Ein "Heiliger in Ausbildung"
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Am 22. Oktober ist der Gedenktag von Johannes Paul II.

Ein "Heiliger in Ausbildung"

Am Anfang war nicht einmal klar, ob Karol Wojtyla Priester werden würde. Inzwischen ist Johannes Paul II. heiliggesprochen worden. Katholisch.de erzählt die spannende Lebensgeschichte des frommen Polen.

Von Sophia Michalzik |  Bonn - 22.10.2017

Sein Pontifikat dauerte 26 Jahre - dabei war am Anfang nicht mal sicher, ob er überhaupt Priester werden würde. Dabei mag im Rückblick sogar mancher meinen, dass sich die Heiligsprechung Johannes Paul II. (1978-2005) schon in jungen Jahren abgezeichnet hat. Während des Studiums hatten sich Kommilitonen über die große Frömmigkeit und den Ernst Karols lustig gemacht. Eines Tages klebte dann ein Zettel an seinem Pult mit den Worten "Heiliger in Ausbildung".

Doch sie ahnten wohl nicht, wie Recht sie mit ihrem Spaß über den Mann haben würden, der später als Johannes Paul II. Geschichte schrieb, der mit 26 Jahren das zweitlängste Pontifikat der Geschichte verzeichnet. Dabei war am Anfang gar nicht sicher, ob er überhaupt Priester werden würde. Kurz vor dem Tod seines Bruders 1932 versprach Wojtyla ihm, nie Arzt oder Geistlicher zu werden, wie die "Bonner Rundschau" wenige Tage nach seiner Wahl zum Papst berichtete. Doch der Drang der Berufung war offensichtlich stärker als das Wort an den sterbenden Bruder.

Seine Kindheit hatte der am 18. Mai 1920 geborene Wojtyla im südpolnischen Wadowice verbracht, gemeinsam mit seinen Eltern Karol und Emilia sowie Bruder Edmund. Nach dem Tod der Mutter zog Wojtyla Junior mit seinem Vater 1938 nach Krakau, wo er sich zum Studium der Philosophie und Polnischen Literatur einschrieb.

Entbehrungsreiche Kriegsjahre

Während des Krieges arbeitete Wojtyla in einem Steinbruch und in einer Chemiefabrik. Seine große Leidenschaft – das Schauspielern – musste er fortan im Untergrund ausüben. Heimlich gründete er mit einem Freund das "Rhapsodische Theater", das zu einer festen Größe in der Krakauer Kulturlandschaft wurde. Über 20 Aufführungen brachte das kleine Schauspielensemble zusammen.

Doch es gab einen Faktor im Leben des Karol Wojtyla, der noch größer war als seine Lust am Schauspiel: der Ruf Gottes. 1942, ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, trat Wojtyla heimlich in das Krakauer Priesterseminar ein. Am 1. November 1946 weihte ihn der Erzbischof von Krakau, Kardinal Adam Stefan Sapieha, zum Priester.

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Zu seiner Heiligsprechung wurde am Petersdom ein riesiger Teppich mit dem Bild von Johannes Paul II. enthüllt.

Schon mit 38 Jahren wurde Karol Wojtyla jüngster Weihbischof Polens in Krakau, 1963 Erzbischof der Diözese. Ironischerweise sind es die Kommunisten gewesen, die Wojtyla damals für das Amt des Erzbischofs haben wollten – sie hielten ihn für "relativ unpolitisch". Nicht einmal drei Jahrzehnte später, als der Eiserne Vorhang fiel, sollten sie ihre Entscheidung bitter bereuen. Der Wahlspruch Johannes Paul II. - "Totus tuus – ganz dein" - war wohl schon damals eine Ankündigung seines Amtsverständnisses. Für den späteren Papst gab es keinen Höheren als Christus und seine Kirche; ihr und ihrem Wohl allein sah er sich verpflichtet. Dass dazu auch unpopuläre Entscheidungen gehörten, sollte sich später zeigen.

Keine Angst vor den Machthabern

Wojtyla, mittlerweile zum Kardinal erhoben, blieb seiner Linie treu. Immer wieder schaffte er es, die kommunistischen Machthaber zu ärgern. Sei es mit der Ausweitung der Fronleichnamsprozession oder als er den Bau einer Kirche in Nowa Huta durchsetzte. Doch diese Situation sollte nicht ewig dauern.

