Seelsorger: Wir dürfen liebenden Menschen den Segen nicht verweigern
Pallottiner schlägt Liturgien für Homosexuelle und Wiederverheiratete vor

Seelsorger: Wir dürfen liebenden Menschen den Segen nicht verweigern

In der Kirche wird weiter über Segensfeiern für homosexuelle Paare und wiederverheiratete Geschiedene diskutiert. Der Pallottiner Siegfried Modenbach wagt in seinem neuen Buch einen praktischen Ansatz: Er hat liturgische Vorschläge verfasst. Im katholisch.de-Interview erläutert er sie.

Von Christoph Paul Hartmann |  Kohlhagen - 16.11.2020

"Alles, was mein Leben ausmacht, will ich mit dir teilen, alle Bereicherung und alles, was uns fehlt." Klingt wie ein Trauspruch – ist aber keiner. Diese Formel gehört zu Vorschlägen für Paarversprechen bei Segensfeiern für homosexuelle Paare oder wiederverheiratete Geschiedene, die der Priester Siegfried Modenbach für ein neues Buch konzipiert hat. Überregionale Bekanntheit erlangte Modenbach zuletzt durch eine Segensfeier für ein lesbisches Paar und sein Engagement für eine neue Sicht der Kirche auf Homosexualität. Der Pallottiner-Pater leitet das Geistliche Zentrum auf dem Kohlhagen (Südsauerland).

Frage: Herr Modenbach, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Modenbach: Weil ich denke, dass die Verweigerung des Segens für Menschen in besonderen Situationen nicht dem entspricht, was die Bibel und die biblische Theologie sagen. Wir dürfen als Kirche Menschen in einer Liebesbeziehung den Segen nicht verweigern. Denn sie stehen schon längst unter dem Segen Gottes, wenn sie sich gefunden und Verantwortung füreinander übernommen haben. Ich hoffe, dass wir uns mit dieser Thematik endlich mal theologisch beschäftigen. Bislang kommt die Diskussion zu oft auf grundsätzliche Fragen wie die generelle theologische Bewertung der Homosexualität zurück. Damit sind wir doch schon lange durch! Wir müssen jetzt mal praktisch überlegen, wie wir das bei solchen Paaren, die sich ganz bewusst für ein christliches Leben miteinander entscheiden und deshalb eine solche Segensfeier wünschen, umsetzen können.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit dem Segen für solche Paare gemacht und was haben Sie von anderen Priestern gehört?

Modenbach: Ich bin seit 25 Jahren Priester und gehe schon lange mit diesem Thema um. Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die sich gefunden haben und als katholische Christen verstehen, an bestimmten Punkten immer wieder das Gefühl haben, in der Kirche nicht willkommen zu sein. Das gilt vor allem in Situationen, in denen sie einen gemeinsamen Weg beginnen wollen und sich den Segen Gottes wünschen. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum dieser Segen nicht möglich ist. Viele Kollegen und Mitbrüder sehen das ähnlich. Gerade in der aktuellen Diskussion um die Papstäußerung wird deutlich, dass die Kirche ein Akzeptanzproblem hat, wenn Menschen, die sich lieben, vom Segen Gottes ausgeschlossen sein sollen. Das kann so nicht bleiben.

Frage: Sehen Sie Ihr Buch als Grundlage für eine übergeordnete Diskussion oder als Handbuch für die Praxis?

Modenbach: Sowohl als auch. Deshalb besteht es zunächst aus einem bibeltheologischen Teil über das Thema Segen, dem ein praktischer Teil mit konkreten Vorschlägen folgt. Mir ist sowohl die Diskussion darüber wichtig wie auch zu zeigen, was ich selbst schon praktiziert habe: Das sind Möglichkeiten, wie man es machen kann.

Bild: © Privat

Der Pallottinerpater Siegfried Modenbach leitet das Geistliche Zentrum auf dem Kohlhagen (Südsauerland).

