Hinsehen, zuhören, mitfühlen
Bild: © katholisch.de
Philomena Clemens arbeitet als Ehrenamtliche in der Altenheimseelsorge

Hinsehen, zuhören, mitfühlen

"Eine ordentliche Garderobe ist auch Zeichen des Respekts den Bewohnern gegenüber", sagt Philomena Clemens. Sie kommt einmal die Woche als Seelsorgerin in das Seniorenheim der Caritas - ehrenamtlich. Ein Porträt.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 05.12.2013

"Sie ist überall und kümmert sich um alles", sagt Elfriede Trautner*. Die Heimbewohnerin sitzt gerade im Foyer. Neben ihr zwei weiterer rüstige Damen. Alle drei gehören dem Bewohnerbeirat an. Und alle drei sind sich einig, dass Philomena Clemens die gute Seele des Hauses ist. "Vor allem ist sie sehr, sehr aufmerksam", sagt Trautner. Mit einer kleinen Anekdote will sie das verdeutlichen: "Ich bastle gerne kleine Kärtchen mit Pflanzen, die ich vorher in Büchern gepresst habe." Frau Clemens habe das gewusst und ihr eines Tages eine richtige Presse mitgebracht, so die 86-Jährige.

Philomena Clemens sitzt zwischen den Damen, während diese erzählen. Ihr ist das Ganze sichtlich unangenehm. Sie versucht, das Gespräch schnell auf die Bastelgruppe des Hauses zu lenken, in der die "Blumen-Kärtchen" entstehen. So sei sie eben, sagt Trautner. Und: "Sie ist echt und spielt ihre Freundlichkeit uns gegenüber nicht." „Das würden die Leute ja auch merken“, sagt die Gelobte.

Die Ehrenamtliche schreibt zu Hause Gebete, die auf die jeweiligen Bewohner abgestimmt sind.

Die drei rüstigen Damen verabschieden sich nach dem kurzen Plausch zu ihrem Mittagsschlaf. Für Philomena Clemens geht es sofort weiter auf die Stationen. Nun stehen Haus- oder besser Zimmerbesuche auf dem Programm. Im Treppenhaus hat sie kurz Zeit zum Durchschnaufen. Dabei macht sich die 67-Jährige auch anderweitig Luft. "Mir ist es übel aufgestoßen, dass viele Menschen in meinem Alter nur noch zur Massage, Pediküre oder Kaffee trinken gehen", sagt sie.

Vor zwei Jahren ging Philomena Clemens nach einem 50-jährigen Berufsleben in den Ruhestand. "Ich hatte plötzlich viel Zeit", erklärt die gebürtige Bonnerin. Ihr Sohn und ihre Tochter sind bereits erwachsen. Und nur für sich und ihren Mann zu sorgen, sei ihr zu wenig gewesen. Da sie als Finanzbuchhalterin ihr ganzes Leben nur mit Zahlen zu tun hatte, freue sie sich umso mehr, jetzt mit Menschen zu arbeiten, sagt sie.

Die Bewohner freuen sich über den Besuch von Philomena Clemens

Mittlerweile auf einer der Stationen angekommen klopft Philomena Clemens an die erste Tür. "Frau Brandtner" steht auf dem Schild daneben. Die Bewohnerin freut sich über den Besuch – und über ein kleines Gebet, das die Seelsorgerin heute für sie vorbereitet hat. Denn beim letzten Gespräch hat die Seniorin von ihrem Enkel erzählt, der zurzeit in Kanada ist. "Jetzt wollen wir gemeinsam für eine gute Heimkehr beten", sagt die Ehrenamtliche. Die alte Dame ist sichtlich gerührt und bedankt sich anschließend mit einem "Das war wunderbar".

Bei den Seniorinnen ist die 67-Jährige sehr beliebt, weil sie immer ein offenes Ohr hat.

So geht es weiter an diesem Tag im Sebastian-Dani-Heim. Hannelore Peters* leidet an einer besonders schweren Form von Rheuma. Zusammengekrümmt ist sie unter ihrer Bettdecke mehr zu erahnen als zu sehen. Philomena Clemens wischt ihr zunächst den Mund ab. Denn: Seelsorge sei die Sorge um den ganzen Menschen. Dann zeigt sie ihr ein Gnadenbild, das sie der Bettlägerigen aus Kevelaer mitgebracht hat. "Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit…", singen die beiden gemeinsam. Das "Salve Regina" – ein an die Gottesmutter gerichteter Gesang – ist hier im Haus sehr beliebt.

