Die leise Diplomatie von Franziskus wird lauter

Ukraine-Krieg: Wie der Vatikan Frieden schaffen will

Aktualisiert am 11.03.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Die Lage in der Ukraine wird von Tag zu Tag schlimmer. Der Vatikan hatte auf Deeskalation gehofft und dafür geworben. Nun wird der Heilige Stuhl selbst immer aktiver – zumindest auf der zweithöchsten Ebene.

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Von außen betrachtet klingt es einfach: Warum reist Papst Franziskus nicht in die Ukraine? Warum greift er nicht zum Telefonhörer - was er bekanntlich gerne tut - und ruft den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich an? So einfach ist das nicht, lautet die wohl treffendste Antwort. Der Papst ist Staatschef und zugleich Oberhaupt von 1,3 Milliarden Katholiken. Der vorzugsweise spontan agierende 85-Jährige muss seine Schritte im Ukraine-Krieg mit Bedacht wählen. Umso auffälliger ist, dass der Vatikan sich zusehends offener und deutlicher einmischt.

Eigentlich ist die Kunst des Heiligen Stuhls die leise und diskrete Diplomatie. Öffentlich um Frieden beten, im Verborgenen moderieren und Hilfe organisieren, so fasste Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin das Vorgehen zusammen. Vor allem will man den Eindruck vermeiden, dass sich das Kirchenoberhaupt zu schnell auf eine Seite stelle.

Ist Franziskus auf dem "linken Auge" blind?

Dann ist da noch das komplizierte Verhältnis zwischen Moskauer Patriarchat und Vatikan. Die russisch-orthodoxe Kirche ist mit rund 150 Millionen Gläubigen die mit Abstand größte orthodoxe Nationalkirche. Sie gilt als ausgesprochen Kreml-treu. Das ökumenische Verhältnis zwischen Rom und Moskau hat sich seit Benedikt XVI. gebessert, aber die Beziehungsfäden bleiben dünn.

Beachtung verdient zudem das Verhältnis von Franziskus und Putin. Diesen traf er in seinem Pontifikat mehrfach zu langen Gesprächen. Der Pontifex lobte den Einsatz von Putin, etwa im Syrien-Krieg, und schickte ihm per Post seine "höchste Wertschätzung". Kritiker halten dem Argentinier vor, dass er aufgrund seiner eigenen Herkunft und Historie auf dem "linken Auge" blind sei und Russland anders, ja milder, behandele.

Doch Franziskus ist auch ein Friedenspapst, der den Krieg verteufelt. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs verbreitet er mit viel Verve und Energie Friedensappelle on- und offline. Er rief zu weltweiten Gebetstagen auf. Er twittert, was das Zeug hält, in allen Sprachen - auch auf Russisch und Ukrainisch.

Ein Kreuz mit einem Panzer im Hintergrund
Bild: ©picture alliance / AA / Ali Atmaca

Ein Kreuz mit einem Panzer im Hintergrund während des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Es gab Gespräche zwischen ihm und dem Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk. Und der Apostolische Nuntius in Russland, Erzbischof Giovanni d'Aniello, traf den russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. in Moskau. Zuvor hatte der Papst bereits außergewöhnliche Schritte auf der politischen Bühne gewagt. Das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj war erwartbar. Aber Franziskus besuchte persönlich den russischen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Für das Protokoll eigentlich undenkbar.

Franziskus ist zwar nicht nach Kiew geflogen. Eine Reise, die sich die Ukraine seit langer Zeit sehnlichst wünscht. Dafür hat er zwei Kurienkardinäle ins Krisengebiet entsandt - beide gebürtige Osteuropäer. Der Sozialbeauftragte des Papstes, Kardinal Konrad Krajewski, reiste über das polnische Nachbarland in die Ukraine. Der Pole hatte bereits in Rom Hilfsgüter des Vatikan persönlich zur griechisch-katholischen Gemeinde der Ukraine gebracht. In der westukrainischen Großstadt Lwiw (Lemberg) traf Krajewski auch Großerzbischof Schewtschuk. Gemeinsam sollen sie mit Franziskus telefoniert haben. Dazu habe der Kardinal dem Papst Fotos von der dramatischen humanitären Lage geschickt.

Zwei Kardinäle in der Ukraine

Ebenfalls in der Ukraine angekommen ist Kardinal Michael Czerny. Der aus Tschechien stammende Interims-Leiter der Entwicklungsbehörde flog zunächst nach Ungarn. Dort besuchte er die Flüchtlingsaufnahmestätten in Budapest. Und er traf den Vize-Ministerpräsidenten Zsolt Semjen zum Gespräch. Auch eine wichtige Geste, wo doch das vatikanische Verhältnis zu Ungarns Ministerpräsident Victor Orban gerade in der Flüchtlingsfrage ausgesprochen schwierig ist.

Dabei will es der Vatikan nicht belassen. So verstärkte der Heilige Stuhl seine Angebote für eine Vermittlung zwischen den Kriegsparteien. Aus der "Hilfe beim Dialog", um eine Eskalation zu vermeiden, wurde die Bereitschaft "alles zu tun, um sich in den Dienst des Friedens zu stellen". Denn die Eskalation ist längt offensichtlich. Parolin fand hierfür zuletzt deutliche Worte. So kann der Vatikan entweder den Dialog durch seine sogenannten guten diplomatischen Dienste unterstützen oder aber einen Schritt weiter gehen und als Mediator beiden Parteien zunächst zuhören und eine Kompromisslösung vorschlagen. Alle vatikanischen Angebote liegen nun auf dem Tisch. Ohne Bereitschaft der Konfliktparteien bleiben sie dort erst einmal liegen.

Von Anna Mertens (KNA)