Expansion und ein Leben auf Abstand: Die deutsche Gemeinde in Japan
Bild: © Mirco Quint
Mirco Quint zog aus dem Ruhrgebiet nach Tokio

Expansion und ein Leben auf Abstand: Die deutsche Gemeinde in Japan

In Deutschland werden Gemeinden zusammengelegt, in Japan hat Mirco Quint eine neue aufgemacht. Der Priester aus dem Bistum Essen betreut die deutschsprachige Gemeinde in Tokio – und erzählt im katholisch.de-Interview von Alltag und Expansion.

Von Christoph Paul Hartmann |  Tokio - 15.01.2022

Mirco Quint ist seit Juni 2021 Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde St. Michael in Tokio. Der Priester aus Bochum im Bistum Essen ist damit an die andere Seite der Welt gewechselt. Im Interview erzählt er vom katholischen Leben in der größten Metropolregion der Welt, von einem Alltag auf Abstand und einer expandierenden Gemeinde.

Frage: Japan ist eine große Insel, hat sich lange von der Welt abgeschottet und in den vergangenen Jahrzehnten eine starke Technisierung durchlaufen. Altes und Neues steht dort nebeneinander. Wie nehmen Sie das wahr?

Quint: Im Moment erlebt man, dass sich Japan wegen der Corona-Pandemie wieder abschottet. Momentan dürfen fast keine Ausländer ins Land. Das ist für mich ganz spannend, weil ich Japan sehr japanisch kennenlerne. Selbst hier in Tokio-Yokohama, der größten Metropolregion der Welt, halten sich ganz wenige Ausländer auf – und wenn sind sie nicht so sichtbar wie sonst, weil sie berufstätig sind. Es fehlen die Touristen. Das merkt man besonders auf dem Land, da entsteht eine besondere Atmosphäre.

Frage: Das Christentum wurde in Japan lange verfolgt, es gab sogar Zeremonien, wo Menschen bewusst auf christliche Bilder treten mussten. Wirkt sich das auf die Atmosphäre immer noch aus?

Quint: Nein. Nur ein Prozent der Menschen in Japan bekennen sich zum Christentum, also eine verschwindend kleine Größe. Deshalb sehen Gesellschaft und Regierung die Christen nicht als Gefahr an. Es ist sogar eher so, dass aus den christlich geprägten Ländern durch die Missionare viel christliche Kultur nach Japan gekommen ist, unter anderem aus Deutschland. Wenn es um Schulbildung oder die Struktur der ärztlichen Versorgung geht, merkt man den deutschen und christlichen Einfluss – der bis heute einen hohen Stellenwert besitzt.

Frage: Vor diesem Hintergrund: Wie sieht Ihre Gemeinde aus?

Quint: Ich bin mit dem Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz hergekommen, mich um die Seelsorge für die deutschsprachigen Katholiken zu kümmern. Hier in Tokio und im ganzen Land. Da sind aus Deutschland gut 10.000 Menschen, dazu kommen noch jene aus Österreich und der Deutschschweiz. Es gibt aber auch eine ganze Reihe Japanerinnen und Japaner, die Deutsch gelernt haben, etwa weil sie mit ihren Eltern mal in Deutschland gelebt haben, weil ein Elternteil für eine japanische Firma dort gearbeitet hat. Die sind in Deutschland zur Schule gegangen und haben die Sprache gelernt, die sie nun auch in ihrer Heimat pflegen. Die besuchen dann auch gerne unsere Gottesdienste oder Veranstaltungen, die wir anbieten. Es sind etwa zwei Drittel aus beruflichen Gründen für einige Zeit im Land lebende Ausländer, sogenannte Expats. Dazu kommen dann jene mit einem deutschsprachigen Hintergrund, die dauerhaft hier leben.

Bild: © Mirco Quint

In dieser Kirche feiert die deutschsprachige Gemeinde ihre Gottesdienste in Tokio.

Frage: Wie bedeutsam ist dieser deutschsprachige Hintergrund als verbindendes Merkmal?

Quint: Wer aus beruflichen Gründen nach Japan kommt, lernt die Landessprache in den wenigsten Fällen so intensiv, dass sich der Besuch von japanischsprachigen Gottesdiensten anbieten würde. Da hier, wie in anderen asiatischen Ländern auch, Englisch nicht so an der Tagesordnung ist, kommen die Deutschsprachigen dann eher zu mir. Auf der anderen Seite ist Tokio-Yokohama als größte Metropolregion der Welt mit knapp 37 Millionen Einwohnern auch sehr weitläufig: Zum Weihnachtsgottesdienst sind manche Gläubige drei Stunden mit dem Auto gefahren – innerhalb von Tokio-Yokohama. So einen Aufwand betreibt nicht jeder jede Woche. Deswegen spielt hier auch digitale Seelsorge eine große Rolle, zusammen mit der damit einhergehenden Vernetzung. Wie in Deutschland haben wir auch hier durch Corona einen großen Digitalisierungs-Sprung gemacht.

Frage: Da es in Japan sehr wenige Christen gibt, haben Sie dann auch Kontakte zur japanischen katholischen Kirche?

