Weiblicher Steinengel auf einem Friedhof
Dogmatikprofessor Ruster über Engel-Boom und Sehnsucht nach Übersinnlichem

"Gegenpol zur sozialen Kälte"

Was steckt tatsächlich hinter dem Engel-Boom? Katholisch.de sprach mit Thomas Ruster, Professor für Katholische Theologie mit dem Schwerpunkt Systematische Theologie/Dogmatik, über Esoterik und Sensibilität fürs Überirdische.

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 06.01.2015

Frage: Herr Ruster, der Barock war ein regelrechtes Engel-Zeitalter, wie man an den vielen Abbildungen in Kirchen sieht und in der Literatur nachlesen kann. Gab es schon damals einen Engel-Boom?

Ruster: Ja, barocke katholische Religiosität war Christentum inklusive Engelreligion. Dadurch war es eine Religiosität, die einen ungezwungenen Zugang zur Welt der Geister, Naturwesen und der Magie hatte. In vielfacher Weise war Magie im kirchlichen Leben verankert. Schon die kirchlichen Segnungen und Weihen profaner Gegenstände sowie die Reliquienverehrung reichten in den Bereich der Magie hinein. Daneben gab es den Wettersegen, verbunden mit Schauermessen, Hagelprozessionen und dem Wetterläuten bei aufziehendem Gewitter, dem man eine abwehrende Kraft gegen Blitze zuschrieb. Allerhand heilkräftige Gegenstände, Kreuze, Andachtsbilder, geweihte Wässer und Amulette waren im Umlauf. Die Kirche versuchte deshalb, magische Vorstellungen in religiöse umzuwandeln. Die Protestanten grenzten sich gegen katholischen Aberglauben ab. Und so kam es, dass die barocke Religiosität unter dem Einfluss der Aufklärung und der Säkularisierung in Deutschland vom Ende des 18. Jahrhunderts an rigide zurückgedrängt wurde. Sie überlebte nur in Restbeständen der Volksreligion. Und nun lässt die Engelreligion sehr viel davon wieder aufleben.

Frage: In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist ein regelrechter Run auf Engelartikel entstanden. Bücher, Karten-Sets, Engelseminare finden immer mehr Käufer und Anhänger. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?

Ruster: Die Engelreligion ist den Bedingungen angepasst, unter denen Menschen heute religiös sein können und wollen. Etwas mehr Himmelsfrömmigkeit würde dem aufgeklärten Christentum gut tun. Diese hat früher immer auch die Attraktivität des katholischen Christentums ausgemacht. Doch der reiche Strom der theologischen Engellehre ist im Zuge der Aufklärung fast zum Versiegen gebracht worden. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Menschen brauchen heute mehr denn je einen Gegenpol zur nüchternen Alltagswelt, zur sozialen Kälte in unserer Gesellschaft. Doch kaum jemand traut sich, zu seinen spirituellen Bedürfnisse und Sehnsüchten zu stehen. Und wer sich für die Engelreligion interessiert, fürchtet, das Missfallen aufgeklärter Zeitgenossen zu erregen. Doch vielen entgeht dabei, dass der Zug der Religion längst in eine andere Richtung abgefahren ist. Denn das Interesse an der Engelreligion wächst rapide.

Die Engelreligion ist eine Religion der Bedürfnisse – aus Bedürfnissen entstanden und auf die Erfüllung von Bedürfnissen ausgerichtet.

Zitat: Thomas Ruster

Frage: Was sind die typischen Merkmale dieser neuen religiösen Richtung?

Ruster: Die Engelreligion verlässt sich allein auf Erfahrung und Wahrnehmung. Autorinnen und Autoren zahlreicher Engelbücher berufen sich darauf und lassen andere an ihren Erfahrungen teilhaben. Es gibt keinen Verweis auf die Bibel, auf Offenbarung, Glaubenslehre und Dogmen, dafür ausführliche Schilderungen des eigenen Lebens und der persönlichen Begegnung mit den höheren Mächten. Der größte Teil der Engelliteratur besteht in Anleitungen und praktischen Übungen, die fähig machen sollen, mit den Engeln zu kommunizieren.

Thomas Ruster ist Professor für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Technischen Universität Dortmund.
Bild: © privat

Thomas Ruster ist Professor für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Technischen Universität Dortmund.

Frage: Wie konnte eine solche Religion überhaupt entstehen? Wo liegen ihre Schwächen? Und wie lassen sich diese enttarnen?

