Kann man Religion lernen?
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Für die Kirche bietet der Trend zur Ganztagsschule neue Möglichkeiten

Kann man Religion lernen?

Die Schule wird vom Lern- zum Lebensraum für Schüler. Für den Religionsunterricht ist das Herausforderung und Chance zugleich.

Von Sophia Michalzik |  Bonn - 06.01.2015

Von Erdmann ist in seinem Dezernat für den Religionsunterricht zuständig – und das nicht nur an den 21 katholischen Schulen der Diözese, sondern auch an allen öffentlichen Einrichtungen. Rund 800 gibt es davon im Bistum, das sich sowohl über Teile von Hessen als auch Rheinland-Pfalz erstreckt. Immer weniger junge Menschen fänden den Weg in eine Kirchengemeinde – umso wichtiger sei es daher, dass die Kirche zu ihnen komme, findet von Erdmann.

Laut von Erdmann nehmen im Bistum Limburg knapp 100.000 Schüler am Religionsunterricht an staatlichen Schulen teil, unterrichtet werden sie von rund 2.000 Lehrern. "Außerdem gibt es Berater für Schulgottesdienste oder Mediationsangebote", ergänzt der Dezernent. Auch der Caritasverband der Diözese sei stark an den öffentlichen Schulen engagiert. Durch Praktika in ihren Einrichtungen sollen die Schüler stärker mit sozialen Berufen in Kontakt kommen und lernen, eine andere Haltung gegenüber ihren Mitmenschen einzunehmen.

Erfolgreiches Konzept der Kirchenraumpädagogik

"Außerdem lernen sie so, dass Religion nicht nur in Büchern stattfindet, sondern auch gelebt werden kann", erklärt der Schuldezernent. Besonders stolz ist er auf das Konzept der Kirchenraumpädagogik, das in vielen Schulen der Diözese angewendet wird: Dabei besuchen die Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern Kirchen oder andere religiöse Stätten, um die sakralen Räume einmal in echt erfahren zu können statt sie nur in Lehrbüchern zu sehen.

Andreas von Erdmann ist Dezernent für Schule und Bildung im Bistum Limburg.

Wenn von Erdmann und das gesamte Team aus dem Dezernat Schule und Bildung ihre Konzepte erarbeiten, müssen sie auch anerkennen, dass immer weniger Kinder und Jugendliche etwas mit Themen wie Kirche und Glaube anfangen können. "Diesen Trend gibt es auch an katholischen Schulen", ergänzt von Erdmann. Natürlich gebe es noch viele, die starkes Interesse haben, andere seien aber nur noch auf dem Papier katholisch.

Doch resignieren will von Erdmann deswegen nicht. "Das ist auch eine Chance", sagt er. Denn oft seien Kinder und Jugendliche aus kirchenfernen Familien unbefangener als solche, die aus einem christlichen Umfeld kämen. "Dort herrscht oft mehr Polemik und Abwehr", sagt von Erdmann. Neben den Schülern hat er auch die Lehrer im Blick. Das Bistum Limburg bietet freiwillige Fortbildungen für alle an, die religiöse Themen im Unterricht behandeln möchten, aber selber noch mehr Informationen zu Inhalt und Umsetzung religiöser Themen brauchen.

Ist Religionsunterricht wirklich nötig?

Auch wenn katholische Schulen ebenso mit einer steigenden Säkularisierung zu kämpfen hätten wie staatliche Schulen - ein wichtiger Vorteil sei dennoch, dass sie besser mit den Kirchen vor Ort vernetzt seien, sagt von Erdmann. "Da gibt es ein breites Angebot." Denn neben dem fest verankerten Religionsunterricht seien auch Gottesdienste, Meditations- und Orientierungswochen eingeplant. Diese Orientierung an einer umfassenden Bildung zeichne katholische Schulen aus, schreibt auch "Schulbischof" Hans-Josef Becker in einem Gastbeitrag für katholisch.de. Es sei eine besondere Aufgabe dieser Schulen das Schulleben anhand christlicher Werte zugestalten, findet Becker. Nicht zuletzt im Religionsunterricht würden sich die Kinder und Jugendlichen mit einem verantwortungsbewussten Handeln auseinandersetzen.

Für von Erdmann ist Religionsunterricht auch ein Ort kultureller Bildung: "Junge Menschen könnten die deutsche Kultur nur verstehen, wenn sie auch mit dem Christentum vertraut sind", sagt er. Im Gegensatz zu den Schülern an katholischen Schulen, erhalten nur rund 60 Prozent der katholischen Jungen und Mädchen Religionsunterricht an öffentlichen Einrichtungen. Die Abdeckung an Grundschulen und Gymnasien sei gut, an Real- und Hauptschulen aber doch erheblich schlechter und an Förderschulen sogar "katastrophal", wie von Erdmann schon auf einer Diözesanversammlung der Diözese Limburg im Juli erklärte. Zudem stehe der Religionsunterricht auch unter dem Druck der Gesellschaft und der Frage, ob diese Form des Unterrichts wirklich nötig sei, berichtet er. So eine Infragestellung kann von Erdmann nicht verstehen: "Kinder sollen zu Toleranz und Begegnung erzogen werden. Da leistet der Religionsunterricht einen guten Dienst."

Ein Ort der Missionierung soll Schule allerdings nicht werden. "Die Lehrbarkeit hat Grenzen", betont von Erdmann. Der Glauben soll zwar vorgestellt und erfahrbar gemacht werden – gezwungen werden soll allerdings niemand.

Stichwort "Religionsunterricht"

Der Religionsunterricht in Deutschland ist als einziges Unterrichtsfach im Grundgesetz abgesichert. Als ordentliches Lehrfach ist er den übrigen Schulfächern im Lehrplan und in der Schulorganisation gleichgestellt. Schüler können sich aber aus Gewissensgründen abmelden. Artikel 7 des Grundgesetzes schreibt vor, dass der Religionsunterricht unter staatlicher Aufsicht steht. Da der Staat aber zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, kann er über die Inhalte nicht entscheiden. Über sie bestimmen die Religionsgemeinschaften. Das heißt auch, dass der Unterricht in der Regel nach Konfessionen getrennt erteilt wird. In einigen Ländern sind zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche und dem Kultusministerium Vereinbarungen über kooperative Formen getroffen worden. Den Religionsunterricht einzurichten ist Sache der Länder. Dabei haben sie Spielraum für die Ausgestaltung. Maßgebend dafür ist die im Grundgesetz festgeschriebene "Bremer Klausel", nach der Religion als ordentliches Lehrfach in denjenigen Bundesländern keine Anwendung findet, in denen zum 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand. Diese Ausnahmebestimmung gilt für Bremen, Berlin und Brandenburg. (KNA)

Dossier "Katholische Schulen"

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Von Sophia Michalzik