Quint: Ich bin in das Erzbistum Tokio eingebunden und habe regelmäßige Treffen mit meinen japanischen Amtsbrüdern. Wir haben hier als deutschsprachige Gemeinde keine eigene Kirche, sondern mieten uns bei einer japanischen katholischen Gemeinde ein. Dadurch gibt es immer wieder Kontakte, gelegentlich machen wir zwei- oder dreisprachige Gottesdienste mit japanischen, englischen und deutschen Elementen. So kommt es zu einer Art länderübergreifenden Ökumene.

Frage: Durch diese zeitweisen Engagements entsteht sicher eine Fluktuation in der Gemeinde. Ist das ein Problem, wenn es darum geht, Gemeinschaft zu erzeugen?

Quint: Wenn ich das mit der Gemeinde vergleiche, deren Kirche wir benutzen, sind wir deutlich lebendiger als diese Gemeinde. Die Leute kommen mit einem viel größeren Selbstverständnis zu uns und wir haben ein aktiveres Gemeindeleben. Da die Expats nur für eine gewisse Zeit hier sind, warten sie nicht so lange, bis sie eingewachsen sind, sondern sie wollen sofort Anschluss. Sie kommen also gleich zu den Gottesdiensten und sind auch bereit, sich einzubringen – als Musiker oder Kommunionhelfer etwa oder in der Erstkommunion- und Firmkatechese. Durch diese zeitliche Befristung hier im Land zu sein legen sie also sofort los, das ist für uns ein großer Gewinn. Zudem ist das Gemeindeleben für viele Menschen eine gelungene Möglichkeit, die deutsche Kultur zu leben und deutsch zu sprechen, was sie sonst nur zu Hause können. Wir sind hier also auch ein Ort der Vernetzung. Dieses Selbstverständnis hat die einheimische Gemeinde hier natürlich nicht. Die hat mit den gleichen Problemen zu tun wie die deutschen Gemeinden in Deutschland – dass zum Beispiel die Jungen wegbleiben. Da haben wir es einfacher.

Bild: © Mirco Quint

In Japan stehen Technisierung und alte Traditionen oft eng nebeneinander.

Frage: Der japanische Alltag ist sehr durchgetaktet: Lange arbeiten und zahlreiche Zusatzveranstaltungen des Unternehmens, wenig Platz und viel Hektik. Wird das auch in Ihrer Gemeinde spürbar?

Quint: Total, denn die Expats stehen unter dem gleichen Druck wie die japanischen Angestellten. Die Deutschsprachigen hier kommen in der Regel nicht als einfache Arbeiter, sondern in Managerpositionen. Nicht selten geht so jemand morgens schon vor sieben Uhr zur Arbeit und kommt erst um 22 Uhr dort wieder raus. Mit den Berufstätigen kann ich also nur am Sonntag, dem einzigen freien Tag der Woche, arbeiten. In der Woche gibt es bei der arbeitenden Bevölkerung keine Chance zur Begegnung. Schon das Telefonieren ist dann schwierig. Da arbeite ich dann viel mit den mitgereisten Ehefrauen zusammen.

Frage: Wie hat sich das Leben und das Gemeindeleben durch Corona verändert?

Quint: Wie bei vielen Ostasiaten waren bei den Japanern persönliche Begegnungen immer schon deutlich kontrollierter als bei uns: Hier muss niemand vorgeben, einen Mund-Nase-Schutz zu tragen, das machen die Leute sowieso. Man gibt sich nicht die Hand und umarmt sich nicht, es ist schon immer eine höfliche Distanz dagewesen, man hat immer eine Armlänge Abstand voneinander. Deswegen musste man viele Dinge nicht aussetzen oder reglementieren. Es gab in der Öffentlichkeit zwar Einschränkungen, aber uns als Gemeinde hat das kaum tangiert. Mit Maske wurde hier auch vorher schon Gottesdienste gefeiert.

Frage: Ihre Gemeinde expandiert sogar.

Quint: Wir haben zuletzt eine neue Filialgemeinde gegründet, "Katholisch in Kansai" heißt das. Kansai ist eine größere Region, vergleichbar mit dem Ruhrgebiet, 500 Kilometer von Tokio entfernt. Dort sind mehrere Städte vereint. In ihr leben so viele Deutschsprachige, dass sich das lohnt, regelmäßig hinzufahren und Gottesdienste zu feiern. Ich bin einmal im Monat für ein verlängertes Wochenende dort, feiere Messe, kümmere mich um Kommunionkinder und gehe an die dortige deutschsprachige Schule. Das ist für mich nochmal was Neues: In meinem Heimatbistum, dem Bistum Essen, war ich oft an Prozessen beteiligt, innerhalb derer Kirchen geschlossen und aufgegeben wurden. Hier erlebe ich auf einmal eine Expansion. Hier werden keine Gemeinden zusammengelegt, sondern neu gegründet. Über mangelndes Interesse am christlichen Glauben kann ich mich also nicht beklagen. Ich bin hier der erste Priester, der gezielt für Gemeindearbeit zuständig ist. Meine Vorgänger waren alle in erster Linie Professoren an der Universität. Da war natürlich die Ansprache nicht so direkt wie bei jemandem wie mir, der seit 20 Jahren Gemeindeerfahrung hat. Da lassen sich die Menschen auch nochmal mehr von mitnehmen als vorher.

Von Christoph Paul Hartmann