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Shary Reeves über Rassismus: "Es ist eben auch eure Zukunft, Freunde"

Aktualisiert am 26.08.2020  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Shary Reeves hat große Hoffnung und Glauben an Veränderung. Im Interview erinnert die Moderatorin und Fernsehmacherin daran, dass jeder etwas dafür tun muss, um Veränderungen durchzusetzen – auch beim Thema Rassismus.

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Bei vielen großen Themen ist es der Mensch, der sich verändern muss, sagt Moderatorin und Fernsehmacherin Shary Reeves. Wenn wir das nicht begreifen, dann sehe sie schwarz für die Zukunft. Im Interview spricht sie auch darüber, wie sie selbst Diversität in deutschen Medien verkörpern und so anderen die Augen öffnen möchte. 

Frage: In der Zeit des Corona-Lockdowns und jetzt mit den Einschränkungen: Wie geht es Ihnen?

Reeves: Ich befinde mich in einer ähnlichen Situation wie viele Künstler da draußen. Mir ist natürlich auch etwa drei Viertel meines Jahresumsatzes weggebrochen, von jetzt auf gleich. Das war für mich schon noch mal eine ganz spezielle Erfahrung. Was das Wirtschaftliche anbelangt, war es nicht so rosig, auch wenn es jetzt so aussieht, als würde es wieder ein bisschen weiter nach oben gehen. Es ist natürlich schon heftig, mal grundsätzlich so eine Erfahrung zu machen. Was das bedeutet, wenn so etwas passiert, wo man so gar keinen Einfluss drauf hat und man sich dementsprechend umstellen und anpassen muss – und was das mit uns Menschen gemacht hat. Das war schon eine Erfahrung, die für mich sehr besonders war. Insofern mal zu beobachten, wie mein Umfeld darauf reagiert. Für mich sind das Dinge, bei denen ich ganz ehrlich sagen muss: Ich bin auf so etwas vorbereitet. Ich bin halt hochsensibel. Ich bin jemand, der sich immer noch mal intensiver gerade mit emotionaleren Dingen beschäftigt. Ich bin jemand, der auch menschlich die Nähe sucht, empathisch ist und diese Feinfühligkeit besitzt. Und darum kann ich mich auf so etwas ganz gut einstellen, weil man sich im Laufe des Lebens auch lernt, zu schützen.

Frage: Auch Ihre Arbeit hängt ja damit zusammen. Als Fernsehmoderatorin hat man viel mit Menschen zu tun, hinter der Kamera oder im Publikum. Wie ist das jetzt?

Reeves: Das ist eigentlich okay, muss ich ganz ehrlich sagen. Es ist für mich nicht mal ungewohnt. Ich arbeite ja nicht nur vor der Kamera, sondern bin auf ganz vielen Bühnen unterwegs im Bereich Moderation. Grundsätzlich bin ich eine Moderatorin, die immer gerne die Nähe zum Publikum sucht. Die auch immer versucht, in irgendeiner Art und Weise mit dem Publikum interaktiv zu sein. Das ist eine Umstellung auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite finde ich das super, weil ich ein totaler Technikfreak bin, und muss ganz ehrlich sagen, dass ich das mega finde, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt im Zeitalter der Digitalisierung, dass man trotzdem in die Kommunikation gehen kann. Auf der anderen Seite fehlt mir das vor Ort mit Menschen Zusammensein, gerade wenn es um meinen Beruf geht.

Frage: In diese Zeit fällt auch die "Black Lives Matter"-Bewegung. Diversität und Rassismus waren schon immer wichtige Themen in Ihrer Arbeit. Diesen Sommer dann der Tod von George Floyd in den USA, der weltweite Proteste ausgelöst hat. Was hat die aktuelle Diskussion mit Ihnen gemacht?

