Katholische Kirche will Verhalten gegenüber Ausgetretenen ändern

Bode zum Umgang mit Kirchenaustritten: Müssen eine Art Klagemauer sein

Aktualisiert am 31.03.2022  –  Lesedauer: 
Bode zum Umgang mit Kirchenaustritten: Müssen eine Art Klagemauer sein
Bild: © KNA/Lars Berg

Osnabrück ‐ Die katholische Kirche in Deutschland sucht nach neuen Wegen zum Umgang mit Kirchenaustritten: Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode bietet nun in einer Telefonaktion Ausgetretenen sogar persönliche Gespräche an. Ein Interview.

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Enttäuschung, Frust, Vertrauensverlust – immer mehr Menschen in Deutschland treten aus der Kirche aus. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode will sich ihre Kritik anhören. Am Freitag steht er bei einer Telefonaktion für persönliche Gespräche bereit. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläuterte der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Donnerstag, warum er ein solches Angebot macht und wie die Kirche ihren Umgang mit Ausgetretenen verändern will.

Frage: Herr Bischof Bode, am Freitag bieten Sie im Rahmen einer Telefonaktion Menschen, die an der Kirche zweifeln oder bereits ausgetreten sind, persönliche Gespräche an. Warum machen Sie das?

Bode: Die Kirche muss etwas tun bei der aktuell hohen Zahl von Austritten und dem Vertrauensverlust, der sich breit gemacht hat. Bei einem Besuch in einer Kirchengemeinde hatte ich vor Kurzem einen Termin mit acht Ausgetretenen. Die haben mir geraten, solche persönlichen Gespräche anzubieten, weil sich mancher Ausgetretener noch einmal erklären möchte. Wir müssen eine Art Klagemauer sein. Es gibt immer mehr Ausgetretene, die innerlich der Kirche und dem Glauben verbunden bleiben. Manche fragen mich sogar, ob sie weiter zur Kirche kommen dürfen. Das sind Menschen, die lange mit der Kirche gelebt haben und jetzt das Vertrauen so verloren haben, dass sie keinen anderen Weg des Protestes wissen. Mit diesen Menschen müssen wir in Kontakt bleiben.

Frage: Für die aktuell steigende Zahl der Kirchenaustritte wird vor allem der Umgang der Kirche mit Fällen von sexuellem Missbrauch genannt. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Menschen sich abwenden?

Bode: Ja, ich habe großes Verständnis. Der Missbrauch selbst zerstört Vertrauen. Die Aufarbeitung, die sich lange hinzieht, noch einmal. Auch der Reformprozess Synodaler Weg ist komplexer, als mancher das vielleicht erwartet hat. Da ist dann oft die Geduld am Ende. Das muss man erstmal akzeptieren. Ich möchte natürlich möglichst deutlich machen, dass wir unterwegs sind und dass es noch andere Seiten der Kirche gibt. Aber ich möchte die Argumente der Ausgetretenen nicht entkräften, weil ich auch zugeben muss, dass wir vielfach nicht richtig gehandelt haben.

Frage: Was sagen Sie den Menschen im Gespräch? Wollen Sie die Ausgetretenen vom Wiedereintritt überzeugen?

Bode: Die Absicht habe ich zunächst mal nicht. Ich möchte erst einmal hören, was die Hintergründe für ihre Entscheidung sind – und die sind sehr vielfältig. Es gibt Menschen, die sind in früheren Zeiten in ihrer Gemeinde verletzt worden und schleppen das mit. Andere stören sich an der Institution und den Bischöfen. Bei wieder anderen sind es theologische Fragen, in denen sie sich seit Jahrzehnten Veränderungen wünschen. Natürlich freue ich mich, wenn jemand nach einem Gespräch wieder eintritt – aber das ist sehr selten. Wer sich einmal zum Austritt durchgerungen hat, nimmt das in der Regel nicht so schnell zurück.

Ein Hinweisschild in einer Behörde, auf dem "Kirchenaustritte" steht.
Bild: ©KNA

Ein Kirchenaustritt wird gewöhnlich vor dem Amtsgericht bekundet.

Frage: Ein Dekret der Deutschen Bischofskonferenz sieht vor, dass das Gespräch mit den Ausgetretenen die "volle Wiedereingliederung in die kirchliche Gemeinschaft" zum Ziel haben soll ...

Bode: Das sollte nicht das erste Ziel sein. Aber ich signalisiere den Menschen schon, dass die Tür offen bleibt. Die Menschen sind weiter hochwillkommen und sie sollten jede Beziehung zur Kirche wahren, die sie haben wollen und können. So interpretiere ich auch das Dekret: Das Ziel ist, die Tür offen zu halten.

Frage: Es gibt Musterbriefe der Bischofskonferenz, die die zuständigen Pfarrer an die Ausgetretenen versenden sollen. Die Vorlagen enthalten nicht nur eine freundliche Einladung zu einem Gespräch, sondern verweisen auch knallhart auf die Konsequenzen: kein Empfang der Kommunion, keine katholische Eheschließung, keine Taufpatenschaft mehr. Klingt nicht nach Tür aufhalten.

Bode: Diese Briefe sind vor etwa zehn Jahren entstanden. Sie sollten ursprünglich deutlich machen, dass ein Austritt aus der öffentlich-rechtlichen Körperschaft Kirche zwar den Verlust gewisser Rechte nach sich zieht, aber nicht die Exkommunikation, also den Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft. Das ist völlig danebengegangen. Die Briefe müssen ganz neu formuliert werden. Daran arbeitet die Pastoralkommission der Bischofskonferenz bereits. Sie wird ein völlig neues Konzept für den Umgang mit Ausgetretenen erstellen und den Pfarrern weitere Hilfestellungen an die Hand geben. Jeder Einzelfall muss differenziert betrachtet werden.

Frage: Manche Pfarrer in Ihrem Bistum haben eigene, deutlich freundlichere Briefe formuliert, die sie an die Ausgetretenen versenden. Unterstützen Sie dieses Vorgehen?

Bode: Ja. Wir müssen eine ordentliche Weise finden, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Dazu gehören auch solche Dinge wie die Telefonaktion. In Osnabrück bieten wir Zweifelnden und Ausgetretenen auch im Forum am Dom Gespräche an. In Bremen können die Menschen direkt bei einer kirchlichen Stelle ihren Austritt erklären und dort mit Seelsorgern ins Gespräch kommen. In anderen Bistümern gibt es ähnliche Angebote.

Frage: Würden Sie Ausgetretenen die Kommunion spenden oder sie kirchlich beerdigen, wenn sie darum bitten?

Bode: Zunächst einmal muss man die Entscheidung des Ausgetretenen ernst nehmen. Aber wer zur Kommunion kommt, wird nicht abgewiesen. Auch bei der Beerdigung gilt es, zunächst einmal den Willen des Verstorbenen zu akzeptieren, der die kirchliche Gemeinschaft verlassen hat. Aber manchmal kommt es vor, dass die Angehörigen gar nicht davon wussten. Ich kenne Fälle, in denen hätte man viel Schaden angerichtet, wenn man die Beerdigung verweigert hätte. Wir sollten da sehr großzügig sein.

Von Michael Althaus (KNA)