Ruster: Die Engelreligion hat sich aus den spontanen religiösen Bedürfnissen von Menschen entwickelt, die sich in den etablierten Religionen nicht zu Hause fühlten. Sie ist eine Religion der Bedürfnisse – aus Bedürfnissen entstanden und auf die Erfüllung von Bedürfnissen ausgerichtet. Sie passt in eine Welt, in der die Erfüllung von Bedürfnissen der fraglos höchste Wert und dazu der Motor der wirtschaftlichen Dynamik ist. Bedenklich aber ist, dass die Engelreligion ihre Beispiele und ihre Anschauung nur aus dem persönlichen, privaten Leben nimmt. Der politische und ökonomische Bereich sind völlig ausgeblendet. Doreen Virtue, Autorin zahlreicher Engelbücher und Karten-Sets, sagt: ‚Gott sorgt für die Erfüllung all unserer Bedürfnisse. Wir brauchen nie zu befürchten, dass uns irgendetwas vorenthalten wird.‘ Dieser Slogan scheint geradezu einem ökonomischen Imperativ zu gehorchen. Grenzenlose Bedürfnisbefriedigung – jetzt auch religiös legitimiert und ermöglicht. Ein Beispiel: Wer bei der Parkplatzsuche einen Engel zu Hilfe bittet, dem wird geholfen. Ich frage mich: Warum hören wir nie von Engeln, die zum Öffentlichen Nahverkehr raten? Die Maßlosigkeit der Bedürfnisse greift nach der Unendlichkeit des Himmels. Die Engelreligion überträgt insoweit die Logik der grenzenlosen Steigerung ins Religiöse.

Frage: Lässt sich in der neuen Engelreligion überhaupt ein Gewinn für deren Anhänger erkennen?

Ruster: Ja, denn der Reichtum der alten Religionen kehrt in der Engelreligion in unsere Zeit zurück – und damit auch ihre Weisheit, ihre Kenntnis der himmlischen Mächte. Das ist ein Gewinn, eine Erweiterung unserer Erkenntnis. Der Durchgang durch das Christentum hat die Engelreligion unserer Tage tiefgreifend geprägt. Nicht nur die Engelsnamen, die Vorstellungen von Engeln und Teufeln, von einer Ordnung und Hierarchie der Engel - von der christlichen Tradition her genommen -, sondern auch die Tatsache, dass in der Engelreligion so viel von Liebe gesprochen wird, ist ein Beleg für die religionsgeschichtliche Wirkung des Christentums. Der christliche Glaube hat in der Engelreligion maßgebliche Spuren hinterlassen. Der Durchgang durch das Christentum hat also die Engelreligion bereichert.

In der Engelreligion gilt Gott als Chiffre für das Universum, für die Welt der Engel allgemein, für spirituelle Energie.

Zitat: Thomas Ruster

Frage: Können Christen sich der neuen Engelreligion denn ohne Zweifel zuwenden?

Ruster: Nur dann, wenn die Engelreligion in christlicher Gestalt daherkommt. Doch dies ist nicht der Fall. Denn es führt kein direkter Weg von der Engelreligion zum Gott des christlichen Glaubens. Von diesem Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott des Mose und dem Gott Jesu Christi ist in der ganzen einschlägigen Engelliteratur nicht die Rede. Zwar fällt verschiedentlich das Wort Gott oder es wird vom Göttlichen gesprochen, aber damit ist nicht der Gott des christlichen Glaubens gemeint. In der Engelreligion gilt Gott als Chiffre für das Universum, für die Welt der Engel allgemein, für spirituelle Energie. Der Begriff Engel, der aus der Bibel übernommen ist, wird ungenau oder sogar missbräuchlich verwendet. Denn Boten Gottes oder Vermittler zu Gott können die Engel in dieser Religion nicht sein. Sie gelten selbst als göttlich. Sie verweisen offensichtlich nicht auf ihren Schöpfer. Hier haben wir es mit einer ausgebildeten Religion zu tun, aber Gott kommt darin nicht vor.

Frage: Gibt es etwas, das die Engelreligion dem Christentum geben könnte?

Ruster: Ja, wenn die Engelreligion dem Christentum die verlorene Wirkung des Himmels wieder erschließt, hätte sie aus christlicher Sicht einen Beitrag dazu geliefert. Im eigentlichen Sinne geht es darum, die integrale Weltsicht der Bibel und der gesamten christlichen Tradition wiederzugewinnen – und damit jenes Gefühl von Ganzheitlichkeit und allseitiger Verbundenheit herzustellen, das von Religionen gerade heute wieder erwartet wird. Und es geht auch darum, anderen Religionen gegenüber gesprächs- und versöhnungsbereit zu werden. Ohne Anerkennung und Integration der Himmelsfrömmigkeit kann das nicht gelingen.

Buchtipp

Thomas Ruster: Die neue Engelreligion. Lichtgestalten - dunkle Mächte, 263 Seiten, 17,95 Euro, Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2010. Thomas Ruster bietet in seinem Buch einen Überblick über den Engel-Boom. Dabei beleuchtet er nicht nur die helle, sondern auch die dunkle Seite des Engelglaubens. Er geht dem Phänomen der Engelreligion auf den Grund und stellt fest, dass sie auf ideale Weise den Bedingungen der Moderne angepasst ist. Der Theologe deckt die Schwächen dieser neuen Religion auf, die einen Bezug zur Transzendenz, aber nicht zu Gott hat. Hier sieht der Autor das Christentum herausgefordert, seine alte Lehre vom Himmel, von den Engeln, von den Mächten und Gewalten zu aktualisieren. Ein hervorragendes Buch, das Christen Mut macht, sich mit der neuen Engelreligion auseinanderzusetzen und das deren Anhängerinnen und Anhänger einlädt, sich dem christlichen Glauben zu öffnen. Denn beide Seiten, so Rusters Quintessenz, könnten voneinander profitieren.

Von Margret Nußbaum