Otto Georgens
Zum 70. zieht der Frankreich-Beauftragte der DBK Vergleiche zum Nachbarland

Speyerer Weihbischof Georgens: Bischofskonferenz ist zu zentralistisch

Sein Herz hängt an Frankreich: Am Mittwoch wird der Speyerer Weihbischof Otto Georgens 70. Im Interview blickt er auf die Situation der Kirche im Nachbarland und erklärt, was die deutschen Bischöfe von ihren französischen Kollegen lernen können.

Von Michael Jacquemain (KNA) |  Speyer - 01.12.2020

Im Frühjahr musste Otto Georgens bereits die Feierlichkeiten zu seinem 25. Bischofsjubiläum absagen; Ähnliches widerfährt ihm nun zu seinem 70. Geburtstag. Der Speyerer Weihbischof spricht über seine Rolle als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für den Kontakt zur Kirche in Frankreich und verrät seine Sicht auf den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland.

Frage: Herr Weihbischof Georgens, im Frühjahr das 25-jährige Jubiläum als Bischof, Anfang Dezember der 70. Geburtstag. Wie gehen Sie damit um, dass alle Feiern ausfallen?

Georgens: Einem Beziehungsmenschen wie mir geht das nahe. Ich hätte damals wie jetzt gerne im Anschluss an einen Gottesdienst im Speyerer Dom zu einem Umtrunk eingeladen – aber das geht ja nicht. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr, obwohl Nachfeiern schwierig sind. Meinen 70. Geburtstag will ich mit meinem behinderten Bruder verbringen und auch zum Grab unserer Eltern fahren. Am Abend höre ich dann, was sich auf dem Anrufbeantworter getan hat...

Frage: Als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Ihre Kollegen in Frankreich haben Sie seit zwei Jahrzehnten einen besonderen Blick auf die Kirche im Nachbarland. Was unterscheidet beide?

Georgens: Die Laicité, also die strikte Trennung von Staat und Kirche in Frankreich, hat zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen geführt. Ihre Situation haben die französischen Bischöfe nicht nur hingenommen, sondern auch angenommen. Obwohl die Kirche dort im Vergleich zu uns gesellschaftlich nur eine marginale Rolle spielt, bringt sie sich zu Gehör und bietet den Glauben an.

Frankreich hat aber weder ein Zentralkomitee der Katholiken noch große katholische Verbände und Vereine. Trotzdem gibt es auch dort neue Entwicklungen: Im Vorjahr brachte fast jeder Bischof zur Vollversammlung zwei Laienvertreter mit, um gemeinsam über die Umweltenzyklika Laudato si von Papst Franziskus zu sprechen. Auch das ist eine Form von Synodalem Weg.

Frage: Warum spielen die extrem konservativen Piusbrüder in Frankreich eine so große Rolle?

Georgens: Unter anderem auch, weil der französische Adel sehr konservativ ist und die Gruppe finanziell stark begünstigt. Das Thema Piusbruderschaft schlägt auch immer wieder bei den Treffen der Bischöfe auf. Etwa die Versuche, junge Studenten in Richtung des Denkens von Erzbischof Marcel Lefebvre zu drängen.

Georges Pontier, Erzbischof von Marseille und Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz

In Frankreich sind Staat und Kirche strikt getrennt. Ihre Situation haben die französischen Bischöfe nicht nur hingenommen, sondern auch angenommen, betont Otto Georgens: "Obwohl die Kirche dort im Vergleich zu uns gesellschaftlich nur eine marginale Rolle spielt, bringt sie sich zu Gehör und bietet den Glauben an."

Frage: Auch persönlich hängt Ihr Herz an Frankreich, speziell an Madeleine Delbrel. Was fasziniert sie an der Sozialarbeiterin und Mystikerin?

Georgens: Ihre geerdete Spiritualität. Delbrel gilt als "Mystikerin der Straße". Sie hat in ihrem Denken viel von dem vorweggenommen, was später das Zweite Vatikanische Konzil gesagt hat. Delbrel wollte nie in eine religiöse Kuschelecke, sondern mitten in der Gesellschaft missionarisch ihr Christsein leben. Sie hat gemeinsam mit Kommunisten zusammengearbeitet, wo immer es um die Rechte der Arbeiter in der Industriestadt Ivry-sur-Seine ging. In ihrem Lebens- und Glaubenszeugnis habe ich meine persönliche geistliche Begleitung gefunden.

Frage: Sie können auf ein Vierteljahrhundert Bischofskonferenz zurückblicken, was hat sich verändert?

Georgens: Ich kenne nun vier Vorsitzende, und jeder hatte und hat seinen Stil. Aber in der Summe sind wir im Vergleich zur Arbeitsweise in der Vollversammlung der Bischöfe in Frankreich zu stark auf den Vorsitzenden fokussiert, zu zentralistisch. Kommunikation und Arbeitsweise müssen sich ändern, aber inzwischen tut sich ja auch was.

Pointiert gesagt: Wir brauchen mehr Diskussionen und Austausch in Kleingruppen, weniger grüne Blätter mit Beschlussvorlagen. Meist sprechen wir auch nicht über das Herausfordernde - nämlich die Frage, wie die Kirche in Deutschland in 20 oder 30 Jahren aussehen soll. Nebenbei: Wir könnten uns auch an Frankreich orientieren, wo in der Vollversammlung statt unserer streng hierarchischen Sitzordnung die Bischöfe alphabetisch geordnet sitzen. Das schafft einfach ein neues Miteinander.

Frage: Womit wir beim Synodalen Weg sind, wo die Teilnehmer auch alphabetisch gereiht sind. Wie sehen Sie den Prozess?

Georgens: Wenn wir die Kirche weiterentwickeln wollen, wenn wir der Kirche treu bleiben, müssen wir uns den Fragen stellen – nach Macht, Partizipation, nach der priesterlichen Lebensform, dem Zugang von Frauen zu Diensten und Ämtern, nach gelingenden Beziehungen.

Die Themen, über die wir reden, sind die richtigen. Dass wir nicht immer einer Meinung sind in der Kirche in Deutschland, ist auch kein Geheimnis. Ich finde gut, dass offen über die Themen diskutiert wird, dass die verschiedenen Positionen zu Wort kommen, dass man sich aneinander reiben kann, dass es öffentlich stattfindet. Wir alle müssen wohl noch lernen, was Synodalität heißt, und begreifen, dass es ein geistlicher Prozess sein muss. Meine Hoffnung ist, dass wir Gräben der Polarisierung überwinden und zu größerer Einheit finden.

Von Michael Jacquemain (KNA)