Reeves: Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, als mich diese Nachricht erreicht hat. Ich kann nicht sagen, ich war verbittert, traurig, wütend, weil das so ein Mix aus allem war. Eigentlich war es mehr so ein Unverständnis, weil man so lange schon in Deutschland lebt – oder grundsätzlich auf der Erde lebt, das ist ja nicht in Deutschland passiert. Aber diese Form von Rassismus, vielleicht in einer anderen Art oder auch durch Polizeigewalt – was wir hier aktuell sehen können an den Bildern im Fernsehen und Internet – ist ja allgegenwärtig. Also, wie gesagt, ich hatte mehr Unverständnis als alles andere, und am Ende des Tages schüttelt man nur den Kopf. Wie schon angesprochen, man lebt so lange auf diesem Planeten und trägt immer diese Hoffnung in sich, es wird sich eines Tages ändern. Das ist doch alles nur vorübergehend. Als Kind und als junger Mensch hast du immer diese Sichtweise auf Dinge: Du willst nicht nur die Welt verändern, sondern du hast auch noch diesen großen Glauben und die Hoffnung daran, dass sich tatsächlich auch etwas verändern lässt und dass du das entweder selber mit beeinflussen kannst, diese große Form der Veränderung, die dann auch stattfinden sollte, oder dass es eben auch andere sind, die maßgeblich daran beteiligt sind, das in die Wege zu leiten. Du hast diesen Glauben und diese Hoffnung. Das ist das Tolle am jung Sein. Und wenn du so 20, 30 Jahre weiter bist, dann hast du eben auch 20, 30 Jahre Erfahrung gesammelt. Und da wirst du dich irgendwann mal selbst hinsetzen und analysierst diese ganzen Dinge, die passiert sind. Und dann weißt du ganz genau: Gerade in Bezug auf dieses Thema Rassismus und was George Floyd anbelangt, dann ist irgendwann klar: Okay, das und das hat sich geändert. Und vieles von dem, was sich noch nicht geändert hat, wird sich vielleicht auch gar nicht ändern, weil entweder wir immer ein Feindbild brauchen, weil wir so verbohrt sind als Menschen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen.

Ohne da jetzt einen großen Bogen zu machen. Es gibt ja viele andere große Themen, die uns gerade umtreiben, wie beispielsweise das Klima, die Temperaturen, die wir gerade draußen haben. Dass man immer noch nicht einsichtig ist, zu verstehen, dass wir den Einfluss darauf haben – das ist eine Konsequenz aus einem Verhalten, was wir als Menschen an den Tag legen. Und so ist es eben auch mit dem Thema Rassismus. Das ist alles resultierend aus dem, was ich tue, was ich sage und wie ich damit umgehe und was ich vielleicht dann am Ende des Tages versuche, zu verändern, oder eben auch nicht. Mit anderen Worten: Es sind wir Menschen, die sich verändern müssen. Und wenn wir das nicht begreifen, dass wir das tun müssen, dann könnte ich jetzt sagen: Dann sehe ich schwarz für die Zukunft.

Demo gegen Rassismus
Bild: ©picture alliance/ZUMAPRESS.com/Ringo Chiu (Archivbild)

Moderatorin Shary Reeves erlebt Rassismus selbst in ihrem Alltag. Für sie ist klar: "Es sind wir Menschen, die sich verändern müssen. Und wenn wir das nicht begreifen, dass wir das tun müssen, dann könnte ich jetzt sagen: Dann sehe ich schwarz für die Zukunft."

Frage: Sie zeigen Gesicht, kämpfen dafür, dass sich etwas ändert. Was stärkt Sie darin? Ein persönlicher Glaube, ein religiöser Glaube?

Reeves: Ja. Meine Mutter ist extrem gläubig. Meine Mutter ist so gläubig, dass sie vor den Mahlzeiten betet. Ich bin auch sehr gläubig, aber ich bete nicht vor den Mahlzeiten. Ich denke, auch wenn ich über Gott nachdenke, der mir tatsächlich auch sehr nah ist, habe ich für mich aber immer schon einen ganz anderen Weg zu Gott gehabt. Mein Weg ist einfach ein anderer. Ich finde, es ist wichtig, dass man für sich selber unabhängig von allem, was es an Ritualen gibt – ich nenne das jetzt mal so –, den eigenen Weg finden darf und sollte, und das macht mich natürlich stark. Das ist das eine. Das andere ist das, was mir in die Gene vererbt wurde, das nennt sich Resilienz. Ich bin ein Mensch, der morgens aufsteht und immer versucht, optimistisch den Tag zu beginnen. Ich weiß, wenn ich auf die Straße gehe, werde ich beobachtet.

