Das war der zweite Tag der dritten Synodalversammlung

"Historische Stunden": Synodaler Weg macht sich an die "heißen Eisen"

Aktualisiert am 04.02.2022  –  Lesedauer: 

Frankfurt am Main ‐ Pflichtzölibat und Frauenweihe: Am zweiten Tag der Synodalversammlung beschäftigt sich der kirchliche Reformprozess mit altbekannten "heißen Eisen". Verbindlich wurde sogar der erste Handlungstext entschieden, der Laien Mitgestaltung bei der Bischofswahl einräumen soll.

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Die wohl wichtigste Entscheidung des Tages fiel an seinem Schluss: Die Mitglieder der Synodalversammlung fassten am zweiten Tag des Treffens den ersten verbindlichen Beschluss eines Handlungstextes. Das Papier "Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs", dessen zweite Lesung eigentlich für Donnerstag vorgesehen war, aufgrund von ausufernden Debatten aber auf Freitag verschoben wurde, will unter Wahrung der gelten Konkordate den deutschen Katholiken Einfluss auf die Bischofswahl sichern. Dies soll über eine Selbstverpflichtung des Domkapitels erreicht werden. Forumsmitglied Charlotte Kreuter-Kirchhof warb bei der Vorstellung des Textes am Abend gegenüber den Synodalen mit schnellen Resultaten bei der Umsetzung: "Sie müssen auf nichts und auf niemanden warten." 88 Prozenten der Mitglieder der Versammlung folgten ihrem Plädoyer – und auch 80 Prozent der Bischöfe. Nun sollen gewählte Vertreter der Gläubigen gemeinsam mit den Domkapiteln die Bischöfe wählen. Der erfolgreichen Annahme vorausgegangen war eine Debatte mit zahlreichen Änderungsanträgen. Teilweise war der Ablauf nicht klar, sodass die Sitzungsleitung die Beratungen unterbrechen musste und lautes Raunen durch den Saal gingen. Aufgrund der zahlreichen Fragen entbrannte auch eine Diskussion darüber, ob es eine Dritte Lesung zu dem Text geben sollte. 111 Delegierte stimmten dagegen: Die Entscheidung sollte am Freitag fallen.

Der lange Sitzungstag hatte es auch mit Blick auf andere Themen in sich: Die oft als "heiße Eisen" titulierten Themen priesterlicher Pflichtzölibat und Frauenweihe kamen auf den Tisch des "Parlaments" des Synodalen Wegs. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße machte deutlich, dass die Frage nach der Verbindung von Ehelosigkeit und Priesterweihe für sein Erzbistum existenzielle Bedeutung besitzt. "Ich leite eine Diözese, die zur Zeit keinen Seminaristen hat. Ich weiß nicht, wie ich in Zukunft die Pfarreien besetzen soll", erläuterte Heße die Situation im flächenmäßig größten Bistum Deutschlands. Der Erzbischof sorgt sich darum, ob es in Zukunft überhaupt noch die Möglichkeit zur Eucharistiefeier in der Diaspora-Diözese geben wird. Die Öffnung des Weiheamtes auch für verheiratete Männer könnte die Situation entschärfen. Knapp 86 Prozent der Synodalen sprechen sich schließlich für die Annahme eines Handlungstextes aus, der den Papst dazu auffordert, künftig den Zölibat auszusetzen. Da es sich dabei jedoch um die erste Lesung handelte, wurde damit noch kein verbindlicher Beschluss gefasst. Das steht erst bei einer der kommenden Synodalversammlung bevor.

Rekurrieren auf die orthodoxen Kirchen

Trotz der großen Zustimmung wurden auch Bedenken geäußert. Die Wiener Theologin Marianne Schlosser mahnte an, dass sich mit der Aufhebung der in der katholischen Kirche seit vielen Jahrhunderten bestehenden Verbindung zwischen Zölibat und Priesterweihe auch das Bild des Priestertums grundlegend ändern werde. Oft wurde in Redebeiträgen auf die Orthodoxie Bezug genommen, da in den Ostkirchen die Weihe von verheirateten Männern möglich ist. Der Bochumer Theologe Matthias Sellmann rief jedoch dazu auf, nicht unreflektiert auf die orthodoxe Praxis zu rekurrieren. Denn schließlich würden die Bischöfe dort nur aus Ordenspriestern gewählt, zu deren Lebensform das Zölibatsversprechen gehört. Andere Synodale, wie der Vorsitzende des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ), Gregor Podschun, kritisierten, dass der Zölibat im Handlungstext zu unreflektiert beschrieben wurde.

Während bei der Aussprache über den Handlungstext zum Priesterzölibat auch zur Sprache kam, dass es keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen Ehelosigkeit und sexuellem Missbrauch gibt, wurde dieses Thema beim Bericht des Betroffenenvertreters Johannes Norpoth nicht gestreift. Dafür kritisierte Norpoth jedoch die Anerkennung der umstrittenen Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) durch die Deutsche Bischofskonferenz. Der Hintergrund: Ein Mitglied des Betroffenenbeirats der DBK musste Missbrauchserlebnisse bei diesem Pfadfinderverband machen. In der anschließenden Diskussion kritisierten mehrere Synodale ebenfalls den Schritt der DBK. Allerdings hatte Norpoth auch lobende Worte für die Kirche übrig: Die Bischöfe hätten mit ihrer neuen Personalaktenordnung die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp bei einer Dialogpredigt mit Bischof Georg Bätzing beim Synodalen Weg
Bild: ©Synodaler Weg/Maximilian von Lachner

Ein symbolträchtiges Bild: In der Eucharistiefeier in der Mittagspause des zweiten Versammlungstages predigten die beiden Präsidenten des Synodalen Wegs, Irme Stetter-Karp und Bischof Georg Bätzing, gemeinsam.

