Volgger: Nicht nur Segen für homosexuelle Paare, sondern Anerkennung
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Kirchenlehre soll geändert werden

Volgger: Nicht nur Segen für homosexuelle Paare, sondern Anerkennung

Österreichische Theologen plädieren für eine kirchliche Segnung homosexueller Paare – und damit für einen sakramentalen Akt. Bisher steht im Katechismus, dass solche Partnerschaften "in keinem Fall zu billigen" sind. Liturgiewissenschaftler Ewald Volgger erklärt, warum er die Benediktion vorschlägt.

Von Christoph Paul Hartmann |  Linz - 05.06.2020

Der Südtiroler Theologe Ewald Volgger ist an der katholischen Privatuniversität Linz Professor für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie, zudem ist er Mitglied des Deutschen Ordens. Im Auftrag der liturgischen Kommission der österreichischen Bischofskonferenz beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe mit der Möglichkeit der Segnung homosexueller Paare. Nach einigen Tagungen entstand daraus der Band "Benediktion von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", den Volgger als Mitglied der Arbeitsgruppe mitherausgegeben hat.

Frage: Herr Volgger, in der Diskussion um die kirchliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften werden – auch in einem zuletzt erschienen Band aus Deutschland – vor allem Segensfeiern ins Spiel gebracht. Sie plädieren nun für eine Benediktion, also einen amtlichen Segensakt, eine Sakramentalie wie die Segnung eines Abtes oder die Ordensprofess. Warum?

Volgger: Aufgrund der Taufe können Homosexuelle als einzelne schon immer gesegnet werden – und bei jeder liturgischen Feier erhalten sie den Segen wie alle anderen auch. Für mich ist die entscheidende Frage: Können zwei gleichgeschlechtlich liebende Menschen ihre Taufberufung für ein gemeinsames Leben verfolgen und von der Kirche den Segen dazu erhalten? Durch eine offizielle Segensfeier der Kirche ergäbe sich eine Verbindlichkeit für diese Partnerschaft. Durch die Bezeichnung als Benediktion würde die Kirche eine Wertschätzung für diese Verbindung zeigen, die zeichenhaft die Liebe Gottes zum Menschen ausdrückt.

Frage: Wäre eine Benediktion in erster Linie ein pastorales Signal an Lesben und Schwule oder sehen Sie auch inhaltlich Vorteile einer Benediktion gegenüber einer unverbindlicheren Segensfeier?

Volgger: Die pastorale Dimension besteht in der grundsätzlichen Anerkennung dieser Lebensweise vonseiten der Kirche, damit würde Enttäuschung und Leid vermieden und Diskriminierung zurückgenommen. Sie macht den betroffenen Paaren deutlich, dass sie sich als von der Kirche gesegnete Menschen in der Öffentlichkeit präsentieren können. Das ist mehr als ein einfacher Segen: Die Benediktion wird kirchenamtlich eingetragen, wie auch etwa die Ehe im Taufbuch vermerkt wird. 

Frage: Warum gehen Sie nicht ganz in die Vollen und plädieren für das Ehesakrament für Homosexuelle? Schließlich hat es in den letzten Jahrzehnten eine theologische Stärkung des Gattenwohls gegeben und das Thema Fortpflanzung ist etwas in den Hintergrund getreten.

Volgger: Die Frage liegt natürlich nahe. Nach der Abwägung der Argumente und Möglichkeiten finde ich allerdings, dass im Sinne eines schrittweisen Vorankommens eine gewisse Zurückhaltung angebracht ist. Der Knackpunkt der Anerkennung liegt natürlich im Zugestehen des sexuellen Miteinanders als ein kostbares menschliches Gut. Da ist es hilfreich für die Diskussion, dass wir diese Segensmöglichkeit als Benediktion und damit als Sakramentalie beschreiben, um nicht von vorneherein mit der Gleichsetzung zum Ehesakrament einen schrittweisen Fortschritt zu verhindern. Liturgietheologisch ist mit einer Benediktionalie Wertvolles ausgesprochen.

Frage: Eine Gleichsetzung zum Ehesakrament ist also ein Fernziel?

Volgger: Wenn das Lehramt der Kirche eine gleichgeschlechtliche Beziehung als gemeinsame Entfaltung der Taufberufung würdigt, kommt zum Ausdruck, dass Gott in Jesus Christus gegenwärtig ist und wirkt. Das macht den sakramentalen Charakter der Beziehung aus. Die Bezeichnung ist nicht das vorrangige Ziel, wesentlich ist die Anerkennung der gemeinsamen Lebensweise von zwei gleichgeschlechtlichen Partnern, die Gott zusammenführt. Diese gnadentheologische Dimension wird in der Diskussion zu wenig bedacht.