Frage: Welche Erfahrungen machen Sie da?

Reeves: Mir ist es gerade vor kurzem, vor zwei Wochen, passiert, also gar nicht so lange her: Ich komme vom Einkaufen, habe meine Einkaufstasche auf der rechten Schulter. Mir kommt jemand entgegen, genau auf der Seite, und ich habe schon das Gespür dafür, jetzt gleich passiert was. Ich habe so eine Intuition, auf die ich mich auch immer verlassen kann. Er kommt auf mich zu, und ich versuche wirklich, noch ein bisschen auszuweichen, und der haut mich mit seiner Schulter wirklich ungelogen fast vom Gehweg runter und zeigt mir dann noch beide Mittelfinger. Ich drehe mich um und sage: "Was bist denn du für ein Rassist?" Und dann kam natürlich die passende Antwort dazu.

Klar, jetzt kann man da draußen sagen: Das weißt du doch gar nicht, ob das wirklich ein Rassist war. Ich sage gerne immer wieder all den Leuten da draußen: Doch wenn man, so wie ich, in diesem Land aufgewachsen ist und damit konfrontiert wird, über all diese Jahrzehnte, dann weiß man das einfach, und da muss man einen Punkt hinter machen. Man hat da kein Gefühl für, sondern man weiß es. Ich habe ja auch in dem Moment die passende Antwort bekommen. Es war sehr eindeutig, worum es ging. Genau dieses Vorübergehen, Schubsen und einen fast vom Gehweg runter Schmeißen, Mittelfinger Zeigen. Die Lage, glaub ich, die verändert sich gerade. Die haben gelernt, nicht mehr so viel zu sagen, sondern es einfach zu machen. Das ist ja ein körperlicher Gewaltakt, der da passiert ist. Normalerweise kenne ich es mit Worten: "Mach, dass du in den Busch kommst!".

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Frage: Das ist wahrscheinlich auch keine neue Erfahrung?

Reeves: Meine Mutter hat mir neulich eine Geschichte erzählt, die mich extrem traurig gemacht hat. Ich habe das nicht gewusst. Wir haben jetzt auch nicht ein so mega tolles Verhältnis, aber wir sind ganz fein, meine Mutter und ich. Ich habe sie gefragt, wie es mit ihr eigentlich mit dem Thema Rassismus ist. Hast du das auch so erlebt? Und so offen und ehrlich haben wir, ehrlich gesagt, noch nie darüber gesprochen. Sie erzählte, wie sie damals als Krankenschwester hier ihre Ausbildung gemacht hat, und hat dann eine leitende Position bekommen. Dann ist tatsächlich jemand hingegangen und hat Kleber in das Schloss hinein gemacht, damit sie am nächsten Tag nicht mehr da rein kann, und hat so ganz komische Sachen auf die Türe geschrieben. Sie wussten natürlich nicht, wer das war. Meine Mutter kam in den frühen Sechzigerjahren schon nach Deutschland und war Mitte der Siebziger als Krankenschwester tätig, nach ihrer Ausbildung in Deutschland. Ende der Achtziger ist das passiert. Da haben sie dann eine Kamera installiert und haben herausgefunden, wer von den Mitarbeitern das war. Das war ein männlicher Mitarbeiter, und den haben sie entlassen. Und das in der Zeit! Eigentlich krass, da denken sogar heutzutage noch viele zwei, drei Mal darüber nach. Auch wenn das sehr häufig passiert, gibt es immer noch genügend, die sagen: Ja, der hat das ja doch nicht so gemeint. Aber in der Zeit damals war das ganz konsequent. Die haben auch immer hinter meiner Mutter gestanden, ihre Arbeitgeber, bei denen sie war. Ich wollte das nur mal erzählen, weil man als Kind, als junger Mensch die Hoffnung hat, es wird eines Tages alles so viel besser, alles verändert sich. Aber es tut es nicht.

