Ein Blick auf die Judentümer zur Zeit der Evangelien

Als Jesus mit Aristokraten stritt und Untergrundkämpfern predigte

Aktualisiert am 10.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Mit dem Palmsonntag kommt Jesus in Jerusalem an. Auf dem Weg dorthin ist er mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt gekommen. Aber wer sind diese überall auftauchenden Pharisäer überhaupt? Warum stellen die Sadduzäer Jesus Fallen? Und gehörten die Jünger eigentlich auch einer Gruppierung an?

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Das Jahrhundert, in dem Jesus lebte, war alles andere als ruhig: Das mächtige Römische Reich setzte im Heiligen Land Vasallenherrscher ein und ab, die lokalen Eliten kollaborierten mit der brutalen Besatzungsmacht und die ächzende Landbevölkerung verarmte zunehmend. Eine Katastrophe folgte auf die nächste – und gipfelte in der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70. Kein Wunder also, dass diese umwälzenden Ereignisse ganz unterschiedliche religiöse Antworten hervorriefen. Die verschiedenen Gruppierungen bekannten sich alle zu dem einen Gott Israels und seiner Tora, doch zogen sie daraus sehr unterschiedliche Konsequenzen für ihr Leben. Zur Zeit Jesu gab es also nicht das eine Judentum, sondern es existierten verschiedene Judentümer parallel nebeneinander. Im Neuen Testament haben sie bis heute Spuren hinterlassen.

Die abgesonderten Alltagsheiligen

In welches der vier Evangelien man auch schaut: Kaum ein Streitgespräch scheint ohne die Pharisäer auszukommen (vgl. Mk 8,11). Warum hatte diese Gruppe Jesus so auf dem Kieker? Im heutigen Sprachgebrauch ist "Pharisäer" längst als Schimpfwort für Heuchler etabliert. Aber Vorsicht: Die Evangelisten bemühten sich erst gar nicht um eine neutrale Darstellung der Gruppe, sondern grenzten sich von ihnen ab. Überhaupt sind wir im Wesentlichen auf Berichte über und nicht von Pharisäern angewiesen: Neben den Evangelien sind das vor allem Schriften des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus (gest. um 100) und der späteren Rabbinen, jüdischen Gelehrten des zweiten Jahrhunderts. Die geistigen Wurzeln der Pharisäer liegen in der Zeit nach dem Babylonischen Exil (597­­–538 v.Chr.). Diese Großkatastrophe hatte eine tiefe Identitätskrise ausgelöst: Wie kann Gott zulassen, dass sein eigenes Volk verschleppt und sein eigener Tempel zerstört wird? Aus dieser Erfahrung heraus hatte sich eine starke Tendenz zur Absonderung von den heidnischen Nachbarvölkern entwickelt. Darauf deutet auch der Name "Pharisäer" hin, der so viel wie "der Abgesonderte" bedeutet. Vielleicht handelte es auch ursprünglich um eine negative Fremdbezeichnung, denn der Name kann auch abwertend als "der Separatist" übersetzt werden. Allein Paulus bezeichnete sich – rückblickend - als Pharisäer (vgl. Phil 3,5).

Das religiöse Programm der Pharisäer lässt sich in seinem Kern kompakt als "Heiligung des Alltags" zusammenfassen. Nicht allein die Priester, sondern das ganze Volk Gottes sollte entsprechend leben. Dafür weiteten die Pharisäer die Reinheits- und Speisegebote für den priesterlichen Tempeldienst auf das tägliche Leben aller Gläubigen aus. Jedes Verhalten sollte dem Willen Gottes entsprechen. Da sich viele Vorgaben der Tora auf den Bereich des Tempelkults beziehen, stellte sich die Frage, wie sie unter Alltagsbedingungen gelebt werden sollten. Die Pharisäer fanden eine Lösung: Sie legten die kultischen Vorgaben der schriftlichen Tora gezielt auf das weltliche Leben aus. Diese Interpretation stand für sie als "mündliche Tora" gleichberechtigt neben der schriftlich überlieferten. Um die Tora im Alltag tatsächlich verwirklichen zu können, schlossen sich viele Pharisäer in Genossenschaften zusammen. Dort sprachen sie sich gegenseitig als "Weise" oder "Genossen" an, widmeten sich dem intensiven Studium der Tora und legten großen Wert auf Reinheit (vgl. Lk 11,37f).

Tora-Rolle
Bild: ©stock.adobe.com/ollega

Heilige Lebensführung ist nur etwas für Priester? Von wegen, sagten die Pharisäer – und legten die Tora alltagstauglich für alle Gläubigen aus.