Gleichgeschlechtliches Hochzeitspaar

Laut Katechismus sind homosexuelle Partnerschaften "in sich nicht in Ordnung" und "in keinem Fall zu billigen". (KKK 2357)

Frage: Manche argumentieren, für eine Segnungsfeier ohne sakramentalen Charakter müsste die Kirchenlehre nicht geändert werden. Macht es Ihr Vorschlag da nicht unnötig kompliziert?

Volgger: Ich meine nicht, dass es unnötig kompliziert ist, sondern dass eine kirchliche Feier dem Glauben der Kirche entsprechen muss. Zudem ist jede Segensfeier sakramental. Daher liegt es auf der kirchenamtlichen Seite, die offene Diskussion zu führen und die Frage zuzulassen, warum diese Feier nicht möglich sein sollte. Fachleute aus den unterschiedlichen theologischen und humanwissenschaftlichen Disziplinen haben eine positive Antwort gefunden und begründen, warum diese Lebensweise kirchlich anerkannt werden kann. Zudem haben ja auch Bischöfe dazu aufgerufen, sich diesen Fragen zu stellen. Deshalb ist es die Verpflichtung auch des Lehramtes, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. 

Frage: Der Katechismus steht mit seinen Formulierungen, nach denen homosexuelle Partnerschaften "in sich nicht in Ordnung" und "in keinem Fall zu billigen" (KKK 2357) sind, Ihrem Vorhaben ja ganz diametral entgegen. Halten Sie es für realistisch, dass die Kirche da eine 180-Grad-Wende macht? Weltkirchlich scheint eine Mehrheit dafür doch in weiter Ferne.

Volgger: Diese Einschätzung mag teilweise zutreffen. Gleichzeitig gilt es aber auch wahrzunehmen, dass es bei aller Ablehnung doch eine beachtliche Anzahl von Bischöfen gibt, die Betroffenen und engagierten Seelsorgern sagen: Wir müssen in dieser Richtung redlich vorankommen. Es hat sich etwa der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, offen zu dieser Frage geäußert. Wenn ich gerade auch auf die Reaktionen aus aller Welt auf unsere Publikation schaue, sehe ich nicht nur Ablehnung, sondern auch eine positive Aufnahme der Initiative mit dem Hinweis, dass wir über dieses Thema sprechen und da vorankommen müssen – im Sinne einer grundlegenden Veränderung der Kirchenlehre. Auch wenn der Katechismus da noch sehr apodiktisch formuliert, heißt das nicht, dass das nicht revidierbar ist. Der Papst hat mit "Amoris laetitia" Impulse gesetzt, genauso gibt es neue Erkenntnisse in Sachen Bibelwissenschaft, Moraltheologie und Ethik. Ich sehe aber natürlich auch, dass wir durch die Ungleichzeitigkeit in verschiedenen Ländern, innerhalb der Kirche und im ökumenischen aber auch interreligiösen Bereich noch einen weiten Weg vor uns haben. Ein Weg bedeutet aber, dass wir ihn beschreiten wollen und dass ein Ziel vor Augen steht.

Frage: Kritiker befürchten eine Spaltung, wenn die Kirche mehr auf Homosexuelle zugeht. Sie nicht?

Volgger: Es wurde in vielen Fragestellungen schon eine Kirchenspaltung angekündigt. Wer mit solchen Totschlagargumenten Diskussionen verhindern will, will auch eine sachliche Auseinandersetzung verhindern. Diejenigen, die mit Kirchenspaltung drohen, sind eingeladen, Diskussion und Dialog zuzulassen, das wäre auch ein Ausdruck des Respekts und der Klugheit im Ringen um wertvolle Entscheidungen.

Frage: Wäre es anstatt eines Segens nicht wichtiger, dass sich die Kirche mehr um die Einbindung von Homosexuellen bemüht und sich gegen deren Diskriminierung einsetzt?

Volgger: Ich glaube, dass die Kirche eine Einbindung bereits gestaltet. Viele gleichgeschlechtlich orientierte Menschen tun in unterschiedlichen Zusammenhängen der Kirche ihre Arbeit, von der Pfarrgemeinde bis in die höchsten Ebenen der kirchlichen Hierarchie. Wenn die Kirche das offen benennt und die Prägung dieser Menschen anerkennt, dann wird die Kirche auch den Weg zu einem Leben in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft öffnen. Es ist doch auch ein Grundauftrag der Heiligen Schrift an die Menschen, dass sie das Miteinander und Füreinander suchen sollen – auch in der Partnerschaft. Homosexuelle haben das gleiche Recht auf verantwortete Partnerschaft wie Heterosexuelle.

Von Christoph Paul Hartmann