen Seiten und mit nachvollziehbaren Argumenten kritisiert werden. Allerdings sind die Textentwürfe zum Teil seit Jahren bekannt und wurden in den beiden vergangenen Jahren überarbeitet und dann auch von denen gebilligt, die sie jetzt angreifen. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. erklärte Anfang Februar stolz vor seiner Bischofssynode, in welchen zentralen Punkten er sich bei der Synaxis in Chambesy durchgesetzt habe. Wenn er jetzt einen Rückzieher macht, ist das erklärungsbedürftig.

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Sie bilden eine große christliche Kirchenfamilie - dennoch ist die Orthodoxie vielen im Westen fremd. Doch gerade jetzt lohnt es sich, einmal näher hinzuschauen: Denn im Juni werden sich rund 350 orthodoxe Bischöfe zu einem Konzil treffen - das erste dieser Art seit Jahrhunderten.

Die zweite, schwierigere Ebene sind die seit Jahren zwischen einzelnen Landeskirchen schwelenden Streitigkeiten, etwa zwischen Antiochia - das jetzt seine Teilnahme in Kreta offiziell abgesagt hat - und Jerusalem über die Zuständigkeit für die arabischen Golfstaaten, aber auch zwischen Serbien und Rumänien, Griechenland und Konstantinopel und nicht zuletzt der latente Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel um die Führungsrolle in der Orthodoxie.

Was ist unter diesen Umständen von dem am 19. Juni beginnenden Konzil zu erwarten? Dass alle strittigen Punkte noch im Vorhinein geklärt werden, ist unwahrscheinlich. Wenn einzelne Kirchen wie Antiochien oder Bulgarien fernbleiben, könnte die Synode noch arbeitsfähig sein. Dies gilt aber nicht, wenn das Moskauer Patriarchat absagt, zu dem mehr als die Hälfte aller orthodoxen Christen weltweit gehören.

Zwei schlechte Optionen

Es ist eine Entscheidung zwischen zwei schlechten Optionen: "Besser gar kein Konzil als ein misslungenes" versus "versuchen, doch noch das Beste daraus zu machen". Dies könnte etwa heißen, während des Konzils einvernehmlich die Geschäftsordnung zu ändern und erst einmal über die tatsächlichen Probleme zu sprechen statt über Dokumente, mit denen am Ende niemand zufrieden ist. Zudem müsste ein verbindlicher Fahrplan für weitere Sitzungen des Konzils beschlossen werden.

Ob es dazu kommt oder ob die Eigeninteressen der einzelnen Kirchen das Konzil platzen lassen, ist noch nicht entschieden; es bleibt spannend. Das etwa von Antiochia vorgebrachte Argument, angesichts der fehlenden "Communio" mit Jerusalem sei keine gemeinsame Eucharistiefeier möglich, zeigt, wie stark "politische" Gesichtspunkte die theologischen überlagern. Ein Scheitern des Konzils wäre jedenfalls ein großer Schaden für die ganze Orthodoxie.

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Von Norbert Zonker (KNA)