So könnte der Frauendiakonat Wirklichkeit werden
Diakoninnenweihe auch Thema beim Synodalen Weg

So könnte der Frauendiakonat Wirklichkeit werden

Vor kurzem hat der neue DBK-Vorsitzende Bischof Bätzing die Möglichkeit ins Spiel gebracht, beim Papst um eine Ausnahme für die Weihe von Diakoninnen zu bitten. Doch was sind die Hintergründe der Forderungen nach dem Frauendiakonat und wie stehen die Chancen für seine Realisierung? Ein Überblick.

Von Roland Müller |  Tübingen/Osnabrück - 16.03.2020

Steht am Ende des Synodalen Wegs die Forderung nach dem Diakonat der Frau und wird Papst Franziskus dieser Bitte auch nachkommen? Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, hält das jedenfalls nicht für ausgeschlossen. Um den Frauendiakonat durchzusetzen, brauche es ein "kraftvolles Auftreten" im Vatikan, etwa dadurch, dass Bischöfe und Laien ihren Wunsch gemeinsam vorbringen, sagte der Limburger Bischof jüngst in einem Interview. Die praktische Umsetzung sei laut Bätzing durch eine päpstliche Sondererlaubnis möglich – ein sogenanntes Indult.

"Diese Idee gibt es schon seit einem Vierteljahrhundert", weiß Bernhard Sven Anuth. 1995 habe die "Canon Law Society of America" eine Studie zum Frauendiakonat veröffentlicht, die diesen Vorschlag enthält, so der Tübinger Kirchenrechtler. Grundsätzlich gebe es zwei Wege, den Diakonat für die Frau zu öffnen: "Zum einen könnte der Papst Canon 1024 des kirchlichen Gesetzbuchs ändern, nach dem nur ein getaufter Mann das Weihesakrament gültig empfängt", erklärt Anuth. In einer Neufassung könnte Franziskus nach Weihestufen unterscheiden und zur Diakonenweihe auch Frauen zulassen.

Einfacher und insofern naheliegender sei aber die zweite Möglichkeit zur Einführung des Frauendiakonats, die schon erwähnte Ausnahmegenehmigung des Papstes. "Mit einem Indult könnte Franziskus für eine bestimmte Region, etwa das Gebiet einer Bischofskonferenz in Europa oder Nordamerika, die Weihe von Diakoninnen erlauben", so Anuth. Den nötigen rechtlichen Rahmen für den Frauendiakonat könnten dann Partikulargesetze schaffen. Dass als Folge eines solchen Indults in einigen Diözesen der Welt Diakoninnen geweiht werden könnten und in anderen nicht, hält Anuth nicht für besonders problematisch. "Schon in 'Amoris laetitia' schreibt Papst Franziskus, dass die notwendige Einheit von Lehre und Praxis in der Kirche auch dann gewahrt bleiben könne, wenn sie regional unterschiedlich interpretiert und ausgestaltet wird."

Öffnung der Weihe für Frauen nur beim Diakonat möglich

Um ein Indult für die Weihe von Diakoninnen zu erhalten, müssten sich mehrere Bischöfe einer Region oder ganze Bischofskonferenzen darum im Vatikan bemühen. Doch obwohl dieser Vorschlag schon lange auf dem Tisch liegt und es auch immer wieder Bischöfe gegeben hat, die sich für einen Frauendiakonat ausgesprochen haben, scheint ein solcher Antrag beim Papst noch nicht gestellt worden zu sein. "Zumindest die amtliche Antwort auf einen solchen Vorstoß wäre doch wohl öffentlich kommuniziert worden", glaubt Anuth. Denn auch im Falle einer Ablehnung wäre dadurch ja zumindest geklärt, dass der Papst keine Ausnahmen von Canon 1024 machen will.

In der Frage der Frauenweihe sei eine Änderung aus kirchenrechtlicher Perspektive ohnehin nur beim Diakonat möglich, so Anuth. Der einschlägige Canon 1024 im Codex differenziere zwar nicht nach Weihegraden, doch habe Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben "Ordinatio sacerdotalis" lehramtlich mitgeteilt, dass die Kirche "definitiv" keine Vollmacht habe, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Damit gilt Canon 1024 für die Priester- und Bischofsweihe amtlich als göttlichen Rechts, also als unveränderbar. Die vatikanische Glaubenskongregation und Papst Franziskus hätten diese lehramtliche Position mehrfach bestätigt. Da sich Johannes Paul II. in seinem Schreiben aus dem Jahr 1994 jedoch nicht zur Weihe von Diakoninnen geäußert habe, seien für den Diakonat Veränderungen grundsätzlich möglich.

