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Neu und evangelisierend?

Die "Neuen Geistlichen Gemeinschaften" sind ein schwer fassbares Phänomen. Katholisch.de beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten und stellt einige Gruppierungen vor.

Einführung | Bonn - 19.01.2015

Die "Neuen Geistlichen Gemeinschaften" sind ein schwer fassbares Phänomen: Es sind keine Orden mit der für Katholiken bekannten Struktur, es gibt viele kleine Gruppen aber kaum eine gemeinsame Linie, von den Päpsten werden sie mal gelobt, mal getadelt, und nicht einmal eine genaue Zahl von Angehörigen dieser kirchlichen Bewegungen kann man nennen.

Hinzu kommt, dass die Gemeinschaften zwar andere mit ihrer christlichen Überzeugung anstecken wollen, es aber häufig nur wenig Kontakt, dafür teilweise aber Probleme mit anderen Gemeindechristen gibt. Die Neuen Geistlichen Gemeinschaften (NGG) sind meist private, teils auch öffentliche Vereinigungen von Gläubigen. Viele sind vom päpstlichen Laienrat anerkannt, andere vom Ortsbischof und bei wieder anderen ist die Rechtslage ungeklärt. Zwar gehören oft neben Laien auch einige Priester oder Ordensleute den Bewegungen an, aber die klassischen Gelübde von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam werden bei den NGG nicht abgelegt.

Entstanden sind die meisten Bewegungen erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Dieses hatte das Wirken der Laien gestärkt und sie stärker zur Verbreitung des Evangeliums aufgerufen. Auch das Gebet der Stundenliturgie, das bis dahin praktisch nur Ordensleute kannten, wurde den Kirchenmitgliedern empfohlen. So bildeten sich Gruppen, die als Christen sichtbar und kompromisslos innerhalb der modernen Gesellschaft leben wollten.

Papst Benedikt XVI. trifft bei einer Aussendung von Missionaren des "Neokatechumenalen Wegs" im Januar 2012 die Gründer der Gemeinschaft, P. Mario Pezzi (l.), Kiko Argüello (m.) und Carmen Hernandez (r.).
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Jede Gemeinschaft lebt Glauben in eigener Form

Jede der "Movimenti", wie sie auch nach der italienischen Bezeichnung für Bewegung genannt werden, lebt den Glauben in einer ihr eigenen Form. Orientierungspunkte hierbei sind etwa ein besonderer Heiliger oder Seliger (wie etwa bei der Gemeinschaft Charles de Foucauld), die Betonung eines der Charismen, also der Begabungen, die der Heilige Geist schenkt, oder eine besondere Kultur des Gebets oder der Spiritualität (etwa die von ignatianischen Exerzitien geprägte Gemeinschaft Christlichen Lebens). Die einen Bewegungen, wie etwa Sant’Egidio, sind bekannt für ihre "Freundschaft mit den Armen", andere, wie die Charismatische Erneuerung, für ihre musikalischen Lobpreis-Gottesdienste.

Wie viele solcher Vereinigungen von Gläubigen es gibt, lässt sich schwer bestimmen. Vom Vatikan anerkannt sind mindestens 122. Die letzte offizielle Liste des päpstlichen Laienrats ist jedoch schon zehn Jahre alt. Darin fehlt etwa der internationale und mitgliederstarke "Neokatechumenale Weg", der 2008 kirchenrechtlich anerkannt wurde. In Deutschland sind nach Angaben der Bischofskonferenz mehr als 80 Gemeinschaften mit rund 100.000 Mitgliedern aktiv. "Wir gehen jedoch von einer sehr viel größeren Zahl von Personen aus, die einer Bewegung nahe stehen oder sich ihr zugehörig fühlen", sagt der für die NGG zuständige Weihbischof Heinrich Timmerevers.

Er verweist auf die deutschlandweite Initiative "Nightfever", bei der abends in Innenstädten Menschen dazu eingeladen werden, in einer Kirche eine Kerze anzuzünden und zu Anbetung und Gesang zu bleiben: Während der innere Kreis der Engagierten, die das "Nightfever" vorbereiten, überschaubar sei, könne man die Zahl der Teilnehmer an den Gottesdiensten nur annähernd schätzen. Neben den verbindlichen Mitgliedern verstünden sich durchaus auch Teilnehmer an Veranstaltungen als Anhänger einer bestimmten Bewegung, so Timmerevers.

