Vom C&A-Filialleiter zum Priester
Der 51-Jährige Ernst Willenbrink wird am Pfingstsonntag geweiht

Vom C&A-Filialleiter zum Priester

In seinem früheren Leben war Ernst Willenbrink Filialleiter bei C&A, am kommenden Wochenende wird er in Münster zum Priester geweiht. Ein ungewöhnlicher Lebensweg, von dem Willenbrink im Interview erzählt. Außerdem spricht der 51-Jährige über seine künftigen Aufgaben als Priester und seine Begeisterung für Mode.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 05.06.2019

Vom C&A-Filialleiter zum Priester: Der Lebensweg von Ernst Willenbrink ist durchaus besonders. Im Interview mit katholisch.de erzählt der 51-Jährige, der an diesem Sonntag im Dom in Münster von Bischof Felix Genn geweiht wird, wie es dazu kam. Außerdem bekennt er sich zu seiner fortdauernden Leidenschaft für Mode. Auch als Priester will er weiter auffallende Farben tragen.

Frage: Herr Willenbrink, Priestern wird oft ein mangelnder Sinn für Mode nachgesagt. Wie sehen Sie das?

Willenbrink: Ein bisschen Farbe würde manch priesterlichem Outfit sicher nicht schaden. Andererseits: Mit Schwarz, Grau und Blau sind Geistliche "zeitlos gut" gekleidet. Das sind schließlich Standardfarben. Was den Priesterkragen angeht: Da ist weniger mehr. Man muss nicht immer gleich Kollar tragen, um erkennbar zu sein. Das könnte bei Jugendlichen spießig rüberkommen.

Frage Wie werden Sie sich künftig als Priester kleiden?

Willenbrink: Ich trage gern Farbe und dazu stehe ich auch. Ich habe zum Beispiel ein grünes und ein rotes Sakko und Schuhe in den gleichen Farben. Man sagt mir nach, auffallende Farbe stehe mir.

Frage: Der Weg vom C&A-Filialleiter zum Priester scheint recht weit – wie hat sich das bei Ihnen ergeben?

Willenbrink: 1998 hat C&A die mittlere Führungsebene gekappt und 153 Mitarbeiter entlassen. Einer davon war ich. Ich habe dann im Einzelhandel einen neuen Arbeitgeber gefunden, mich ab 1999 aber parallel auf den Diakonat mit Zivilberuf vorbereitet. 2003, mit 36 Jahren, bin ich geweiht worden. Ich wollte mich aber nicht gleich "durchweihen" lassen, sondern erst mal schauen, ob das Alltagsleben und der Diakonat miteinander zu verbinden sind. Über die Jahre habe ich dann gemerkt: Ja, das passt und es ist eine Berufung. Als Diakon mit Zivilberuf durfte ich viel mit Menschen arbeiten, die einsam sind, und mit Kranken und Alten. Das hat mir Freude gemacht und etwas gegeben und gleichzeitig habe ich die Rückmeldung bekommen: Du bist an der richtigen Stelle. 2013 bin ich dann nach Lantershofen ins Spätberufenen-Seminar gegangen, um Theologie zu studieren.

Am Pfingstsonntag wird Ernst Willenbrink im St.-Paulus-Dom in Münster zum Priester geweiht.

Frage: Hatten Sie auch schon in ihrer Kindheit einen Bezug zu Kirche und Glaube?

Willenbrink: Mein Elternhaus in Lippetal-Herzfeld bei Soest war nicht weit von der Kirche entfernt, und wenn ich mal ausgebüchst bin, war ich eigentlich dort zu finden. In der Kirche haben meine Eltern immer zuerst nachgeschaut. Außerdem war ich als Kind Messdiener. Unser damaliger Pfarrer hatte einen Neffen, der in den Sommerferien manchmal zu Besuch kam. Weil ich im gleichen Alter war, habe ich mit dem Neffen gespielt. So hatte ich auch zum Pfarrhaus einen natürlichen Bezug.

Frage: War es für Sie ein großer Schritt, sich als Diakon auf den Zölibat einzulassen?

Willenbrink: Ehrlich gesagt: nein! Ich habe mir immer gesagt: Mit 30 Jahren bin ich verheiratet – oder eben nicht. Und als ich dieses Alter dann erreicht hatte, war für mich klar: Eine Ehe kommt nicht mehr infrage. Heute fängt die Familienplanung ja erst mit über 30 so richtig an. Zu meiner Zeit hatten die meisten Freunde in diesem Alter schon die ersten Kinder. Gott sei Dank hatten auch meine Freunde und meine Clique volles Verständnis für meine Entscheidung, weil sie wussten, dass ich hinter der Entscheidung stehe. Ich hatte zwar auch mal eine Freundin, trotzdem hat sich da nicht die Perspektive einer Ehe ergeben, so dass ich ruhigen Gewissens mich für das ehelose Leben als Diakon entscheiden konnte.

Frage: Unterscheidet sich Ihre Herangehensweise an Weihe und Amt von der jüngerer Neupriester?