Wieder vor der Zimmertür ist die Ehrenamtliche sichtlich betroffen. "Frau Peters kann ihren Zustand kaum noch ertragen", sagt sie mitfühlend. Ob Philomena Clemens bei alldem Leid, das sie hier im Haus sieht, auch einmal an Sterbehilfe denkt? Sie schüttelt energisch den Kopf. "Gott schenkte das Leben und nimmt es, wenn er es für richtig hält", sagt sie. Denn jeder Mensch – auch in diesem Zustand – habe noch eine Aufgabe. "Und sei es als mahnendes Beispiel für uns", sagt sie. Diese Bewohner ertrügen mit unendlicher Geduld ihr Leiden. "Und wir, denen es relativ gut geht, sind oftmals unzufrieden."

Raum schaffen, in dem sich die Dunkelheiten des Lebens aushalten lassen

Doch irgendwann sei es für jeden so weit zu gehen. Dann müsse man loslassen können, erklärt die 67-Jährige. "Auch dafür bin ich da - um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen." Das macht Philomena Clemens, indem sie ihnen zuhört, die Hand hält, es zusammen mit ihnen "aushält". Häufig reichen auch liebe, mitfühlende Worte. Worte wie "Ihren Kindern geht es gut" oder "Ihr Mann wartet auf Sie".

Zur Ruhe kommen und Kraft tanken: Das tut Philomena Clemens in der Kapelle des Alten- und Pflegeheims.

Es ist mittlerweile schon später Nachmittag. Aber noch ist Philomena Clemens nicht fertig: Sie besucht noch zwei andere hoch pflegebedürftige Bewohnerinnen. Auch hier ist sie einfühlsam, streichelt vorsichtig die zerbrechlich aussehenden Hände, umarmt die Frauen und betet das Vaterunser. "Ich möchte ihnen Gottvertrauen vermitteln", sagt Philomena Clemens. Denn damit schaffe man einen Raum, in dem sich die Dunkelheit des Lebens mit Krankheit, Verlassenheit und Trauer aushalten ließe.

Um jedoch Gottvertrauen vermitteln zu können, ist ein eigenes Vertrauen in den Allmächtigen für Philomena Clemens unabdingbar. An ihm gezweifelt habe sie nie. "Nur aus dieser Haltung heraus kann ich anderen auch helfen", sagt sie, als sie wieder im Foyer des Altenheims steht.

Zahlen und Fakten zum Ehrenamt

Rund 23 Millionen Bundesbürger sind in Deutschland ehrenamtlich tätig. Insgesamt leisten sie pro Jahr 4,6 Milliarden Arbeitsstunden. Knapp 10 Prozent der Ehrenamtlichen unterstützen gemeinnützige Vereine. Mit rund 5 Prozent steht das kirchliche Engagement an zweiter Stelle. Laut der Deutschen Bischofskonferenz sind über 600.000 Ehrenamtliche in der Gemeindearbeit aktiv. Der Caritas-Verband verzeichnet ein Engagement von etwa einer halben Million Ehrenamtlicher. Die Caritas-Konferenzen, ein Netzwerk von Ehrenamtlichen, gibt zur Altersstruktur Auskunft: Mit ca. 65 Prozent stellen die über 60jährigen den größten Anteil. 25 Prozent sind zwischen 40 und 59 Jahren alt. Der Anteil jugendlicher Freiwilliger bewegt sich hingegen im einstelligen Prozentbereich. Das freiwillige Engagement in der Kirche ist vielschichtig. Ehrenamtliche betätigen sich zum Beispiel in der Gemeindearbeit, der Erwachsenenbildung, der Kranken- und Altenpflege oder der Kinderbetreuung.

Ein alltägliches Ehrenamt ist das nicht, das Philomena Clemens ausübt. Sie begrüßt die neuen Bewohner, macht Krankenbesuche und individuelle Seelsorgegespräche. Sie feiert die Laudes – das Morgengebet – mit den Hausbewohnern und ist Sterbe- und Trauerbegleiterin. "Da betreue ich dann auch die Ehepartner, Kinder oder sogar Enkelkinder der verstorbenen Bewohner", so die Rentnerin.

Eine viermonatige Ausbildung bei der Bonner Caritas hat die Ehrenamtliche dafür absolviert – und mit Zertifikat abgeschlossen. Zwei Worte haben sich ihr dabei für immer eingeprägt: Empathie und Wertschätzung. "Man muss hinsehen, zuhören und mitfühlen", sagt sie. Es sei in der Regel keine Belastung, wenn man die Balance zwischen Empathie und Distanz gefunden habe.

Wenn ihr das Schicksal eines Bewohners doch einmal sehr nah geht, dann setzt sich Philomena Clemens für ein paar Minuten in die kleine Kapelle des Altenheims, um zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. Viele der alten Menschen hätten ein Problem damit, ihr Leben loszulassen, weil ihnen das Bild eines zornigen Gott eingeimpft wurde, sagt sie. "Ich hingegen glaube an einen barmherzigen."

* Namen geändert

Von Björn Odendahl