Als Papst Johannes Paul I. 1978 nur 33 Tage nach seiner Wahl starb, galt es, ein neues Oberhaupt für die katholische Kirche zu finden. Die Entscheidung fiel nicht sofort, doch im achten Wahlgang stand es schließlich fest: Der 264. Papst hieß Karol Wojtyla. Nicht nur, dass er mit 58 Jahren einer der jüngsten Päpste der Geschichte war, er war auch der erste Pole auf dem Stuhl Petri und der erste Nicht-Italiener seit 455 Jahren. Fast hätte er sich übrigens einen anderen Namen gegeben: Gerüchten zufolge liebäugelte Wojtyla mit den Namen Stanislaus I.; die Kardinäle überzeugten ihn jedoch davon, dass dies kein lateinischer Name sei.

Entsetzen bei Protokollvertretern

Es war wohl die unkonventionelle Art Wojtylas, die die Kurie erstaunte und manch einen wohl auch verärgerte. So kümmerte Karol Wojtyla das höfische Protokoll herzlich wenig. Der Papst raffte auch schon mal sein Gewand und hastete so die Treppen hinauf. Als ein etwas füllig geratener Kurienkardinal fragte, ob diese Art zu gehen mit der Würde des Amtes zu vereinbaren sei, soll er geantwortet haben: "Ich für meinen Teil habe Bewegung nötig, und ich denke, Sie auch." Zudem verließ Johannes Paul II. auch mal unerlaubt den Vatikan oder – sehr zum Schrecken der Protokollverfechter – stapfte einfach so barfuß über den Rasen der umliegenden Gärten statt die Wege zu benutzen.

Schon bald nach seinem Amtsantritt stoppte Johannes Paul II. die um Kompromisse bemühte vatikanische Ostpolitik und schlug eine härtere Gangart ein. Einige Monate nach seiner Wahl zum Papst bereiste Johannes Paul II. sein Heimatland Polen. Er hatte den Machthabern vorab ein Redemanuskript zugeschickt. Doch bei seiner Ansprache musste es den kommunistischen Herrschern wohl gedämmert haben: Dieser Mann würde ihnen noch Ärger machen. Johannes Paul II. forderte in diesen Tagen vor insgesamt zehn Millionen Menschen Freiheit und Menschenrechte für sein Volk – das hatte so nicht auf dem Manuskript gestanden.

Schwierige Analyse

In den ersten Wochen und Monaten nach seinem Amtsantritt versuchten die Medien weltweit diesen Papst aus dem Osten zu analysieren. Wer war er? War er ein Hardliner, wie es viele konservative Gruppen hofften, der die Wucht des Zweiten Vatikanischen Konzils zu mindern wusste? Oder war er einer, der die Basisgemeinden unterstützte? Die Antwort lautete: weder noch. Es war – wie die "Frankfurter Rundschau" 100 Tage nach seiner Wahl feststellte – die Disziplin, die Johannes Paul II. über alles stellte. Es zeigte sich, dass sich unter ihm an bestimmten kirchlichen Lehrmeinungen nicht rütteln ließ. Und dazu gehörte für Johannes Paul II. die Nicht-Ordination von Frauen genauso wie eine deutliche Verurteilung eines gesetzlich legitimierten Schwangerschaftsabbruchs. Doch auch Erzkonservative hatten ihren Mühen mit diesem Papst. Die Exkommunikation des Erzbischofs Marcel Lefebvre, Gründer der Piusbruderschaft, geschah auf Geheiß Johannes Paul II.

Einen Schreckensmoment erfuhr der Papst 1981. Es war der 13. Mai, kurz nach 17 Uhr. Wojtyla fuhr mit seinem offenen Papamobil über den Petersplatz, als plötzlich Schüsse über den Platz hallten. Drei Kugeln trafen das Oberhaupt der katholischen Kirche, eine drang in den Unterleib ein, sodass sich das weiße Gewand bald rot vom Blut färbte. Während der Papst im Krankenhaus operiert wurde, beteten die Menschen zu Tausenden für seine Genesung. Johannes Paul II. hatte Glück. Schon vom Krankenbett aus, vergab er dem türkischen Attentäter Ali Agca und besuchte ihn später sogar im Gefängnis.