Ihr vorbildlicher Lebensstil machte die selbst vor allem aus der städtischen Mittelschicht stammenden Pharisäer in weiten Teilen der Bevölkerung enorm beliebt. Aus der einstigen politisch-religiösen Oppositionspartei gegen Hellenisierungstendenzen war zur Zeit des Herodes (gest. 39 n. Chr.) eine ernstzunehmende Größe mit etwa 6.000 Anhängern geworden. Der Ansatz der Pharisäer, den Alltag unabhängig vom Tempelkult zu heiligen, erwies sich als zukunftsweisend: Nach der Tempelzerstörung durch die Römer im Jahr 70 trug ihr Programm maßgeblich zum Überleben des jüdischen Glaubens bei.

Die priesterlichen Aristokraten

Genau umgekehrt erging es der mit den Pharisäern verfeindeten Gruppe der Sadduzäer, deren Geschichte gemeinsam mit dem Jerusalemer Tempel ein abruptes Ende fand. Wer nicht mehr da ist, kann sich bekanntlich auch nicht wehren – und so liegen uns nur negative Berichte über diese Gruppe vor: ob in den Evangelien, bei Flavius Josephus, den Kirchenvätern oder in rabbinischen Texten. Der Name "Sadduzäer" leitet sich von Zadok ab, der als Priester unter König David gewirkt haben soll (vgl. 2 Sam 8,17) und so zum Stammvater der nach ihm benannten Priesterdynastie am Jerusalemer Tempel wurde. Später wandelte sich "Sadduzäer" zum Überbegriff für alle Anhänger dieser Gruppe. Sie führten nicht alle ihre Abstammung auf Zadok zurück, gehörten aber gemeinsam der städtischen Aristokratie an.

Bild: ©picture alliance / akg

Als Mitglieder der Oberschicht wussten die Sadduzäer privat auch den römischen Lebensstil zu schätzen.

Spätestens im zweiten vorchristlichen Jahrhundert traten die Sadduzäer als "Regierungspartei" auf – und mussten sich in dieser Rolle immer wieder mit politischen Umwälzungen arrangieren. Zur Zeit Jesu war die Macht der Sadduzäer bereits auf den Tempelbezirk begrenzt. Um zumindest diese Position zu halten, musste ausgerechnet die "Lobbygruppe der Priesterelite" den Interessensausgleich mit den heidnischen Besatzern suchen. Aber auch privat zeigte sich diese städtische Aristokratie kulturellen Einflüssen des römischen Reiches durchaus aufgeschlossen, wie Ausgrabungen ihrer Jerusalemer Stadtvillen zeigen. Der Konflikt mit den auf Absonderung bedachten Pharisäern war vorprogrammiert (vgl. Mt 22,34).

Das konservative Programm der Sadduzäer lautete knapp zusammengefasst: Alles soll so bleiben, wie es ist – politisch wie religiös. Die "mündliche Tora" der Pharisäer verwarfen sie vehement als illegitime Neuerung. Aufgrund dieser Beschränkung auf die schriftliche Überlieferung lehnten die Sadduzäer auch die für die Endzeit erwartete Auferstehung der Toten und Vergeltung für die Gerechten ab. Nicht die Pharisäer, sondern die Sadduzäer stehen hier in deutlicher Opposition zu Jesus. So sind es die städtischen Aristokraten, die dem galiläischen Wanderprediger mit ihrer Frage nach der Auferstehung der Toten eine theologische Falle stellen wollen (vgl. Lk 20,27–40).

Die radikalisierten Reinen

Die Anwesenheit der geheimnisvollen Essener ist in den Evangelien nur schattenhaft zu erahnen. Dennoch glaubte man lange, einigermaßen gut über diese Gruppierung informiert zu sein. Immerhin berichten mit Flavius Josephus, Plinius dem Älteren und Philo von Alexandrien gleich drei antike Schriftsteller über sie. Allerdings scheint keiner der Autoren aus eigener Erfahrung über die Essener zu schreiben. Mit den ab 1947 am Westufer des Toten Meeres entdeckten "Schriftrollen von Qumran" war sich die Forschung lange sicher, auf eigene Schriften der Essener gestoßen zu sein. Aber stimmt das? Der alte Konsens, es handle sich eindeutig um Schriftrollen aus einer nahegelegenen Siedlung der Essener, wird zunehmend angezweifelt. Die "Schriftrollen von Qumran" sind als authentische Zeugnisse über Leben und Glauben der Essener also mit Vorsicht zu genießen. Wahrscheinlich handelte es sich bei den Bewohnern von Qumran aber zumindest um eine Gruppe im weiteren Umfeld dieser Bewegung.