Neue Bewegungen teilweise international strukturiert oder ökumenisch

Bevor es die Neuen Geistlichen Gemeinschaften gab, war die Kirche recht klar nach Gemeinden, Dekanaten, Diözesen, nationalen Bischofskonferenzen und Ordensgemeinschaften strukturiert. Die neuen Bewegungen sind teilweise international strukturiert oder ökumenisch und sollen keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung der Strukturen sein. Nach den Worten von Timmerevers weiten sie "unsere Bilder und Vorstellungen von Kirchenzugehörigkeit und Kirchesein".

Heinrich Timmerevers ist Weihbischof im Bistum Münster und Experte der Deutschen Bischofskonferenz für die Neuen Geistlichen Gemeinschaften.
 KNA

Der Vatikan sieht in den NGG ein gutes Instrument zu Glaubensstärkung, Neuevangelisierung und Mission. Die Päpste versuchen deshalb immer wieder, die Bindung an den Stuhl Petri und unter den Gemeinschaften zu stärken. 1998 organisierte Johannes Paul II. den ersten Weltkongress der geistlichen Gemeinschaften in Rom. Im Jahr 2011 waren sie als "Träger der Neuevangelisierung" zu einem Treffen mit dem Leiter des gleichnamigen päpstlichen Rats und zu einer Messe mit Benedikt XVI. eingeladen. Der Papst aus Deutschland mahnte immer wieder die Bewegungen zur "Gemeinschaft mit dem Papst und den Bischöfen" und verurteilte "Privatwege".

Denn es gab und gibt immer wieder Kritik: Man hört von Spaltungen in den Kirchengemeinden, Elitedenken, Abschottung oder gar von sektiererischen Tendenzen. Zumindest den letzten Punkt weist die Deutsche Bischofskonferenz zurück: Es handele "sich nicht um Sekten, sie teilen den Glauben der katholischen Kirche, den wir alle jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis laut aussprechen", sagt Timmerevers. Der Vorsitzende der Pastoralkommission, Bischof Franz-Josef Bode, spricht eher von fünf Gefährdungen, "durch die sich Mitglieder von Bewegungen und Gemeinschaften selbst ins Abseits zur katholischen Kirche bringen können". Dazu gehören laut dem Osnabrücker Bischof Versuchungen, wie die zum geistlichen Hochmut und zur Selbstgenügsamkeit, fehlende Sensibilität im Umgang mit Autorität und Freiheit in der Gemeinschaft und mangelnde Transparenz dem Bischof gegenüber.

Diese Hinweise von Bode hätten die Verantwortlichen der Bewegungen sehr selbstkritisch und dankbar aufgenommen, berichtet Timmerevers vom nationalen Treffen zwischen Bischöfen und Gemeinschaften im vergangenen Sommer. Seit 2011 gibt es diese Treffen, die dem gegenseitigen Austausch, der Planung gemeinsamer Projekte und der gegenseitigen Herausforderung und Korrektur dienen sollen.

Aus Sicht der Pfarreien entstehen Probleme und Konflikte mit den "Movimenti" auf ihrem Gemeindegebiet zum einen aus zu wenig Wissen über die jeweilige Bewegung, deren geistliches Leben und missionarisches Engagement. Aber zum anderen auch dann, wenn sich Gemeindemitglieder von Seiten der Gemeinschaften dem Vorwurf ausgesetzt sehen, nur oberflächliche Christen zu sein. Die Bewegungen hingegen geben an, dass Konflikte verschärft werden, wenn die Gruppierungen sich nicht ernst- und angenommen fühlen und wenn ihr oft intensives Glaubensleben nicht wert geschätzt wird.

Timmerevers: "Vielfalt als Reichtum und nicht nur als Bedrohung wahrnehmen"

Wenn einzelne Kirchengemeinden Probleme mit einer Gemeinschaft haben, rät Weihbischof Timmerevers: "Vielfalt als Reichtum und nicht nur als Bedrohung wahrnehmen, das Gespräch suchen, Vereinbarungen treffen über das, was gemeinsam getan werden kann." Sollte das nicht gelingen, könne sich die Pfarrei an ihren bischöflichen Beauftragten für die NGG wenden. Je nach Anlass und Dauer eines Konfliktes würden diese mehr oder weniger friedlich ausgetragen, aber es komme "höchst selten" vor, dass der zuständige Bischof einschreiten und einer Bewegung oder Gemeinschaft untersagen müsse, in seinem Bistum tätig zu werden.