Willenbrink: Vielleicht werde ich durch mein Alter etwas schneller ernst genommen und um Rat gefragt, als jemand, der direkt vom Abi kommt. Wobei es im Priesterseminar in Münster gerade mehrere Kandidaten gibt, die schon mal einen anderen Beruf hatten: Ein Lehrer ist dabei, ein Sozialarbeiter, ein Einzelhandelskaufmann, ein Pastoralreferent. Aber bin schon der Älteste in dieser Runde.

Frage: Beeinflussen der Missbrauchsskandal und Protestaktionen wie "Maria 2.0" die Art, wie Sie an das Amt herangehen?

Willenbrink: Die aktuellen Diskussionen sind nötig und werden die Kirche auf Sicht hin verändern. Früher wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, über den Zölibat nachzudenken. Das war einfach so. Inzwischen denke ich, dass es – vielleicht in den nächsten zehn Jahren – eine Freiwilligkeit geben könnte, man es also dem Kandidaten überlässt. Den Unmut der Frauen von "Maria 2.0" kann ich verstehen. Aber sie hätten auf andere Weise auf sich aufmerksam machen können als durch Gegenveranstaltungen zur Eucharistie. Außerdem denke ich, dass sich in der Kirche schon etwas, wenn auch nicht für alle sofort sichtbar, getan hat, was das Frauenbild angeht.

Heute wollen wir eine hörende Kirche sein. Die Seelsorge, für den Menschen da zu sein, gehört in den Mittelpunkt und nicht die Verwaltung.

Zitat: Ernst Willenbrink

Frage: Und was ist mit der Überhöhung der Priester?

Willenbrink: Da herrschte beziehungsweise herrscht tatsächlich eine Art "Machtgehabe" vor. Aber ich habe in meinem Diakonatsjahr in der Pfarrei in Lengerich im Tecklenburger Land erfahren, dass Priestersein auch das Gegenteil bedeuten kann. Indem das Team von der Pastoralreferentin bis zum Organisten mit eingebunden ist, indem man den Menschen zuhört, indem man versucht, sich auf eine Stufe zu stellen, was die Kirche früher gar nicht kannte, weil sie zu hierarchisch war. Heute wollen wir eine hörende Kirche sein. Die Seelsorge, für den Menschen da zu sein, gehört in den Mittelpunkt und nicht die Verwaltung.

Frage: Was ist Ihre nächste Aufgabe nach der Weihe?

Willenbrink: Ich gehe zurück nach Lengerich. Darauf freue ich mich sehr. Ich möchte mich in der Jugendarbeit engagieren, die Ökumene noch vorantreiben und eben schauen, wie es den Menschen an den Rändern geht. Vergangenes Weihnachten habe ich für Alleinstehende gekocht und wir haben den Heiligen Abend zusammen verbracht. Außerdem überlegen wir, für ältere Menschen nach Krankenhausaufenthalten und einsame Menschen einen Hausdienst zu organisieren. Gerade in diesen Situationen können viele Menschen Hilfe gut gebrauchen.

Frage: Gibt es Erfahrungen aus der Modebranche, die Ihnen für den priesterlichen Dienst nützen?

Willenbrink: Ja, da ist einmal der organisatorische Aspekt: Ich weiß, wie ein großer Verwaltungsapparat funktioniert. Andererseits habe ich schon mitbekommen, dass es bei vielen Leuten eine Sehnsucht nach Spiritualität gibt. Als Diakon mit Zivilberuf habe ich in den Räumlichkeiten meines damaligen Arbeitsgebers mal einen Aschermittwochsgottesdienst gefeiert und dort das Aschenkreuz ausgeteilt. Das ist gut angekommen und ich habe gemerkt: Kirche muss sich neue Orte suchen.

Frage: In Ihrer Freizeit spielen Sie gern Doppelkopf in einer Runde, zu der auch Weihbischof Rolf Lohmann gehört. Behalten Sie das auch als Priester bei?

Willenbrink: Daran ist mir sehr gelegen. Die Runde ist aus ein paar alten Hasen entstanden, die bis zum 30. Lebensjahr oder länger als Messdiener fungierten. Die meisten haben inzwischen eine Familie. Weihbischof Lohmann war damals unser Heimatpfarrer. Und irgendwann nach einer Schützenversammlung kam dann die Idee auf, einen Doppelkopfclub zu bilden. Den gibt es jetzt schon seit fast 20 Jahren. Einmal im Monat treffen wir uns reihum, spielen zwei bis drei Stunden, anschließend gibt es Schnittchen. Seit Rolf Lohmann Herzfeld verlassen hat, schafft er es nur noch selten, dazuzukommen. Aber uns ist es ein Anliegen, dass wir ihn dann wenigstens einmal anrufen im Laufe des Abends. Einmal im Jahr fahren wir auch zu ihm. Dann steht aber weniger das Spielen als das "Klönen" im Vordergrund.

Von Gabriele Höfling