Professor Bernhard Sven Anuth
Bild: © Sarah Röser

Bernhard Sven Anuth ist Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Diese Meinung teilt auch Margit Eckholt. Die Osnabrücker Dogmatikerin setzt sich seit vielen Jahren für die Einführung der Diakoninnenweihe ein. Sie beklagt jedoch, dass die Gegner von Veränderungen in diesem Punkt das Schreiben Johannes Pauls II. "so ausweiten, dass es zu einem K.o.-Argument" gegen Reformbestrebungen werde. Gegen die Weihe von Diakoninnen werde einerseits die Einheit des dreigliedrigen Weihesakraments und andererseits die ausschließliche Christusrepräsentanz durch den Mann angeführt, weshalb nach dieser Lesart von "Ordinatio sacerdotalis" auch das Diakonenamt für Frauen nicht zugänglich sei.

Diese Ansicht ist bislang von der Amtskirche nicht bestätigt worden – im Gegenteil: Papst Benedikt XVI. hob 2009 in seinem Schreiben "Omnium in mentem" hervor, dass das Amt des Diakons grundsätzlich von denen des Priesters und des Bischofs unterschieden werden müsse. Mit der Priester- und der Bischofsweihe werde "die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln" übertragen. Ein Diakon hingegen habe die Aufgabe, "dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen". Die Abkopplung der ersten Weihestufe vom kirchlichen Leitungsdienst der folgenden Ämter stieß seinerzeit besonders unter Ständigen Diakonen auf wenig Gegenliebe, da sie die Ausführungen Benedikts als Herabwürdigung verstanden.

Auch beim II. Vaticanum über Diakoninnen diskutiert

Eckholt sieht die Unterscheidung zwischen Diakonen einerseits sowie Priestern und Bischöfen andererseits jedoch positiv. "Während des Zweiten Vatikanischen Konzils ist viel Bewegung in die Ämtertheologie gekommen", so die Theologieprofessorin. Die Einheit des Amtes umfasse eine "qualitative Vielfalt", dies habe sich besonders in der Wiedereinführung des Ständigen Diakonats gezeigt. Der Diakonat war zuvor im Lauf der Geschichte auf ein Durchgangsamt für zukünftige Priester enggeführt worden. "Diese Erneuerungsbewegung des Konzils muss heute auf die Frauen ausgeweitet werden", so Eckholt. Schließlich sei auch bei den Beratungen des II. Vaticanums über den Frauendiakonat diskutiert worden, obgleich das Thema nicht in die Konzilstexte aufgenommen wurde.

"Es lässt sich nicht leugnen, dass es seit den ersten Jahrhunderten des Christentums Diakoninnen gegeben hat", bekräftigt Eckholt. Es gebe sogar Zeugnisse für den Ablauf der Weiheliturgie aus jener Zeit, die belegten, dass Frauen die gleiche Weihe zum Diakonat empfingen wie Männer. "Sie übten damals unter anderem geschlechtsspezifische Dienste aus, wie die Assistenz bei der Taufe von Frauen oder deren Salbung." Doch daraus eine Andersartigkeit des Dienstes oder der Weihe der Diakoninnen abzuleiten, wie es Kritiker des Frauendiakonats tun, lehnt die Osnabrücker Theologin entschieden ab.

Nicht erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird über eine Wiedereinführung des Diakonats der Frau diskutiert, der in einigen Ostkirchen fortlebt und in den letzten Jahren durch Weihen von Diakoninnen durch die Patriarchen von Alexandrien und von Jerusalem erneuert worden ist. Mit der Professionalisierung der karitativen Tätigkeiten der Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten sich im diakonischen Bereich neue Berufsfelder für Frauen. Sie arbeiteten in sozialen Diensten ebenso wie in Katechese sowie Religionsunterricht mit und wurden zum Theologiestudium zugelassen.

Margit Eckholt
Bild: © Privat

Margit Eckholt ist Professorin für Dogmatik (mit Fundamentaltheologie) am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück.