Laut Timmerevers erstellt die Bischofskonferenz derzeit eine Arbeitshilfe, die Pfarrgemeinden und Bewegungen helfen soll, mit Konflikten umzugehen und diese konstruktiv zu bearbeiten. Denn daran, dass die Kirche die ganze Vielfalt an Charismen nutzen und in ein Zusammenspiel bringen muss, führt kein Weg vorbei: Zum Abschluss der 2012 tagenden Weltbischofssynode zur Neuevangelisierung sagte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, dass die Pfarrei "durch die kleinen Gemeinschaften, durch bestimmte Biotope des Glaubens, durch die verschiedenen Bewegungen und Strömungen innerhalb der Kirche und der Gemeinden" ergänzt werden müsse.

Ansprache von Papst Franziskus an NGG

Beim 3. Weltkongress der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften am 22. November 2014 in Rom richtete sich Papst Franziskus mit folgender Rede an die Teilnehmer:

Ansprache von Papst Franziskus an NGG

Liste der bekannteren Bewegungen

Charismatische Erneuerung: Die Mitglieder wollen ihre persönlichen Begabungen und Fähigkeiten, die sie von Gott empfangen haben, in Kirche und Gesellschaft einbringen, um zu deren Erneuerung beizutragen.

Chemin Neuf: Der Name dieser charismatischen Bewegung innerhalb der katholischen Kirche mit ökumenischer Berufung bedeutet "Neuer Weg".

Comunione e Liberazione: Die Bruderschaft "Gemeinschaft und Befreiung" entstand 1954 durch den Mailänder Priester Luigi Giussani. Die Anhänger lesen seine Bücher und sollen in einer wöchentlichen Katechese "zur christlichen Reife" erzogen werden.

Cursillo-Bewegung: Der erste "kleine Kurs" des Christseins, der der Bewegung den Namen gab, fand 1949 auf Mallorca statt.

Fokolar-Bewegung: Eine 1943 in Trient (Italien) von Chiara Lubich (1920-2008) gegründete christlich-charismatische Vereinigung. Neben dem Engagement in der Ökumene setzt sich die Fokolar-Bewegung besonders für einen Dialog unter den Religionen ein.

(Frauen-)Gemeinschaft Charles de Foucauld: Diese und weitere Gemeinschaften ("kleine Brüder" und "kleine Schwestern") gehören zur "geistlichen Familie Charles de Foucaulds", eines französischen Ex-Offiziers, der in Algerien als Eremit lebte.

Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL): Diese weltweite Vereinigung von Gläubigen lebt aus der Spiritualität des heiligen Ignatius von Loyola (1491–1556) und ist geschwisterlich mit dem Jesuitenorden und anderen marianischen Gemeinschaften verbunden. Die Wurzeln der GCL als Laienbewegung reichen bereits mehr als 450 Jahre zurück.

Gemeinschaft Emmanuel: Die Gemeinschaft hat sich 1976 aus einer Gebetsgruppe der Katholischen Charismatischen Erneuerung gebildet.

Gemeinschaft Sant'Egidio: Für die 1968 von Andrea Riccardi in Rom gegründete Gemeinschaft ist das Hören auf das Wort Gottes, die Weitergabe des Evangeliums, die Freundschaft mit den Armen, die Ökumene und der Einsatz für Frieden und Menschenrechte zentral.

Marriage Encounter: Die Weltweite Begegnung von Eheleuten wurde 1965 in den USA gegründet und will mit der als Sakrament gelebten Ehe als Zeuge und Vorbild in der Gemeinschaft der Kirche wirken.

Neokatechumenaler Weg: Die Gemeinschaft, 1964 in Madrid gegründet, will getaufte Christen langfristig auf ihrem Glaubensweg begleiten und ihr religiöses Leben intensivieren.

Schönstatt-Bewegung: Die Bewegung gilt als Vorläufer der neuen Gemeinschaften. Es gibt sie seit sich junge Männer im Ersten Weltkrieg über ihren Glauben in schwierigen Zeiten an der Front austauschten. Schönstatt ist ein verzweigtes Werk mit Familien- und Jugendgemeinschaften, Frauen und Männern, Schwestern und Priestern.

Von Agathe Lukassek

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