Frage: In Ihren Vorschlägen streckt der Zelebrant seine Arme über das Paar auch und es gibt ein Treueversprechen – klassische Ingredienzen des Trauritus. Sehen Sie die Gefahr einer zu großen Nähe zum Ehesakrament?

Modenbach: Das Sakrament der Ehe kommt nicht durch bestimmte Gebete oder Riten zustande, die ich als Priester spende. Das Sakrament spenden sich die Eheleute gegenseitig durch ihr Eheversprechen. Natürlich war es mir wichtig, dass bei den Segensfeiern das entsprechende Paar die Möglichkeit hat, sich Treue und Liebe zu versprechen – und das auch öffentlich kundzutun. Wenn ich die Arme zum Segen ausstrecke, ist das aber ein Gestus wie bei vielen anderen Gelegenheiten auch – dazu gehört natürlich auch der Segen bei der Trauung. Die Gefahr der Verwechslung mit dem Trauritus wird in der Regel nur von denen gesehen, die entweder nicht dabei sind oder es gezielt verwechseln wollen. Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. In einer Segensfeier entsteht etwas anderes als bei einer Sakramentsspendung, das wird in der Feier und meinen Vorlagen auch sehr deutlich.

Frage: Für liturgische Laien könnte sich das aber schon wie ein Trauritus anfühlen.

Modenbach: Natürlich geht es um die Verbindung von zwei Menschen, bei der Trauung wie bei der Segensfeier. Es geht um die Liebe und die Verbindung zweier Menschen und denen wird der Segen Gottes zugesagt. Das kann sich anfühlen, als ob es dasselbe wäre – es ist aber nicht dasselbe, das muss man wissen. Diese Unterscheidung ist im Geist der Feier und den Köpfen der Anwesenden, nicht in den Handlungen und Riten erkennbar.

Frage: Es gibt ja auch schon andere Entwürfe für Segensfeiern. Haben Sie für Ihr Buch da den Kontakt gesucht oder war es Ihnen in erster Linie wichtig, einen eigenen Aufschlag zu machen?

Modenbach: Mir war es wichtig, Dinge aus der Praxis zu nehmen. Die Modelle im Buch habe ich in der Praxis gemeinsam mit Paaren erarbeitet und auch durchgeführt.

"In einer Segensfeier entsteht etwas anderes als bei einer Sakramentsspendung, das wird in der Feier und meinen Vorlagen auch sehr deutlich", sagt Siegfried Modenbach.

Frage: Welches Element war den Paaren am Wichtigsten?

Modenbach: Der persönliche Segen, wo ich den beiden den Segen Gottes zuspreche, war eigentlich allen Paaren besonders wichtig. Diese Segensgebete waren stets der Höhepunkt der jeweiligen Feiern.

Frage: In den Segensformen spielen die Begriffe Treue, Ehrlichkeit und Zuhören eine wichtige Rolle. Wie sind Sie auf die Wortwahl gekommen?

Modenbach: Ich habe mich in den vergangenen zwölf Jahren mit vielen homosexuellen Paaren unterhalten. Im Austausch und im Miteinander habe ich festgestellt, dass diese Elemente den lesbischen und schwulen Paaren in ihrem Miteinander wichtig sind. Da geht es um Treue, gegenseitige Liebe, füreinander da sein, einander stützen; insofern haben diese Erfahrungen Einfluss auf die Segensgebete genommen.

Frage: Kann sich also ein Priester Ihr Buch nehmen und mit einem der Vorschläge direkt eine Segensfeier zelebrieren?

Modenbach: Ich wünsche mir, dass Priester dieses Buch als Werkbuch verstehen, mit dem man ganz konkret eine Segensfeier vorbereiten kann. Ich glaube nicht, dass man einfach eines der Modelle nehmen und "abfeiern" kann – ich will sie als Anregungen verstanden wissen. Die Feier mit ihren Zeichen und Formulierungen muss immer auf die Situation des jeweiligen Paares abgestimmt werden.

Von Christoph Paul Hartmann

Buchtipp

Siegfried Modenbach: Wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten. Segensfeiern für Liebende, Bonifatius-Verlag, Paderborn 2020