"Christliche Werte sind kein religiöses Sondergut"
Frage: Herr Bischof, gibt es tatsächlich einen Verfall christlicher Werte in Deutschland?
Feige: Die Wirklichkeit ist vielfältig. Einerseits verbleiben traditionelle Werte durchaus im Bewusstsein der Gesellschaft, sowohl in Deutschland als auch in den von der russischen Orthodoxie geprägten Ländern. Andererseits gibt es tatsächlich so etwas wie einen Verfall von Werten in einigen Bereichen. Zugleich kann man auch einen Wertewandel feststellen, werden neue Werte entdeckt und gelebt.
Frage: Können Sie Beispiele nennen?
Feige: Im Bereich des Lebensschutzes ist auf der einen Seite ein Werteverfall zu beobachten, durch Abtreibung und eine vorgeburtliche Aussortierung Behinderter. Auf der anderen Seite werden Menschen mit Behinderungen inzwischen viel deutlicher und bewusster wahrgenommen und unterstützt. Ein weiteres Beispiel ist die Gerechtigkeit. Hier hat sich ein verschärftes Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit, für Generationen- und Teilhabegerechtigkeit entwickelt.
Frage: Entwicklungen und Herausforderungen zu nennen, ist der erste Schritt. Wie muss die Kirche im zweiten Schritt mit diesen umgehen?
Feige: Wir haben in den Gesprächen das Verhältnis von Kirche und Welt intensiv in den Blick genommen und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass man beide Größen nicht abstrakt voneinander trennen kann. Es gibt Kirche in der Welt und viel Welt in der Kirche. Wir können nicht einfach christliche Werte vertreten und erwarten, dass die Welt diese einfach so übernimmt. Wir müssen auch die Werte, die wir in der Welt vorfinden, im Lichte unserer Werte deuten und offener auf Entwicklungen eingehen. Kirchen müssen gesellschaftliche Diskurse kritisch-konstruktiv begleiten und nicht immer nur alles negativ sehen.
Frage: Das hat dann auch Auswirkungen auf Pastoral und Seelsorge?
Feige: Selbstverständlich.
Frage: Stichwort Wertewandelt: Inwiefern ist ein ostdeutsches Bistum in einer anderen Situation als Diözesen im Westen oder Süden Deutschlands?
Feige: Als katholische Kirche sind wir hier eine ganz kleine Größe. Nur etwa drei Prozent der Bevölkerung ist katholisch, 14,6 Prozent sind laut letzter Volkszählung evangelisch und über 80 Prozent sind konfessionslos beziehungsweise entkirchlicht. Zudem haben wir eine sehr schwierige wirtschaftliche und demografische Entwicklung. Auch kommen zwei Drittel der Kinder nicht in traditionellen Familien zur Welt, im Westen ist es ein Drittel. Es ist für uns eine enorme Herausforderung, deutlich zu machen, wofür wir stehen. Dialog ist wichtig, wir können nicht nur mit Forderungen auftreten.
Es gibt Kirche in der Welt und viel Welt in der Kirche
Bischof Gerhard Feige
Frage: Wie kann Kirche denn dann in einer solchen Gesellschaft zukunftsfähig agieren. Bedeutet das, wie Papst Franziskus sagt, "den Stallgeruch der Schafe" anzunehmen?
Feige: Genau das versuchen wir, indem wir uns auf die Menschen einlassen. Wir dienen ihnen nicht nur caritativ-sozial, sondern beispielsweise auch im Bildungsbereich mit katholischen Schulen, die mein Vorgänger errichtet hat, und anderer Bildungsarbeit. Wir versuchen, den Menschen die Gesinnung Jesu Christi zu erschließen und ein wenig nahe zu bringen. Auch wollen wir verständlich machen, dass christliche Werte kein religiöses Sondergut sind, sondern letztlich das Ziel haben, wirkliches Menschsein zu stärken und zur Entfaltung zu bringen.
Frage: Wenn Sie das Gespräch mit den Vertretern der russisch orthodoxen Kirche bilanzieren, besteht über Diagnose und Konsequenzen Einigkeit oder gibt es auch Differenzen?
Feige: Selbstverständlich gibt es aufgrund der verschiedenen gesellschaftlichen Kontexte von katholischer und russischer orthodoxer Kirche auch unterschiedliche Anschauungen und Herangehensweisen. Aber das Wichtige bei solchen Gesprächen ist, sich gegenseitig verstehen zu lernen und miteinander differenziert sprechen zu können. Das und dann gemeinsame Aussagen treffen zu können, ist uns gelungen. Es war eine sehr konstruktive und auch atmosphärisch erfreuliche Begegnung.
Das Interview führte Christoph Meurer