Der Kindermord von Betlehem – Hat es ihn wirklich gegeben?
Am 28. Dezember feiert die Kirche das Fest der Unschuldigen Kinder

Der Kindermord von Betlehem – Hat es ihn wirklich gegeben?

Es ist ein grausames Geschehen, das oft auch in der Kunst brutal dargestellt wird: der Kindermord von Betlehem. Am Fest der Unschuldigen Kinder gedenkt die Kirche dieser ermordeten Jungen. Doch war die Tötung der vielen kleinen Kinder tatsächlich auch ein historisches Ereignis?

Von Fabian Brand |  Bonn - 28.12.2020

Das Fest der Unschuldigen Kinder wird in der Kirche nur wenige Tage nach dem Weihnachtsfest, am 28. Dezember begangen. Zusammen mit dem heiligen Evangelisten Johannes und dem Erzmärtyrer Stephanus gehören sie zu den sogenannten "comites Christi", also den Heiligen, die in einer besonderen Nähe zum menschgewordenen Gott stehen. Viele Darstellungen haben den Kindermord von Betlehem aufgegriffen: In der Kunst wurde er schon sehr früh in einem Mosaik in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom rezipiert, aber auch Lucas Cranach d.Ä. und Peter Paul Rubens haben sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Allen Szenen ist eines gemeinsam: Sie zeigen etwas sehr Grausames, nämlich die gewaltsame Tötung von vielen kleinen Kindern, während ihre Mütter versuchen, sie vor den herannahenden Mördern zu schützen. Dass dahinter eine biblische Geschichte steht, mag durchaus das Erschrecken noch steigern. Und es stellt vor allem die Frage, ob der Kindermord von Betlehem tatsächlich auch ein historisches Ereignis war.

Zunächst ist ein Blick in die Bibel angeraten, genauer gesagt in das zweite Kapitel des Matthäusevangeliums. Im Anschluss an den Besuch der Sterndeuter beim Kind heißt es dort in wenigen Versen: "Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr." (Mt 2,16-18) Damit ist das Geschehen relativ knapp umrissen: Weil der König Herodes einen Konkurrenten fürchtet, lässt er alle Kinder umbringen, die im Alter des neugeborenen "Königs der Juden" (Mt 2,2) sein könnten. Ein geschickter Schachzug also, um die eigene Herrschaft zu sichern und unliebsame Konkurrenz aus der Welt zu schaffen. Die Heilige Familie freilich wurde im Vorfeld durch einen Traum des Josef gewarnt und konnte die Flucht ins sichere Ägypten antreten. Erst als Herodes gestorben war, ziehen Maria, Josef und das Kind wieder zurück in die Heimat; wiederum ist es ein Engel, der Josef im Traum erscheint und ihm die Rückkehr in das inzwischen sichere Heimatland nahelegt.

Der Kindermord von Bethlehem, gemalt von Giotto

Laut Matthäusevangelium ließ Herodes in der Umgebung alle Kinder bis zum Alter von zwei Jahren töten. Doch gibt es auch außerbiblische Quellen für den grausamen Kindermord?

Soweit erzählt es das zweite Kapitel des Matthäusevangeliums. Doch lassen sich für das erzählte Geschehen auch außerbiblische Quellen finden, die das grausame Treiben des Königs Herodes bestätigen würden? Eine zeitgenössische Bestätigung jedenfalls gibt es nicht. Vielmehr muss man einräumen, dass selbst der Historiker Flavius Josephus, der in seinen "Antiquitates Iudaicae" doch recht ausführlich über die Herrschaftszeit des Herodes des Großen berichtet, kein Wort über einen Kindermord in Betlehem verliert. Sein Schweigen über dieses doch sehr grausame Ereignis ist zumindest ein sehr gewichtiges Indiz, dass der Kindermord keine historische Tatsache ist. Freilich lässt sich auch das Gegenteil finden: Denn der spätantike römische Philosoph Macrobius Ambrosius Theodosius beschreibt in seinen Saturnalien, dass Herodes in Syrien alle Knaben im Alter von zwei Jahren umbringen ließ.

Erster außerbiblische Beleg entstand erst Jahrhunderte später

An gleicher Stelle ist übrigens das doch recht eindeutige Urteil des römischen Kaisers Augustus überliefert, der gesagt haben soll: Es ist besser, ein Schwein des Herodes zu sein, als sein Sohn. Ob die Darstellung des Macrobius allerdings als historische Quelle taugt, muss wohl offenbleiben: Immerhin lebte er an der Wende vom vierten zum fünften Jahrhundert und damit doch einige Jahre nach der Geburt Jesu. Auch muss offenbleiben, ob Macrobius mit dem Neuen Testament in Kontakt gekommen ist und in seiner Schrift auf das Matthäusevangelium rekurriert. Damit würde sein Bericht über den Kindermord jedenfalls nicht als eigenständige Quelle taugen. Ob dies so war, lässt sich natürlich nicht rekonstruieren. Auffällig freilich bleibt, dass der erste außerbiblische Beleg für den Kindermord des Herodes erst mehrere Jahrhunderte später entstanden ist.

