Wie die Jesuiten nach Japan kamen – und blieben
Deutsche Ordensgeschichte im Land der aufgehenden Sonne

Wie die Jesuiten nach Japan kamen – und blieben

Die Sophia-Universität der Jesuiten in Tokio ist heute ein veritabler Wirtschaftskomplex, 13.000 Studenten sorgen für Millionenumsätze. Die Anfänge der Universität aber liegen bei Reichskanzler Bismarck und den Spielschulden eines Daimyos.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Tokio - 23.11.2019

Mit seinem Japan-Besuch erfüllt sich Papst Franziskus einen alten Traum. Denn früher, ganz früher einmal wollte er Jesuiten-Missionar im Land der aufgehenden Sonne werden. Doch es wurde nichts daraus – er wurde Erzbischof von Buenos Aires und dann auch noch Papst. Den letzten Vormittag seiner Asien-Reise widmet er nun am Dienstag wenigstens seinen Ordensbrüdern in Tokio.

Das katholische Tokio ist ohne die deutschen Jesuiten eigentlich nicht zu denken. Japans Hauptstadt-Erzdiözese hat heute 90 Pfarreien mit rund 90.000 Katholiken, betreut von etwa 80 Weltpriestern und 250 Ordenspriestern. Davon sind allein rund 100 Jesuiten. Der Indologe und Buddhismusforscher Joseph Dahlmann (1861-1930), eingeladen zu einem internationalen Fachkongress, stellte 1903 empört fest: Nach Japans Wiederöffnung für den Westen 1853 gab es immer noch keine katholische Universität, aber bereits drei protestantische – Japan werde evangelisch! Das durfte nicht sein, erst recht nicht angesichts der einst so erfolgreichen Japan-Mission der Jesuiten im 16. und 17. Jahrhundert.

Ein Plan, an dem Otto von Bismarck Schuld war

Dahlmann schaltete Papst Pius X. (1903-1914) ein. Und es entstand ein Plan, an dem letztlich der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck Schuld war: Vor dem Kulturkampf waren alle deutschen Jesuiten in die Niederlande geflohen; im grenznahen Valkenburg saßen sie alle auf einem Fleck. Also setzte der Ordensgeneral, der Deutsche Franz Xaver Wernz, 1908 vor allem deutsche und deutschstämmige Jesuiten aus den USA für die japanische Neugründung in Marsch.

Bild: © KNA

Außenansicht der Ignatiuskirche der Jesuiten in Tokio. Im Hintergrund ist die Sophia-Universität der Jesuiten mit Neubau eines 17-stöckigen Universitätsgebäudes "Sophia-Tower".

Pikant, wie die Jesuiten im Winter 1911/12 an ihr riesiges Grundstück in der Nähe des Kaiserpalastes kamen: In der Zeit des "Sakoku", der Selbstisolation Japans (1639-1853), mussten die lokalen Herrscher, die Daimyos, ständig einen Teil ihrer Familie als Faustpfand in der Kaiserstadt Edo unterbringen, dem heutigen Tokio. So waren sie unter Kontrolle des Monarchen und hatten zudem kostspielige Ausgaben für die Haushaltung – die ihnen dann fehlten, um sich in kriegerische Abenteuer zu stürzen. Ein geschickter Schachzug. Mit dem Ende der Isolation fiel diese Verpflichtung in der Meiji-Zeit (1868-1912) weg. Der damalige Kriegsminister Takashima, ein Daimyo, hatte Spielschulden – und die Jesuiten kauften ihm das riesige Filetgrundstück in bester Lage gerne ab. Es wurde die Grundlage für die heutige Sophia-Universität und die Pfarrei des Ordens.

Beliebt: Heiraten auf dem Campus

Erst vor einigen Jahren neu erbaut wurde die Ignatiuskirche. Der alte Holzbau war von Schwarzen Termiten zerfressen und altersschwach geworden. Entstanden ist ein großer Pfarreikomplex mit Seminar- und Gesprächsräumen und der einzigen öffentlichen katholisch-theologischen Bibliothek in Tokio. Die Sophia-Universität – der Bezug auf die Weisheit passt gut zu Japan – ist in den rund 100 Jahren ihres Bestehens zu einem großen Campus mit acht Fakultäten geworden. Immer noch sind mehrere Dutzend Jesuiten als Dozenten an der "Sophia" tätig und haben in der Uni-Verwaltung Leitungsposten inne. Jeder der rund 13.000 Studierenden zahlt Tausende Euro Studiengebühr. Der Jahresumsatz in dreistelliger Millionenhöhe macht auch Investitionen erforderlich. 2017 wurde der "Sophia Tower" eröffnet, ein 17-stöckiger Büroturm mit Schauseite zur Straße. Der Bau erregte sogar das Interesse des damaligen Kaisers Akihito, der sich persönlich über das Bauvorhaben informieren ließ.

Beliebt bei Studenten und Ehemaligen ist das Heiraten auf dem Campus, am besten mit dem früheren Professor als Zelebranten. Sie mieten die Räume der Ignatiuskirche, noch lieber aber den alten Daimyo-Palast im europäischen Stil, den die Jesuiten in den 1920er Jahren als Gebäude für ihre Kommunität umfunktionierten. Gut feiern lässt es sich draußen im weitläufigen Japanischen Garten der Villa – einer Oase der Ruhe zwischen den Fakultätsgebäuden. Einmal im Jahr veranstalten die Jesuiten ein großes Gartenfest: Am Ignatius-Tag (31. Juli) versammeln sich hier der Nuntius, der Erzbischof von Tokio und alle, die sich in Japans Metropole den katholischen Glauben auf die Fahne geschrieben haben. Vielleicht kommt ja am Dienstagmorgen auch der Papst vorbei.

Von Alexander Brüggemann (KNA)