Wagenknecht: Kirchen sollen soziales Gewissen sein
Die Spitzenkandidatin der Linken im Interview über das Christentum

Wagenknecht: Kirchen sollen soziales Gewissen sein

Parteien - 2013 warb die Linke mit Papst Franziskus auf ihren Wahlplakaten. In Interview verrät die linke Spitzenkandidatin, Sahra Wagenknecht, wo sie Parallelen zwischen Christentum und Sozialismus sieht.

Von Anna Mertens und Christoph Scholz (KNA) |  Berlin - 05.07.2017

Die Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht wünscht sich von den Kirchen eine stärkere kritische Begleitung der Politik. Im Interview zieht Wagenknecht zudem Parallelen zwischen Christentum und Sozialismus und stellt sich hinter die Staats-Kirchen-Verträge.

Frage: Frau Wagenknecht, will die Linke auch zur Bundestagswahl mit Papst Franziskus-Plakaten werben?

Wagenknecht: (lacht) Ich fand das damals in Rheinland-Pfalz eine gute Idee. Wir wollen den Papst nicht vereinnahmen. Aber seine Kritik an der Gleichgültigkeit gegenüber Tod und Elend auf dieser Welt ist beispielhaft. Seine Aussage "diese Wirtschaft tötet" ist leider hochaktuell.

Frage: Ist die historische Entgegenstellung von Kirche und Sozialismus für Sie überwunden?

Wagenknecht: Für mich gibt es da keinen Gegensatz. Sicherlich haben die Kirchen in ihrem Verhältnis zu Macht und Unterdrückung eine widersprüchliche Geschichte. Das gilt allerdings auch für die Parteien, die sich auf den Sozialismus berufen haben. Ich sehe in der christlichen Religion ganz viel, was dem Bestreben von Sozialisten ähnelt. Wenn ich mit Christen diskutiere, bin ich immer wieder überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten es gibt. Das Gebot der Nächstenliebe und das Gebot der Solidarität stehen beide im Widerspruch zur neoliberalen Ellbogengesellschaft.

Frage: Der Parteitag der Linken hatte dennoch in einem ersten Votum die Auflösung aller Staats-Kirchen-Verträge beschlossen. Wie steht die Linke zur Kirche?

Wagenknecht: Es ist gut, dass der Beschluss zurückgenommen wurde. Ich bin für die Trennung von Kirche und Staat. Religion ist Privatsache. Aber die Kirchen haben in Deutschland traditionell wichtige soziale Aufgaben übernommen. Jetzt hinzugehen und zu sagen, das kappen wir alles, halte ich für falsch.

Frage: Und was erwarten Sie von ihr?

Wagenknecht: Ich würde mir grundsätzlich mehr öffentliche Kritik an der herrschenden Politik wünschen. Eine Gesellschaft, in der Wenige immer größeren Reichtum anhäufen und viele von ihren Löhnen und Renten nicht mehr leben können, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unchristlich. Die Kirchen könnten noch viel stärker eine kritische Stimme, ein kritisches soziales Gewissen der Gesellschaft sein.

Frage: Wo sehen Sie Reformbedarf?

Wagenknecht: Problematisch finde ich etwa die Militärseelsorge. Für mich stellt die Kirche hier ihr eigenes Credo - du sollst nicht töten - infrage.

Bild: © KNA

Auf einer Straßenkreuzung in Trier steht eines der Großflächenplakate der rheinland-pfälzischen "Die Linke" mit dem Konterfei von Papst Franzikus. Grünes Licht aus Rom gab es für die Aktion nicht.

Frage: Die Linke ist grundsätzlich gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Gibt es aber im Ernstfall nicht auch eine Pflicht zur humanitären Intervention wie seinerzeit im Kosovo?

Wagenknecht: Es gibt keine humanitären Kriege. Alle militärischen Interventionen der letzten Jahre haben das Leid der Zivilbevölkerung nur vergrößert und ganze Regionen destabilisiert.

Frage: Dennoch ist bei Menschenrechtsverbrechen Wegschauen keine Lösung.

