Charles Eugene Vicomte de Foucauld mit Kamel und Tuarek.
Bild: © KNA
Am 1. Dezember 1916 wurde der selige Charles de Foucauld erschossen

Vom Wüstling zum Wüstenheiligen

Menschen wie der selige Charles de Foucauld faszinieren auch mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod. Einst ein umtriebiger Frauenheld, wandelte der Franzose sich zum asketischen Eremiten in der Wüste.

Von Christoph Kampmann (KNA) |  Bonn - 01.12.2016

Gott schreibt auf krummen Wegen gerade - einmal mehr trifft das auch auf Charles de Foucauld zu. Als Charles de Foucauld am 1. Dezember 1916 in der Oase Tamanrasset von Plünderern erschossen wird, liegt ein langer, verschlungener Weg hinter ihm: Von Frankreich führt er nach Algerien, Marokko, ins Heilige Land, nach Syrien und schließlich in die algerischen Sahara. Der innere Weg verläuft von einer gläubigen Kindheit über religiöse Abstumpfung zur Wiederentdeckung des Glaubens, die in ein Einsiedler-Dasein mündet.

Geboren wurde der selige Charles de Foucauld 1858 in Straßburg. Seine Familie zählte seinerzeit zu den reichsten in ganz Frankreich. Doch die Ehe seiner Eltern scheiterte 1863, ein Jahr später verstarben zunächst der Vater, dann die Mutter. Die frühen Schicksalsschläge sind vielleicht ein Grund, dass Charles in seiner Jugend alles andere als ein Heiliger ist.

Linktipp: Ordensleben im Plattenbau

Leipzig-Grünau ist trist statt hip: Hochhaussiedlungen prägen den Stadtteil, Atheismus und Armut sind der Normalfall. Was mancher fürchtet, ist für Bruder Andreas Knapp genau der richtige Ort, um sich mit den Sorgen der Menschen auseinanderzusetzen.

Er kommt nach Paris, wird vom Jesuiten-Gymnasium gejagt und stürzt sich mit 17 in sexuelle Abenteuer und rauschende Partys. In der elitären Offiziersschule von Saint-Cyr gilt er als fetter und fauler Lebemann. Als er 1880 nach Algerien verlegt wird, schmuggelt Charles seine Geliebte Mimi aus Frankreich mit und gibt sie als seine Frau aus. Dafür fliegt er aus der Armee. Monate später nimmt das Militär ihn wieder auf, und er kommt erneut nach Afrika, bevor die Karriere als Soldat endgültig vorbei ist.

Er bereiste ein für Christen verbotenes Gebiet

Doch Nordafrika hat es ihm angetan. Charles de Foucauld lernt Arabisch und liest den Koran. Heimlich bereist er die Region, die für Christen weitgehend verbotenes Gebiet ist. Er verbirgt seine französische Abstammung, verkleidet sich als russisch-jüdischer Wanderrabbiner und sucht 1883 und 1884 im Auftrag der Societe de geographie das Sultanat Marokko auf. 1885 durchquert er die südalgerische Wüste. In Frankreich wird er wegen seiner Forschungsberichte und Kartierungen berühmt und erhält die Goldmedaille der Französischen Geographischen Gesellschaft.

Die islamische Frömmigkeit bewegt ihn und weckt in ihm wieder die Frage nach Gott. In Paris freundet sich de Foucauld mit Abbe Huvelin an, der ihn bekehrt. 1890, mit 32 Jahren, tritt er nach einer Pilgerreise ins Heilige Land in das syrische Trappistenkloster Akbes ein. Doch trotz des strengen, entbehrungsreichen Lebens findet er das Ideal der Armut zu wenig verwirklicht. Das Leben der Bewohner in den umliegenden Dörfern hält er für erbärmlicher. Nach sieben Jahren tritt de Foucauld aus dem Orden aus, sucht weiter seinen Weg. Bei den Klarissen in Nazareth erledigt er als Knecht niedrigste Arbeiten und entdeckt seine Berufung zum Priester. 1901 lässt er sich im französischen Viviers weihen.

Linktipp: Bei den Eremiten von Umbrien

Die Abtei hoch über Foligno wird in Reiseführern kaum erwähnt. Dabei ist sie nicht nur ein kunsthistorisches Kleinod, sondern führt zurück bis in die ersten Jahrhunderte des Mönchtums.

Und wieder zieht es ihn nach Nordafrika, zunächst in die Oase Beni Abbes an der algerischen Grenze zu Marokko, wo er französische Soldaten betreut und gegen die Sklaverei kämpft. Der Jugendfreund Henri Laperrine, ein Soldat, schlägt ihm vor, sich im Hoggar-Gebirge niederzulassen - mitten unter den Tuareg. Charles de Foucauld willigt ein. In Tamanrasset lebt er ab 1905 bis zu seinem Tod elf Jahre in einer Hütte aus Lehm und Schilf, weit weg von jeder Zivilisation in völliger Abgeschiedenheit.

Die Felswüste wird für ihn zum Ort der Wahrheit, kein Ort der Weltflucht: "Ich kann nicht hinsehen auf dieses Meer von Gipfeln und von wildzerklüfteten Felsen, ohne Gott anzubeten", schreibt er. De Foucauld erforscht und spricht die Sprache der Tuareg, erwirbt ihr Vertrauen. Dass ein Christ durch sein Vorbild überzeugt, ist ihm wichtiger als der Versuch, durch Worte den Glauben zu verkünden. Sein Ideal ist eine Kirche, die mit armen Mitteln den Armen das Evangelium verkündet.

Obwohl er mehrere Regelentwürfe für geistliche Gemeinschaften geschrieben hat, findet er erst lange nach seinem Tod Nachfolger: 1933 entsteht in der Sahara die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu, 1939 die Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu. Heute berufen sich rund 20 religiöse Gemeinschaften auf sein geistiges Erbe.

Von Christoph Kampmann (KNA)