Frage: Was wünschen Sie sich, dass wir als Weiße machen? Was können wir gegen Alltagsrassismus und strukturellen Rassismus machen?

Reeves: Ich denke einfach, es ist ganz wichtig, wenn das passiert, die Situation wahrzunehmen und sich tatsächlich auch spontan damit auseinanderzusetzen und inhaltlich einzugreifen. Es geht nicht darum, dass man sich auf irgendeine Seite positioniert, sondern dass man ganz diplomatisch versucht, die Situation aufzulösen. Also, sich tatsächlich inhaltlich einzumischen, sich mit dem Thema solidarisch zu zeigen, also nicht mit Menschen, sondern mit der Thematik solidarisch zu zeigen, und in dem Moment auch Hilfeleistungen anzubieten, um einfach eine Verständigung zwischen diesen beiden Parteien herzustellen. Denn letzten Endes ist es so, dass sich solche Gruppierungen deswegen so stark fühlen, weil sie laut sein können.

Ich nenne gerne immer dieses Beispiel, was ich auch schon ein paar Mal genannt habe. Es ist wie im Urlaub: Du fährst in den Urlaub, hast sechs Wochen tollen Urlaub, aber am letzten Tag wird dir die Geldbörse geklaut. Du fährst nach Hause. Das einzige, worüber du erzählst, ist das.

Wenn solche Sachen passieren, hören halt ganz viele Leute weg, weil es sie nicht betrifft. Aber es ist wichtig, dass man hinhört, dass man sich betroffen fühlt. Warum? Das ist das, was viele junge Menschen gerade gezeigt haben, als sie auf die Straße gegangen sind, zum Thema Rassismus: Es ist eben auch eure Zukunft, Freunde. Da geht es auch nicht nur um Rassismus, sondern um alle Minderheiten, die es da gibt, die in einer solchen Art und Weise im Alltag benachteiligt werden. Wenn es denen nicht gut geht, dann geht es euch doch nicht besser! Das betrifft halt alle Menschen, und mir ist es wichtig, dass man das versteht langsam, dass nur das gemeinsame Miteinander, der gemeinsame Glaube an ein besseres Leben im Grunde genommen an das Ziel führen kann, an das am Ende des Tages alle wollen. Und das geht nur zusammen.

„Ich würde mir tatsächlich sehr wünschen, dass wir alle nochmal ein bisschen noch tiefer in uns gehen, dass wir alle wieder lernen, auch zu glauben, egal an wen oder was.“

—  Zitat: Shary Reeves

Frage: Aufgegriffen haben Sie das auch im Juni beim "Brennpunkt" im "Ersten deutschen weißen Fernsehen", wie Sie gesagt haben, in der Show von Carolin Kebekus. Welche Reaktionen haben Sie darauf bekommen?

Reeves: Also, ich muss mich an der Stelle erstmal bedanken für all die ganzen Follower, die ich dazubekommen habe, und all die verbal inhaltliche Auseinandersetzung mit Menschen, die sich dahinter positioniert haben, hinter dieser Aussage. Das waren ja auch die ganzen Kollegen, die ihre Geschichten erzählten, das war ja nicht nur ich. Und das war krass enorm, wie das angekommen ist, das ist echt, wie man so schön sagt, viral gegangen. Und daraus haben sich ganz viele Sachen entwickelt, die jetzt in einen gemeinsamen Arbeitsprozess umgewandelt worden sind. Für mich ist das natürlich gerade in Zeiten von Corona großartig, dass ich in der Richtung was machen darf und auch noch ein bisschen Geld dabei verdiene. Verkehrt ist sowas ja nie. Zumal wir das alle gerade ein bisschen gebrauchen können. Das ist diese Geschichte, die sich daraus entwickelt hat.

