Schiefe Kirchen und ihre schrägen Geschichten
Vor so mancher Kirche steht der Beobachter und denkt sich: "Da stimmt doch was nicht!" Türme sind schief, verdreht oder knicken irgendwann in der Mitte ab. Dahinter stecken in der Regel lockere Böden oder Vorkehrungen gegen starken Wind. Doch so manche schiefe Kirche hat eine äußerst illustre Geschichte. Katholisch.de stellt fünf Beispiele aus Deutschland vor.
St. Quirin in Gmund am Tegernsee
Im kleinen Ort Gmund am Tegernsee war die Aufregung groß: Nach der Renovierung war auf einmal der Kirchturm der kleinen Kirche St. Quirin schief! Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Turm ist gerade – zum ersten Mal seit Jahrhunderten. Schief hingegen ist der gesamte Rest der Kirche, die nicht weit entfernt vom Ufer des Tegernsees steht. Wegen der Lage ist der Boden, auf dem die Kirche steht, relativ weich und über die Jahrhunderte ist die Kirche Richtung Westen abgerutscht – so weit, dass sogar ein Riss durch die Mauern ging. Mit der Kirche stand nun auch der Turm schief. Doch als man im Jahr 2017 begann, die Kirche zu sanieren, fiel auf, dass der Turm marode war und auf Vordermann gebracht werden musste. Deshalb wurde er abmontiert und in eine Schreinerwerkstatt gebracht. Als er dann wieder auf die Kirche montiert werden sollte, wurde er gerade auf das Gebäude gesetzt – zu groß war die Gefahr, dass er sonst auf die Straße gefallen wäre. Da unter der Kirche auch noch Reste der Vorgängerkirche im Boden liegen, konnte sie nicht "geradegerückt" werden. Seitdem sieht der Turm schief aus – obwohl er das einzig Gerade an der Kirche ist.
Kirche in Suurhusen
Als man 1450 einen Turm an die damals schon 200 Jahre alte Kirche von Suurhusen setzte, dachte man sich nichts Böses: Man trieb Eichenstämme in den moorigen Boden und machte das zur Grundlage für den neuen Turm. Jahrhundertelang hielt dieses Konstrukt – bis ins 19. Jahrhundert. Die Bauern der Umgebung hatten in großem Stil das Grundwasser angezapft, um ihre Felder zu bewässern. Das Grundwasser sank ab. Bis dahin hatten die Holzstämme unter dem Turm im Wasser gelegen und waren so konserviert worden. Jetzt lagen sie auf einmal frei und begannen zu verrotten. 1885 fiel erstmals auf, dass von „gerade“ bei dem Turm nicht mehr die Rede sein konnte. Und es wurde schlimmer: In den 1920er Jahren nahm man einen Aufbau vom Turm ab, um das Bauwerk leichter zu machen, doch auch das half nichts: Der Turm neigte sich immer weiter. 1975 wusste sich die Gemeinde dann nicht mehr zu helfen, gab die Kirche auf und baute andernorts eine Neue. Anfang der 1980er Jahre machten sich dann Privatleute ans Werk und verstärkten das modernde Fundament mit Beton und Stahl. Seit 1985 werden in der Kirche wieder Gottesdienste gefeiert und seit den 1990er Jahren neigt er sich nicht weiter. Mittlerweile ist der Turm der schiefste seiner Art und hat dabei den schiefen Turm von Pisa überboten. Seit 2007 ist der Suurhusener Turm im Guinness-Buch der Rekorde – mit einer Neigung von 5,1939 Grad (Pisa: 5,08 Grad).
St. Johann Baptist in Köln
Dass in der rheinischen Domstadt nicht immer alles so funktioniert, wie es soll, hat inzwischen schon beinahe sprichwörtliche Qualität. Geradezu ein Paradebeispiel dafür war die Kirche St. Johann Baptist. Sie gehört zu den ältesten der Stadt, nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bekam sie Anfang der 1960er Jahre einen neuen Kirchturm. Der geriet 2004 aber ins Wanken – um 77 Zentimeter. Damit riss er sich buchstäblich vom Kirchengebäude los. Der Grund dafür war unter der Kirche zu suchen: Dort war in der Nacht zuvor ein Versorgungsschacht für eine neue Trasse der Kölner U-Bahn gebohrt worden. Sofort wurde der Turm mit Stahlträgern abgestützt und die ganze Umgebung gesperrt. Als "schiefer Turm von Köln" schaffte er es in die deutschlandweiten Schlagzeilen, bis er wieder aufgerichtet wurde. Vom "schiefen Turm" ist heute nichts mehr zu sehen. Dafür prägen noch andere Folgen des U-Bahn-Baus das Stadtbild bis heute: Neben Schäden am Rathausturm, einer weiteren Kirche und zahlreichen Privathäusern in Köln brach das Stadtarchiv 2007 in sich zusammen. Dort ist immer noch ein tiefes Loch.
St. Clemens in Mayen
Der Turm dieser Kirche erinnert etwas an die Spitze eines Softeises: Alles ist ein bisschen verdreht. Schuld daran ist einer Sage zufolge der Teufel persönlich. Demnach gab es beim Bau der Kirche Probleme, weil nicht genügend Steine vor Ort waren. Also saßen die Handwerker etwas untätig herum, bis neue Steine kommen sollten. Da kam ein Fremder auf sie zu, den sie trotz Verkleidung schnell als Teufel erkennen konnten. Er fragte, ob sie denn einen Tanzsaal mit einem Wirtshaus bauten. Sie sagten ja. Das freute den Teufel und am nächsten Tag waren genug Steine auf der Baustelle, um das Gebäude fertig zu stellen. Als zum Kirchweihfest auch der Teufel auf die Baustelle kam, stellte er wütend fest, dass statt eines Wirtshauses nun eine Kirche im Ort stand. Aus Wut versuchte er, den Kirchturm durchzubrechen. Doch so viel er auch zog und drehte, er schaffte es nicht, der Kirche Schaden zuzufügen. Deshalb thront auch heute noch der gedreht Kirchturm von St. Clemens hoch über Mayen.
Alt St. Thomae in Soest
Auch das malerische Soest hat einen schiefen Turm zu bieten: Die Spitze von Alt St. Thomä neigt sich schon ein gutes Stück weit nach Westen – und dafür gibt es gleich zwei Erklärungsversuche. Der eine stammt von einem bekannten Westfalen: dem Dichter Ferdinand Freiligrath. Der mutmaßte, dass sich der Turmhelm dem nahegelegenen Wall zuneigt, in Richtung der "lustwandelnden Soesterinnen". Eine alte Sage geht sogar von noch viel abenteuerlicheren Umständen aus: Demnach war Soest eines Tages so zugeschneit, dass von der ganzen Stadt nur noch die Kirchturmspitze aus der Schneedecke herausragte. Als dann der Freiherr von Münchhausen (in einer anderen Version dieser Erzählung ist es ein Händler) auf der Suche nach einer Herberge war und keinen Unterschlupf fand, band er sein Pferd an dem vorgeblichen Zaunpfahl an und legte sich im Schnee schlafen. Als er am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Friedhof – und sein Pferd baumelte in luftiger Höhe am Kirchturm, der durch das Gewicht des Pferdes schief wurde. Bis heute gibt es mehrere Ansätze, um die Schieflange des Turmes zu erklären – die sind aber wesentlich weniger abenteuerlich als die Geschichte von Baron Münchhausen.