Der große Theologe
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Benedikt XVI. leitete die Weltkirche in schwieriger Zeit

Der große Theologe

Der Rücktritt von Benedikt XVI. kam plötzlich, aber nicht ganz überraschend. Der 85-jährige Papst sah, dass seine Kräfte nachließen. Er hat die katholische Weltkirche in einer schwierigen Zeit geführt.

Von Johannes Schidelko (KNA) |  Vatikanstadt - 28.02.2013

Mit sieben Jahren, zehn Monaten und neun Tagen war das Pontifikat Benedikt XVI. (2005-2013) kürzer als das seines Vorgängers Johannes Paul II. mit fast 27 Jahren, aber es war das längste eines "deutschen" Papstes. Der erste Papst aus Deutschland nach 500 Jahren hat die Kirche in besonderer, einzigartiger Weise geprägt. Er hat für Überraschungen gesorgt und musste Pannen durchstehen. Wie kaum einer seiner Vorgänger hat der brillante Theologe und scharfsinnige Analytiker Joseph Ratzinger die geistige Auseinandersetzung mit der Zeit gesucht und geführt. Er wirkte vor allem mit seinem Wort, mit seinen geschliffenen Ansprachen.

Kein Machtmensch

Benedikt XVI. war kein Machtmensch. Er hat gepredigt, Katechesen gehalten, zur Vertiefung des Glaubens beigetragen, und sehr viele Menschen haben ihm gerne zugehört, betont sein früherer Professoren-Kollege, Kurienkardinal Walter Kasper. Er verstand sich weniger auf spektakuläre Gesten wie zuvor der polnische Papst, auch wenn ihm auf seinen Auslandsreisen wie in Rom die Menschenmassen zujubelten. Und mit seinen großen geistesgeschichtlichen Reden in der Wiener Hofburg und im Deutschen Bundestag, vor den Vereinten Nationen in New York und in der Londoner Westminster Hall hat er über sein Pontifikat hinaus Eckdaten für das Gespräch von Religion und Politik, von Glaube und Vernunft gesetzt.

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Pilger verabschieden sich vom scheidenden Pontifex

Benedikt XVI. wollte die Kirche nach dem Konzil und den bewegten Jahren unter Johannes Paul II. wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. Zu den Hauptanliegen seines Pontifikats gehörte es, die vielen Aufbrüche der vergangenen Jahre zu vertiefen, theologisch auszuloten und abzusichern.

Nicht Bruch, sondern Etappe

Am 19. April 2005 wurde Kardinal Joseph Ratzinger, der als Favorit ins Konklave ging, an die Spitze der Weltkirche gewählt. Auffallend rasch gelang es ihm, aus dem Schatten seines Vorgängers zu treten, den er nach einem Seligsprechungsprozess in Rekordzeit zur Ehre der Altäre erhob. Benedikt XVI. akzentuierte in seinem Pontifikat manches anders, insbesondere die Debatte um das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Das Konzil war für ihn nicht Bruch, sondern eine Etappe in der 2.000-jährigen Kirchengeschichte.

Dazu gehörte auch sein Bemühen um eine Aussöhnung mit den Traditionalisten. Durch eine breitere Einführung der "alten Liturgie" von 1962 wollte er ihnen entgegenkommen. Die mögliche Einigung - oder das Schisma - hinterließ er seinem Nachfolger.

Benedikt XVI. reiste weniger (und weniger gern) als Johannes Paul II. Dennoch unternahm er 24 Besuche auf allen Kontinenten. Er führte die Weltjugendtage weiter und lud zu einem interreligiösen Friedensgipfel nach Assisi ein. Starke "politische" Akzente setzte sein Pontifikat in Richtung Nahost. Vielversprechend waren die Signale seiner Kuba-Reise.

Gefestigte Beziehung zum Judentum

Gefestigt und ausgebaut hat Benedikt XVI. die ökumenischen und interreligiösen Kontakte. Die Beziehungen zum Judentum sind inzwischen so gefestigt, dass sie auch schweren Belastungen wie nach dem Williamson-Skandal oder dem Streit um die Karfreitagsfürbitte standhalten. Auch das Verhältnis zum Islam, das nach der "Regensburger Rede" 2006 mit dem mohammedkritischen Zitat einen Einbruch erlebte, ist wieder stabil.

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Der Kardinal hat sich in Rom die letzte Generalaudienz des Papstes angesehen.

Bittere Zeiten musste Benedikt XVI. 2009 durchleben, als aus der Rücknahme der Exkommunikation für die traditionalistischen Piusbrüder ein medialer GAU entstand: Denn unter ihnen war auch der Holocaust-Leugner Richard Williamson. Die folgenden Missdeutungen, Entschuldigungen und Neustrukturierungen hinterließen Schrammen.

Noch dramatischer wirkte ein Jahr später die neuerliche Explosion von Missbrauchsskandalen. Erst nach Monaten gelang es Rom, die seit 2001 geltende und durch den Kurienkardinal Ratzinger durchgesetzte Rechtslage und die kirchliche Praxis darzulegen. Mehrfach musste sich Benedikt XVI. persönlich öffentlich entschuldigen. Seit Anfang 2012 hatte der Vatikan dann mit "Vatileaks" und dem Verrat geheimer Dokumente durch den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele ein neues Problem. Ein Vorgang, der ihn persönlich schmerzte, aber noch mehr irritierte, weil er die Psyche seines untreuen Butlers nicht einordnen konnte.

Für seinen Rücktritt hat sich Benedikt XVI. einen Zeitpunkt ausgesucht, an dem sich die Wellen der Erregung wieder etwas geglättet haben. Denn er wollte, so hatte er in seinem Interview-Buch mit dem deutschen Journalisten Peter Seewald betont, die Kirche im Fall eines Rücktritts keinesfalls in einer Situation der Gefahr verlassen.

Intellekt und seine menschliche Bescheidenheit

Benedikt XVI. hat die katholische Weltkirche in einer schwierigen Zeit geführt. Er amtierte in einer komplizierteren Weltlage als sein Vorgänger, war mit einem fortgeschrittenen Säkularismus konfrontiert. Er hat sich durch ein intensives Arbeitspensum physisch aufgerieben. Mit der nüchternen Art des nordeuropäischen Theologen und Intellektuellen hatte er es sicher schwerer als Johannes Paul II., die Herzen der Menschen zu erobern. Aber er hat sich durch seinen Intellekt und seine menschliche Bescheidenheit weltweit Anerkennung verschafft.

Von daher war seine Amtszeit keinesfalls ein Übergangspontifikat. Kurienkardinal Walter Kasper ist überzeugt, dass viele, die ihn heute noch kritisieren, ihn bald sehr vermissen werden. "Wir werden nicht so schnell wieder einen Papst von dem gleichen geistigen und geistlichen Format haben wie Benedikt XVI."

Benedikt XVI.: Wir waren Papst

Joseph Ratzinger war als Papst Benedikt XVI. acht Jahre lang das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Katholisch.de blickt in einem Dossier auf das Pontifikat des "deutschen Papstes" zurück.

Von Johannes Schidelko (KNA)