Was war nun die Motivation des Matthäusevangelisten, diese Episode zu schreiben, die möglicherweise keinen historischen Kern beinhaltet? Zunächst lässt sich festhalten, dass es durchaus einen Anknüpfungspunkt gibt, der in mehreren Quellen gut belegt ist: Es handelt sich um die Grausamkeit des Königs Herodes des Großen. Wenigstens Flavius Josephus wird nicht müde, in seinen "Antiquitates" immer neu Herodes als tyrannischen Despoten darzustellen. Er charakterisiert ihn so: "Er war ein Mann, der gegen alle ohne Unterschied mit gleicher Grausamkeit wütete, im Zorn kein Maß kannte und sich über Recht und Gerechtigkeit erhaben dünkte, dabei aber die Gunst des Glückes wie kein anderer erfuhr." Selbst in seiner Sterbestunde erwirkt Herodes noch eine tief grausame Verfügung: Weil er darum weiß, dass seine Untertanen über sein Ableben sehr erfreut wären, befiehlt er, dass unmittelbar nach seinem Tod inhaftierte Männer von Soldaten hingerichtet werden sollten. Josephus schreibt dazu: "Durch eine solche Tat würden sie ihm eine doppelte Freude bereiten, indem sie sowohl den letzten Willen eines Sterbenden erfüllten, als auch eine seiner würdige Totenklage zustande brächten." Diese Grausamkeit des Herodes ist bereits zu seinen Lebzeiten bekannt: Selbst innerhalb seiner eigenen Familie schreckte der König nicht vor Mord zurück. Das Bild, das besonders Flavius Josephus von Herodes zeichnet, ist geprägt von einer tiefen Brutalität, von Jähzorn und Hass. Vermutlich hat gerade diese Charakterisierung auch als Vorlage für den matthäischen Kindermord gedient. Immerhin würde man eine solche Tat dem König Herodes durchaus zutrauen. Einer, der selbst seine engsten Verwandten umbringen lässt, schreckt sicher auch vor dem Mord an unzähligen Jungen nicht zurück.

Linktipp: Ein lustiger Tag mit traurigem Hintergrund

Eigentlich ist es ein trauriger Tag: Denn am 28. Dezember gedenkt die Kirche des grausamen Kindermords durch König Herodes. In der spanischsprachigen Welt wird der Tag jedoch ganz anders begangen.

Doch es gibt auch einen theologischen Grund, der in der Erzählung vom Kindermord zutage tritt. So greift der Evangelist Matthäus gerade in der Kindheitsgeschichte immer wieder auf das Alte Testament zurück und sieht die dort getroffenen Aussagen in Jesus von Nazareth erfüllt. Zwei Zitate beziehen sich dabei unmittelbar auf den Kindermord und die Flucht nach Ägypten. So heißt es in 2,15: "Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen." Damit setzt Matthäus Jesus und Mose gleich: So, wie Mose einst nur knapp den Mordplänen des Pharao entgangen ist, so entkommt Jesus den Mordplänen des Herodes. So, wie Mose und die Israeliten mit göttlichem Beistand aus Ägypten ins Gelobte Land ziehen, so kehrt die Heilige Familie auf göttliches Geheiß in ihr Heimatland zurück. Diese Parallelisierung von Mose und Jesus tritt übrigens später im Matthäusevangelium noch einmal sehr prominent zutage: Bei der Bergpredigt nämlich, die wiederum im Anklang an die Gesetzesgabe auf dem Berg Horeb gestaltet ist. Und ein zweites alttestamentliches Zitat aus dem Propheten Jeremia sieht Matthäus im Kindermord ebenfalls erfüllt: "Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr." (2,18) Damit fügt sich die Geschichte rund um den Kindermord und die Flucht nach Ägypten sehr gut in das theologische Konzept des Matthäus ein: In Jesus erfüllt sich, was im Alten Testament vorhergesagt ist.

Ob der matthäische Kindermord von Betlehem wirklich ein historisches Ereignis war, muss wohl offenbleiben. Die Indizien freilich sprechen eher dagegen, vor allem die exegetische Betrachtung der Perikope und die grundsätzliche theologische Ausrichtung des Matthäusevangeliums wiegen hier schwer. Letztendlich lädt der Festtag der Unschuldigen Kinder doch jedes Jahr aufs Neue ein, an die Kinder in diesen Tagen zu denken, die Opfer von Gewalt, Krieg und Missbrauch geworden sind. Die Tage um das Weihnachtsfest sind ein guter Anlass, ihrer im Gebet zu gedenken.

Von Fabian Brand