20. Türchen, 20. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

"Die Totenkammer aus Schnee"

Kein Licht, kein Leben, keine Liebe: Nur sinnloser Tod und Vernichtung bestimmen die Zeilen des Gedichts "Dezember 1942", das vor 75 Jahren im Kessel von Stalingrad entstand.

Von Felix Neumann |  Bonn - 20.12.2017

"Dezember 1942" von Peter Huchel

Wie Wintergewitter ein rollender Hall,
Zerschossen die Lehmwand von Bethlehems Stall.

Es liegt Maria erschlagen vorm Tor,
Ihr blutig Haar an die Steine fror.

Drei Landser ziehen vermummt vorbei.
Nicht brennt ihr Ohr von des Kindes Schrei.

Im Beutel den letzten Sonnblumenkern,
Sie suchen den Weg und sehn keinen Stern.

Aurum, thus, myrrham offerunt …
Um kahles Gehöft streicht Krähe und Hund.

… quia natus est nobis Dominus.
Auf fahlem Gerippe glänzt Öl und Ruß.

Vor Stalingrad verweht die Chaussee.
Sie führt in die Totenkammer aus Schnee.

Soldaten in der Schlacht von Stalingrad.

Kein Licht, kein Leben, keine Liebe

"Licht-Leben-Liebe" hat der Pfarrer und Feldarzt Kurt Reuber auf seine Madonna geschrieben, im Dezember 1942, gezeichnet im Kessel von Stalingrad. Ein Bild von Hoffnung und Geborgenheit in hoffnungsloser Zeit.

Nichts davon ist bei Peter Huchel zu finden in seinem Gedicht über diesen Dezember 1942. Kein Licht, kein Leben, keine Liebe. Nur sinnloser Tod und Vernichtung. Die heilige Nacht, die Krippe hat der Dichter an die Ostfront verlegt, wo in einer sinnlosen Materialschlacht Hunderttausende starben.

Naturalistisch ist das Gedicht, Huchel schont den Leser nicht. Sieben Reimpaare, eines trostloser als das andere. Schüsse haben den Stall der Weihnachtsnacht zersiebt. Maria ist nicht die gütige Mutter Gottes, keine Schutzmantelmadonna, nirgends gibt es Schutz und Schirm. Maria ist tot, erschlagen, wer weiß von wem, niemand begräbt die Tote. Statt der drei Weisen aus dem Morgenland ziehen drei Landser vorbei. Was Hoffnung sein könnte – der Schrei eines Kindes, immerhin einer hat überlebt! –, das berührt sie nicht, das ist ihnen egal. Es ist kalt, sie haben Hunger, für irgendwelche Sterne hat keiner Augen.

Jede weihnachtliche Verklärung macht schon der Reim zunichte: "offerunt" reimt sich auf "Hund", "Dominus" auf "Ruß". "Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten sie dar", zitiert Huchel das Weihnachtslied "Ein Kind geborn zu Bethlehem" in vornehmem Latein, aber statt Engeln und Hirten und Ochs und Esel, statt Geschenken und Huldigungen des neugeborenen Heilands: eine Krähe, ein Hund, die selber hungrig durch die Kälte streichen. Wie Hohn klingt der Introitusgesang der weihnachtlichen Hirtenmesse: "Denn uns ist der Herr geboren" – hier ist kein Herr, kein Licht wird heute über uns leuchten, es bleibt nur ein Weg in die "Totenkammer aus Schnee". Alles ist unversöhnt.

Reubers Stalingradmadonna, Huchels "Dezember 1942": Zwei Kunstwerke im Angesichts des Grauens des Krieges. Reuber ist in Russland geblieben, noch vor Kriegsende am Typhus gestorben. Huchel, auch er musste in der Wehrmacht dienen, überlebte den Krieg. Der Hoffende tot, der Hoffnungslose am Leben. "Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen!", will man anklagend rufen.

Von Felix Neumann