Möglicherweise war es dem Suppenkoma nach der Mittagspause geschuldet, dass die Redelisten bei den beiden Handlungstexten "Persönlichkeitsbildung und Professionalisierung" und "Prävention und Umgang mit Tätern" des Priesterforums auffällig kurz waren. Während Diskussionen und Wortmeldungen bei anderen Themen für gewöhnlich ausschweifen und den Zeitplan ausbremsen, konnten Änderungsanträge und Textvorlagen in rund einer Stunde besprochen, mit großer Mehrheit abgestimmt und zur Weiterarbeit an das Forum überwiesen werden. 

"Ich kann Zeugnis ablegen, wie viele Frauen auf diesen Text und auf Änderungen hoffen"

Die Synodalversammlung sprach sich damit für mehr Professionalität und eine umfassende Persönlichkeitsbildung bei künftigen Priestern aus. Auch das gemeinschaftliche Leben von Priestern soll demnach gefördert werden, ebenso die Möglichkeit, als "Priester im Zivilberuf" zu arbeiten. Gleichzeitig forderte die Synodalversammlung klarere Regeln beim Umgang mit Missbrauchstätern. 

Deutlich emotionaler war dagegen die anschließende Debatte um den Grundtext "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche". "Ich glaube, dass wir hier in einer fast schon historischen Stunde sitzen mit diesem Text", bekannte die Benediktinerin Schwester Philippa Rath. "Und ich glaube, ich kann Zeugnis ablegen, wie viele Frauen auf diesen Text und auf Änderungen hoffen – und zwar seit Jahrzehnten." Der Grundtext befasst sich mit der Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche und betont, dass nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern begründungspflichtig sei, sondern der Ausschluss der Frauen. Für den Ausschluss der Frauen aus dem Verkündigungsdienst gebe es "keine klare Traditionslinie". 

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Mehrere Befürworter betonten, dass dieser Text ein überkommenes Geschlechterverhältnis in der Kirche sowie eine Diskriminierung und Ausgrenzung von Frauen korrigiere. Sichtlich emotional äußerte sich beispielsweise die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), Schwester Katharina Kluitmann. "Nicht nur junge Frauen leiden unter dieser Kirche und darunter, dass sie als Frauen in dieser Kirche leben." Sie selbst sei 1964 geboren und blicke auf eine 41-jährige Verletzungsgeschichte in der Kirche zurück. "Alte Frauen haben Fürchterliches in dieser Kirche erlebt, und zwar nicht für irgendwas, sondern nur dafür, dass sie Frauen sind." Frauen in kirchlichen Ämtern böten einen Reichtum. "Und ich finde, wir können nicht mehr darauf verzichten, wenn wir nicht ewig hinter dieser Zeit herhinken wollen." Das Papier wurde mit 174 Ja-Stimmen bei 30 Nein-Stimmen angenommen – von den nicht-männlichen Synodalen stimmten sogar nur vier gegen den Text. Für diese Entscheidung gab es den Applaus der Synodalversammlung. 

"Die sind ja froh um alles, was die kriegen können"

Weniger einig war sich die Synodalversammlung bei der Diskussion um die Handlungstexte des Frauenforums mit dem Titel "Frauen im sakramentalen Amt" und "Diakonat der Frau". In den Redebeiträgen ging es vor allem um die Frage, inwieweit der Diakonat der Frau ein Zwischenschritt auf dem Weg zum "Maximalziel" Frauenpriestertum ist oder eine eigenständig zu würdigende Berufung. Kardinal Reinhard Marx betonte, dass ein päpstlicher Indult, also eine Sondergenehmigung für den Diakonat der Frau in Deutschland als Gnadenerweis aus seiner Sicht nicht kommen werde. Die Berliner Pastoralreferentin Esther Göbel wies darauf hin, dass häufig die Rede davon sei, dass die Frauen-Frage die Zukunft der Kirche entscheide. "Manche gehen vielleicht davon aus, dass die Zweidrittelmehrheit der Frauen hier ja kein Problem ist nach dem Motto: Die sind ja froh um alles, was die kriegen können." Den Tränen nahe fuhr sie fort. "In ganz ehrlicher Wertschätzung der Mühen aller Frauengenerationen vor mir kann ich als jüngere Frau diesen beiden Texten nur zustimmen, wenn dieser Zwischenschritt als viel klarere Forderung formuliert wird für eine Öffnung aller Ämter für alle Geschlechter." Beide Texte wurden schlussendlich von der Synodalversammlung angenommen und zur Weiterarbeit an das Synodalforum übergeben. 

Die sehr diszipliniert geführten Diskussionen des langen Sitzungstages wurden immer wieder von erheiternden Momenten unterbrochen. So hatte sich Prälat Karl Jüsten aus Versehen gemeldet, sozusagen "verdrückt". Als er mit seinem ungewollten Redebeitrag an die Reihe kam, zeigte er sich verwundert und musste lachen und rief gleichzeitig zum Abstimmen auf. Am Nachmittag schmunzelten viele Synodale, weil die Sitzungsleitung verkündete, dass im Vorraum des Saals ein Ehering gefunden wurde. "Ich hoffe, dass deshalb nun niemand Probleme bekommt", sagte Moderatorin Katharina Norpoth lachend. Um den Sitzungsmarathon etwas erträglicher zu machen, forderten die geistlichen Begleiter die Teilnehmer dazu auf, sich an ihren Plätzen zu erheben und Auflockerungsübungen zu machen. So zappelten die mehr als 200 Personen im Sitzungssaal umher und bewegten sich – ganz so, wie sie ihre Kirche in Bewegung bringen wollen.

Von Christoph Brüwer und Roland Müller