Militärseelsorge als Lebenshilfe

Franz-Josef Overbeck ist der sechste katholische Militärbischof in der Geschichte der Bundeswehr. Dem 50-jährigen Bischof von Essen obliegt seit 2011 die kirchliche Leitung der katholischen Militärseelsorge. Im Interview mit katholisch.de bezieht er Stellung zum Spannungsfeld, in dem sich die Militärseelsorge mit der kirchlichen Lehre befindet und zeigt die aktuellen Herausforderungen auf, vor denen die Seelsorge derzeit steht.

Militärseelsorge | Bonn - 28.11.2014

Franz-Josef Overbeck ist der sechste katholische Militärbischof in der Geschichte der Bundeswehr. Dem 50-jährigen Bischof von Essen obliegt seit 2011 die kirchliche Leitung der katholischen Militärseelsorge. Im Interview mit katholisch.de bezieht er Stellung zum Spannungsfeld, in dem sich die Militärseelsorge mit der kirchlichen Lehre befindet und zeigt die aktuellen Herausforderungen auf, vor denen die Seelsorge derzeit steht.

Frage: Worin liegen zukünftig die wichtigsten Aufgaben für die Militärseelsorge in der sich im Umstrukturierungsprozess befindlichen Bundeswehr?

Militärbischof Overbeck: Die Sorge für die Soldaten, die physischen und psychischen, aber auch moralischen Risiken ausgesetzt sind, war für die Kirche immer ein Grund, eine spezifische Seelsorge für Soldaten einzurichten. Diese Aufgabe wird im Transformationsprozess der Bundeswehr in keiner Weise an Bedeutung verlieren, im Gegenteil: Durch die Auslandeinsätze sind diese Risiken nicht nur gestiegen, sondern auch der Öffentlichkeit bewusst geworden.

Franz-Josef Overbeck ist Diözesanbischof der Diözese Essen sowie Adveniat-Bischof und Militärbischof.
 Adveniat

Frage: Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die Militärseelsorge derzeit steht?

Overbeck: Die qualifizierte Begleitung der Soldaten durch Seelsorger und Seelsorgerinnen sicherzustellen, ist angesichts der personellen Situationen in den deutschen Bistümern aktuell die zentrale Herausforderung für die Militärseelsorge.

Frage: Sie machen sich über den Einsatz der Soldaten im Ausland regelmäßig vor Ort selbst ein Bild. Welchen Stellenwert haben die Militärseelsorger in der Truppe, in der ein überwiegender Teil der Soldaten doch eher kirchenfern ist?

Overbeck: Die Militärseelsorge begleitet die Soldaten und ihre Familien mit vielfältigen Angeboten in ihrer jeweiligen Lebenswelt, sei es im Auslandseinsatz oder im Dienst an ihrem Heimatstandort. Im Gottesdienst, in der Verkündigung der Frohen Botschaft, in der kulturellen und sozialen Diakonie bieten wir den Soldaten Lebenshilfe an. Die Akzeptanz dieser Angebote ist bei allen Soldaten – konfessionell gebunden und konfessionell ungebunden – außergewöhnlich hoch und wird durch die Erfahrung der Präsenz der Militärseelsorger in den Einsätzen noch verstärkt.

Frage: Mit Blick auf die Gewaltexzesse der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) stehen wir derzeit vor der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Christen militärische Gewalt akzeptieren können. Dem entgegen steht das 5. Gebot. Wie geht die kirchliche Lehre mit den Herausforderungen um, die sich aus diesem Spannungsfeld ergeben?

Overbeck: Die Friedenslehre der Kirche ist eindeutig. Die Pflicht, politisches Handeln am Prinzip der Gewaltfreiheit auszurichten, kann mit der Pflicht konkurrieren, den Opfern unrechtmäßiger Gewalt notfalls mit Gewalt zu helfen. Hier ist eine oft schwierige Güterabwägung zur Bestimmung des kleineren Übels erforderlich. Jeder Mensch hat das Recht auf Unversehrtheit von Leib, Seele und Geist. In Bezug auf die Gewaltexzesse der IS gilt nicht nur "du sollst nicht töten", sondern auch "du sollst nicht töten lassen".

Frage: Wie ist es um die Wertschätzung der Soldaten in der Gesellschaft bestellt?

Overbeck: Die Forderung nach einer besonderen Wertschätzung des soldatischen Dienstes ist in unserer Gesellschaft nicht unumstritten. Eine Gesellschaft jedoch, die an einer friedens- und demokratieverträglichen Armee interessiert ist, sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass eine angemessene soziale Wertschätzung ein wichtiges Instrument ist, das Entstehen einer soldatischen Sonderkultur zu verhindern.

Das Interview führte Michael Kniess

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