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Der Reisepapst: Johannes Paul II. ist so viel gereist wie kein Papst zuvor. Er hat fast die Hälfte des Planeten besucht und hatte stets ein Auge auf die Schwachen und Entrechteten.

Obwohl die schwere Verletzung des Attentates ihre Spuren hinterlassen hatte, ließ es sich der Papst nicht nehmen, Katholiken in aller Welt zu besuchen: 104 Auslandsreisen hat Johannes Paul II. während seines Pontifikats unternommen – nicht umsonst bekam er den Spitznamen "Reisepapst". Dabei scheute er auch nicht vor unangenehmen Begegnungen zurück; so traf er beispielsweise den kubanischen Machthaber Fidel Castro sowie einige afrikanische Diktatoren. Nicht jedes Gespräch endete mit Verbesserungen für die Lebenssituation der Menschen im Land, doch ein Zeichen war gesetzt. Vielleicht war es auch seine eigene Biographie, die unter dem Zeichen gleich zweier Diktaturen stand, die ihn zu seinem politischen Engagement trieb.

Schwanken zwischen Lob und Tadel für den Papst

Kein anderes Land – abgesehen von Italien – hat Johannes Paul II. jedoch so oft besucht wie Polen. Immer wieder verstand er es, seinen Ruf nach Freiheit und Menschenrechten geschickt zu verpacken; deutlich blieben die Botschaften trotzdem. Johannes Paul II. schaffte es, in den Menschen das Selbstbewusstsein zu wecken, ihre Rechte einzufordern. 1989 wählte das polnische Parlament den ersten nichtkommunistischen Regierungschef, die anderen Ostdiktaturen folgten. Dass der Kommunismus im Osten Europas besiegt war, hieß für Johannes Paul II. jedoch nicht, sich politisch zur Ruhe zu setzen: Er fand genauso deutliche Worte gegen einen zu mächtigen Kapitalismus wie er sie zuvor beim Kommunismus gefunden hatte.

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"Ein Papst zum Anfassen"; einer, der verrückte Sachen macht und sich heimlich absetzt: Die Rede ist nicht von Papst Franziskus. Insbesondere die ersten Amtsjahre von Johannes Paul II. waren spektakulär.

Die Beurteilung des immer länger andauernden Pontifikats schwankte indes zwischen den Extremen: So gab es Menschen, die ihn fast abgöttisch verehrten; in diese Kategorie fällt wohl eine kalabresische Nonne, die ihm bei einer Begegnung ins Ohr biss – nur, um dann vor Verzückung in Ohnmacht zu fallen. Andererseits gab es auch solche, die Papst Johannes Paul II. für sein konservatives Verständnis hart angingen. Unverständnis erntete er beispielsweise angesichts seines Rates an während des Balkankrieges vergewaltigte und schwanger gewordene Frauen, die Kinder zu behalten und den Akt der Gewalt in einen "Akt der Liebe und der Aufnahme" zu verwandeln.

Die letzten Jahre des Papstes waren zunehmend von Krankheit und Schwäche geprägt. Besonders die Parkinson-Erkrankung schränkte ihn stark ein. Unvergessen sind die Bilder eines des Sprechens fast nicht mehr mächtigen Papstes; seinen letzten "Urbi et Orbi"-Segen am 27. März 2005 spendete er stumm. Doch ein Rücktritt kam für Karol Wojtyla bis zum Schluss nicht in Frage – sein Schicksal sollte allein in Gottes Hand liegen. Wenige Tage später, am Abend des 2. Aprils, starb er. 84 Jahre wurde der Mann alt, der die höchsten Ehren der katholischen Kirche erfahren hat: die Heiligsprechung.

Von Sophia Michalzik

Rubrik "Unsere Vorbilder"

Die junge Generation sucht sich gerne Popstars, Sportler oder Schauspieler als ihre Idole. Aber gibt es auch Persönlichkeiten, die eine längere Halbwertszeit haben? Beim Blick auf die Heiligengestalten der Kirche gibt es spannende Biografien und Geschichten zu entdecken. Die katholisch.de-Rubrik "Unsere Vorbilder" stellt bekannte Heilige der katholischen Kirche vor.