Und mir war es an diesem Tag ganz wichtig, weil dieser Satz "im ersten deutschen weißen Fernsehen", das waren ja auch meine Worte. Mir war es wichtig, das zu sagen, weil wir in den Medien – ich bin ja eine Medienfrau, ich bin ja genauso verantwortlich. Ich habe nicht nur auf der einen Seite erlebt, dass ich für bestimmte Jobs abgelehnt worden bin, sondern ich bin ja auch verantwortlich für die Diversität, die in den Medien in der Art und Weise in Deutschland leider noch nicht stattfindet, obwohl es gar keine Gegenargumente gibt. Darum war es mir wichtig, das nochmal anzusprechen, um den Leuten die Augen zu öffnen. Denn man muss doch bei allem, was passiert ist, immer eine Sache ganz klar sehen: Es gibt viele Menschen, die sagen "Das habe ich gar nicht gewusst, das ist mir gar nicht aufgefallen", oder "Ich habe gar kein Problem mit Ausländern". Viele Menschen, die sagen "Das habe ich doch gar nicht gewusst", denen ich nie und nimmer vorwerfen würde: "Das kann doch gar nicht sein, das kriegt man doch mit", das würde ich gar nicht machen. Und ich würde auch nie sagen: "Die leben in ihrer Blase und kriegen das nicht mit." Auch das würde ich nicht machen. Sondern wir leben in einer Zeit, die ist so überlastend. Man hat so viele Eindrücke, so vieles passiert im eigenen Leben, da draußen im Leben der Freunde, der eigenen Familie und so weiter und so fort. Und das sind so viele Bilder, die in unserem Gehirn entstehen. Und manchmal ist man einfach nicht mehr in der Lage, wirklich, wie schon angesprochen, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Und das fällt einem nicht auf, weil alles so selbstverständlich ist. Es ist ein Selbstläufer geworden. Man hat die Automatismen, die man als Mensch abruft. Und denen will ich das gar nicht vorwerfen.

Mir ist es nur wichtig, dass man solche Plattformen hat. Und da bin ich Carolin Kebekus und der ARD auch sehr dankbar, dass wir die bekommen haben, also der Redaktion am Ende, dass wir das sagen dürfen, um die Menschen wachzurütteln. Und man sieht ja, und das ist das Tolle und dafür liebe ich dieses Land wieder, dass wir so lange immer noch darüber reden und dass es diesmal nicht solch ein Schubladen-Ding ist, wie es mal vor ewigen Jahren war. Dann schiebt man das wieder weg und gut ist ... Nein, ganz im Gegenteil: Wir reden jetzt schon seit Monaten darüber. Das ist gut, das ist richtig und das geht, glaube ich, endlich mal in die richtige Richtung.

Frage: Was bringt Ihnen Hoffnung, auch in der Corona-Zeit?

Reeves: Am Anfang habe ich gedacht: Okay, das ist total schön, alle lieben sich, liegen sich symbolisch in den Armen, solidarisieren sich auf irgendeine Art und Weise. Aber da sieht man, wenn der Mensch eine gemeinsame Angst teilen kann, wo keiner so richtig weiß: Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus? Dann raufen wir uns zusammen.

Das war diese Anfangseuphorie, die ich so für mich hatte. Ich habe gedacht: Tolle Zeit, endlich sind wir alle gut zueinander! Das dauert natürlich logischerweise nicht lange, bis man die alten Verhaltensmuster wieder abgreift. Und die greifen dann auch im Alltag logischerweise.

Ich würde mir tatsächlich sehr wünschen, dass wir alle nochmal ein bisschen noch tiefer in uns gehen, dass wir alle wieder lernen, auch zu glauben, egal an wen oder was. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Aber Glaube bringt die Menschen auf eine gewisse Art und Weise zusammen, wie man das ja jetzt in dieser Zeit auch ganz gut sehen konnte. Das wäre etwas, was ich mir wünschen würde, dass wir als Menschen den Weg wieder zueinander finden und nicht voneinander weg.

Von Katharina Geiger