Der bei den antiken Schriftstellern verwendete Name "Essener" kann mit "der Reine" oder "der Heilige" übersetzt werden, während die in Qumran gefundene Gemeinderegel die Gemeinschaft als "die Einung" bezeichnet. Offenbar teilt sich die essenische Gruppierung mit den Pharisäern eine gemeinsame historische Wurzel in der Opposition gegen die Hellenisierungstendenzen. Diese Nähe scheint später in offene Feindschaft umgeschlagen zu sein. Die Pharisäer seien in ihrer Religionspraxis verweltlicht. Diese Meinung vertraten, laut Josephus und Philo, um die 4.000 über das ganze Heilige Land verteilte Essener. Einige von ihnen lehnten den nicht-zadokidischen Hohenpriester Jonatan (161­–143) als illegitim ab und verwarfen darum den gesamten gegenwärtigen Kult des Jerusalemer Tempels.

Blick über die Ruinenanlage in Qumran
Bild: ©KNA-Bild

Die Ruinen von Qumran: Lebten hier die Essener?

Stattdessen zogen sie in die Wüste, um dort dem Herrn den Weg zu bereiten (vgl. Lk 3,3–6) und lebten in einer streng-hierarchisch organisierten Gütergemeinschaft (vgl. Apg 2,44) nach eigenem Kalender. Die Essener übernahmen nicht nur wie die Pharisäer die priesterlichen Reinheitsvorschriften für ihr alltägliches Leben und legten diese rigoros aus. Im Bewusstsein, als einziger heiliger Rest Israels in der unmittelbar bevorstehenden Endzeit gerettet zu werden, verschärften die Essener einige Weisungen sogar (vgl. Mt 5,20). Aus Sorge um kultische Reinheit waren Frauen, die als potenziell unrein galten, mindestens von den gemeinsamen Mahlfeiern ausgeschlossen. Diese wurden als Vorwegnahme des himmlischen Freudenmahls verstanden (vgl. Lk 13,29). Im Jüdischen Krieg (66–73 n.Chr.) zerstörten die Römer auch die Einrichtungen der Essener. Elemente ihrer Theologie aber überdauerten im späteren rabbinischen Judentum.

Die rebellischen Eiferer

Heroische Widerstandskämpfer oder verdammungswürdige Terroristen? Das ist bis heute oft eine Frage der politischen Perspektive. Bei den Zeloten war die Sache für die römische Besatzungsmacht (und dem später mit ihr kollaborierenden Josephus Flavius) klar: allesamt "Räuber", die es zu vernichten gilt. Entstanden aus dem Widerstand gegen den römischen Zensus war aus der kleinen Opposition bald eine gewalttätige Bewegung geworden. Die Bezeichnung "Zelot" war dabei Programm: "Der Eiferer" um Gott wusste den Himmel auf seiner Seite.

Die Zeloten radikalisierten und politisierten das pharisäische Programm zur Tora gemäßen Heiligung des Alltags: Die Herrschaft über das Heilige Land stehe allein Gott zu – und dieser dulde keine menschliche Herrschaft neben sich. Römische Ansprüche lehnten sie ebenso vehement ab wie das vermeintlich verwerfliche Verhalten ihrer Landsleute. Weil die Zeloten, ebenso wie die Essener, von dem baldigen Weltenende ausgingen, hatten sie keine Zeit zu verlieren und kannten kein Pardon. Die Besatzungsarmee griffen sie in Guerillataktik aus dem Hinterhalt an, einzelne politische Gegner töteten sie in Attentaten. Doch die Zeloten zielten auch auf die eigene Bevölkerung: Kollaborateure mussten um ihr Leben fürchten, Ehemänner nicht-jüdischer Frauen waren nicht mehr sicher und auch Zwangsbeschneidungen sind überliefert.

Ein kurdischer Kämpfer mit einem Gewehr in der Hand.
Bild: ©dpa

Was ist legitimer Widerstand und was verdammungswürdiger Terrorismus? Nicht nur bei den Zeloten spaltet diese Frage die Geister.

Ihren größten Rückhalt hatten die Zeloten seit jeher in der verarmten Landbevölkerung Galiläas, die aufgrund der doppelten Ausbeutung durch römische Besatzer und lokale Großgrundbesitzer kaum noch etwas zu verlieren hatte. So überrascht es nicht, dass sich auch unter den Anhängern des galiläischen Wanderpredigers Jesus mindestens ein (ehemaliger) Zelot befand (vgl. Lk 6,15). Der Beginn des Aufstands gegen die römische Fremdherrschaft ging maßgeblich auf die Zeloten zurück. Die blutige Niederschlagung des Aufstands besiegelte auch den Untergang der zelotischen Bewegung.

Von Valerie Mitwali