Pro und Contra: Brauchen wir so viele Heilige?
Über den Sinn und Zweck von Heiligsprechungen

Pro und Contra: Brauchen wir so viele Heilige?

Und schon wieder wird ein Papst heiliggesprochen! Wunderbar, sagt katholisch.de-Volontär Roland Müller: Ein Heiliger für alle Fälle! Seinem Kollegen Tobias Glenz ist das alles zu viel: Die Inflation der Heiligen sieht er als Trivialisierung an.

Von Roland Müller |  Bonn - 10.03.2018

Pro: Jeder kann ein Heiliger werden!

Wir Katholiken können uns wirklich glücklich schätzen: Nach Pius X., Johannes XXIII. und Johannes Paul II. wird Paul VI. bald der vierte heilige Papst des 20. Jahrhunderts sein. Auch Pius XII. und der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. sind auf dem Weg der Kanonisierung. Für sie laufen derzeit noch die Seligsprechungsverfahren. So viele vorbildliche Nachfolger Petri sind ein Segen für die Kirche, denn sie machen deutlich, was das eigentliche Ziel der Kirche und des menschlichen Lebens ist: die Heiligkeit.

Heiligkeit ist ein missverständlicher Begriff, denn viele Menschen verbinden ihn mit frömmelnder Naivität. Doch genau das ist mit dem Wort "heilig" nicht gemeint. Ein Heiliger ist jemand, der sein Leben auf Gott und die Nöte seiner Mitmenschen ausrichtet und dabei auch mit sich selbst im Einklang lebt. Nach christlicher Überzeugung ist Heiligkeit nicht nur einer kleinen Elite von Super-Frommen vorbehalten, sondern ein für jeden Menschen erreichbares Ziel – auch wenn der Weg zur Heiligkeit meist steinig ist.

Die Kirche spricht Verstorbene heilig, um sie den Gläubigen als Vorbilder zu empfehlen. Sie können sich an den Heiligen orientieren, Kraft schöpfen und sie durch ihr Gebet um Hilfe bitten. So unterschiedlich wie die Menschen und ihre Gemüter sind auch die Wege zur Heiligkeit: Die heilige Therese von Lisieux lebte abgeschieden von der Welt betend im Kloster, während der heilige Maximilian Kolbe im Konzentrationslager Auschwitz im Tausch gegen sein eigenes Leben einen Familienvater vor dem Tod rettete. Diese sehr unterschiedlichen Heiligen zeigten mit ihrem Handeln, was Papst Benedikt XVI. einmal so ausdrückte: "Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt." Je mehr Heilige es also gibt, desto besser.

Das 20. und 21. Jahrhundert waren in der Kirchengeschichte wohl die Zeiträume mit den meisten Heiligsprechungen. Manche mögen das als Inflation kritisieren oder einer persönlichen Vorliebe der jeweiligen Päpste anlasten. Doch dabei wird oft vergessen, dass mit der Kanonisierung eigentlich nur eine Realität festgestellt wird: Die heiliggesprochenen Verstorbenen sind bei Gott und damit schon heilig. Umso schöner, wenn dies auf so viele Nachfolger Petri zutrifft. Dessen sollten wir Katholiken uns nicht schämen.

Von Roland Müller

Papst Paul VI.
Bild: © KNA

Papst Paul VI. ist der nächste unter den heiligen Päpsten.

Contra: Stoppt die Inflation!

So langsam verliert man wirklich den Überblick: Gefühlt bekommen wir inzwischen alle paar Wochen einen Schlag neuer Heiliger serviert. Jüngst machte Papst Franziskus den Weg für weitere Kanonisierungen frei, darunter für Papst Paul VI. und Erzbischof Oscar Romero. Ganz ehrlich: Ich bekomme mit Blick auf die inflationäre Praxis der Heiligsprechungen allmählich ein mulmiges Gefühl.

Keine Frage: Unsere Kirche braucht ihre Heiligen. Die Verehrung von Menschen, die ein evangeliumsgemäßes Leben geführt haben, ist sinnvoll, weil sie einer Glaubensgemeinschaft Vorbilder vor Augen stellt und Fürbitter bei Gott an die Hand gibt. Dass diese Verehrung zuweilen übertrieben wurde und wird, steht außer Frage – hier jedoch nicht zur Debatte.

Aber ist Heiligsein heute überhaupt noch etwas "Besonderes"? Die Fakten: Papst Johannes Paul II. sprach während seines Pontifikats 482 Menschen heilig – das waren mehr Kanonisierungen als bei allen seinen Vorgängern zusammen gerechnet. Der amtierende Pontifex setzte hier noch einen drauf: Im Mai 2013, kurz nach seinem Amtsantritt, sprach Franziskus mit Antonio Primaldo und seinen Gefährten – den sogenannten Märtyrern von Otranto – an einem Tag 800 Menschen heilig.

Tun wir uns mit solchen Massenheiligsprechungen tatsächlich einen Gefallen? Ich bezweifle nicht, dass all die heiliggesprochenen Menschen der letzten Jahre ein – wie auch immer geartetes –heiligmäßiges Leben geführt haben. Aber bei so vielen neuen Heiligen kann doch unmöglich jedes Einzelnen gebührend gedacht werden. Das "Heiligsein" Einzelner wird vielmehr durch die schiere Masse überdeckt.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, die Praxis der Heiligsprechungen einmal neu auf den Prüfstand zu stellen. Eigentlich haben wir in der Kirche doch ein Kanonisierungsverfahren, das von Haus aus langwierig ist und (vor-) schnelle Heiligsprechungen verhindern soll. Spätestens seit dem "Santo subito!" von 2005 scheint die Kirche ihre alten Regeln aber nicht mehr allzu genau zu nehmen – davon zeugen die stark abgekürzten Verfahren der letzten Jahre.

Wenn wir nicht wollen, dass der Begriff "heilig" über kurz oder lang massiv an Wert einbüßt, sollten wir die Kanonisierungs-Inflation stoppen.

Von Tobias Glenz