Wagenknecht: Die westliche Politik schaut weg, wenn aktuell 23 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Sie könnten wir retten, ohne eine einzige Bombe zu werfen.

Frage: Wie steht es um die Flüchtlinge? Die Linke fordert ein Bleiberecht für alle. Ist das realistisch?

Wagenknecht: Wir wollen, dass die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive haben. Es kann nicht darum gehen, alle Menschen, die vor Armut fliehen, in Deutschland aufzunehmen.

Frage: Also doch eine Obergrenze?

Wagenknecht: Darum geht es nicht. Die wirklich Notleidenden haben doch viel zu wenig, um sich überhaupt auf den Weg zu machen. Wer ihnen helfen will, muss es vor Ort tun. Wir müssen politisch Verfolgten Schutz gewähren - auch aus der Türkei. Beim Recht auf Asyl gibt es keine Obergrenze.

Frage: Deutschland will den G20-Gipfel nutzen, um die Fluchtursachen in Afrika zu bekämpfen. Was erwarten Sie sich davon?

Wagenknecht: Leider nicht viel. Entscheidend ist, dass die afrikanischen Länder eine eigene Wirtschaft aufbauen. Jeder weiß, dass die Hähnchenschenkel und Tomatenkonserven aus der EU dort lokale Anbieter ruinieren. Trotzdem wird unverändert Druck ausgeübt, auch durch Frau Merkel, dass arme Länder ihre Märkte öffnen. Das ist verheerend. Hinzu kommt der brutale Raubbau globaler Rohstoffkonzerne. Und natürlich sind auch unsere Waffenexporte in Kriegs- und Krisengebiete eine Katastrophe. So schafft man Fluchtursachen, statt sie zu bekämpfen.

Linktipp: Kirchen rufen G20 zum Kampf gegen Unrecht auf

Kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg haben sich die Bischöfe Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm zu Wort gemeldet. Sie haben eine Botschaft für Teilnehmer und Gegner des Treffens.

Frage: Zu den großen innenpolitischen Herausforderungen gehört die Integration des Islam. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Wagenknecht: Zunächst muss man zwischen aufgeklärten Muslimen und einem radikalisierten politischen Islam unterscheiden. Da muss der Staat viel genauer hinschauen, wen er fördert.

Frage: Auf wen beziehen Sie sich?

Wagenknecht: Etwa auf Ditib, einen Verband, der direkt durch das Erdogan-Regime gesteuert wird. Saudi-Arabien fördert ebenfalls islamistische Terrorbanden, trotzdem hat Frau Merkel diesem Land eine weitere militärische Kooperation in Aussicht gestellt.

Frage: Im Verhältnis zum Judentum hat ihre Parteikollegin Petra Pau jüngst in einem Interview auch bei der Linken antisemitische Vorfälle ausgemacht. Sehen Sie das ebenso?

Wagenknecht: Links-Sein und Antisemitismus schließen sich aus. Etwas anderes ist es, die aktuelle Politik von Israel zu kritisieren - wenn Israel etwa mit der Siedlungspolitik in palästinensische Gebiete vordringt und den Konflikt immer mehr anheizt.

Frage: Spielt eigentlich für Sie der Glaube eine Rolle?

Wagenknecht: Ich bin ohne Religion aufgewachsen. Ich freue mich aber, wenn ich Menschen begegne, die ihre Kraft für soziales Engagement aus ihrem Glauben schöpfen. Ich bin überzeugt: die Menschheit hat eine humanere Gesellschaft verdient als den Kapitalismus. Wenn ich auf die Kraft der Mitmenschlichkeit vertraue, ist das letztlich natürlich auch ein Glaube.

Frage: Die Religion hat also auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung?

Wagenknecht: Gerade in einer Zeit, in der Werte zerfallen und Gemeinsinn und Engagement für den Schwächeren immer mehr zurückgedrängt werden, ist die christliche Religion, in deren Zentrum die Nächstenliebe steht, auch ein wichtiges Gegengewicht.

Von Anna Mertens und Christoph Scholz (KNA)