Vor diesem Hintergrund legte Anfang des 20. Jahrhunderts der spätere Münchener Kardinal Michael Faulhaber eine der ersten historischen Studien zum Frauendiakonat vor. 1908 segnete er Frauen für den Diakonat, die die "Vereinigung katholischer Diakoninnen" gründeten. Auch Edith Stein, die Jahrzehnte später heiliggesprochen werden sollte, beschäftigte sich mit dem Frauendiakonat. "Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen", schrieb sie 1932 über die Frauenweihe. Im Nachgang des II. Vaticanums hatte 1975 die Würzburger Synode ein Votum für die Einführung des Frauendiakonats beschlossen – ein Anliegen, an das die katholischen Frauenverbände bis heute jedes Jahr am 29. April erinnern, dem "Tag der Diakonin".

Trotz der jahrzehntelangen Forderungen nach dem weiblichen Diakonat ist wohl auch unter Papst Franziskus nicht mit einer Öffnung des Amtes für Frauen zu rechnen. Zwar hatte das Kirchenoberhaupt eine theologische Kommission eingesetzt, die ab 2016 zwei Jahre lang zu diesem Thema beraten hat – doch die Experten und Expertinnen konnten sich nicht zu einem abschließenden Urteil durchringen. Es gebe keine Gewissheit darüber, "ob dies eine Ordination mit derselben Form und Finalität war wie bei der von Männern", sagte Franziskus im vergangenen Jahr. Die Kommission sei sich besonders im Hinblick auf die Sakramentalität des Diakoninnenamts uneins gewesen.

Eckholt gegen "Diakonat zweiter Klasse"

Dabei ist für Eckholt mit Hinblick auf die Einführung des Frauendiakonats gerade dieser Punkt von herausragender Bedeutung: "Es ist die entscheidende Frage, ob der Diakonat der Frau lediglich die Gestalt einer Segnung oder die des Weihesakraments hat, wie es auch den Männern gespendet wird." Eine Segnung lehnt sie ab, denn das wäre ein "Diakonat zweiter Klasse" im Vergleich zum Ständigen Diakonat der Männer, schließlich üben Frauen in gleicher Weise diese diakonischen Dienste aus – auch in Leitungsfunktionen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe "uns die Hausaufgabe gegeben, den sakramentalen Heilsdienst der Kirche neu zu reflektieren", ist die Theologin überzeugt. Nur die gleiche Weihe zum Diakonat für Frauen wie für Männer würde die "besondere Repräsentanz des diakonischen Christus" betonen und so den Anliegen des II. Vaticanums im Sinne einer geschlechtergerechten und geschwisterlichen Kirche Rechnung tragen. Dabei sei mit der Einführung des Frauendiakonats auch die Evangelisierung ein wichtiges Anliegen: "Wir müssen die diakonischen Leitungsdienste ins Herz der Kirche zurückholen und so stärker in die Gesellschaft hineinwirken." Die Kirche könne durch ein neues Miteinander von Nächstenliebe und Froher Botschaft zu größerer Glaubwürdigkeit gelangen.

Eckholt kann sich eine regional begrenzte Lösung beim Thema Frauendiakonat für die deutsche Kirche sehr gut vorstellen: "Franziskus ermutigt uns mit seinem Schreiben 'Querida Amazonia', wichtige Fragen in den Ortskirchen zu diskutieren und auch zu entscheiden." In dem Papier greife der Papst die Öffnung des Diakonats zwar nicht auf, doch das entkräfte nicht die Diskussionen, die im Vorfeld in Lateinamerika und bei der Amazonas-Synode in Rom zu diesem Thema geführt wurden. Auf dieser Grundlage könne auch der Synodale Weg ein mögliches Votum für den Frauendiakonat im Vatikan vortragen.

Auch Kirchenrechtler Anuth würde sich über eine Klärung bezüglich des Frauendiakonats freuen – auch wenn er in den Synodalen Weg wegen dessen fehlender Verbindlichkeit keine großen Hoffnungen setzt. Ohnehin bräuchten die Bischöfe den kirchlichen Reformprozess nicht, um in Rom ein Indult zu erbitten. "Sie könnten schon jetzt Farbe bekennen, indem sie entweder eine entsprechende Bitte an den Papst richten oder den Laien ehrlich sagen, dass es dafür in der DBK keine Mehrheit gibt", findet der Tübinger Theologe. Dann wüssten die Gläubigen wenigstens, woran sie bei ihren Oberhirten sind, und wie realistisch ihre Hoffnung auf die Einführung des Frauendiakonats noch ist.

Von Roland Müller