Ukrainerin berichtet von Hilfseinsätzen der Caritas

Wie eine Familie 40 Tage lang im Krieg überlebte

Aktualisiert am 30.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn  ‐ Olena Noha arbeitet beim ukrainischen Hilfswerk Caritas-Spes in Kiew. Seit zwei Monaten lebt sie in einer Flüchtlingsunterkunft in der Westukraine. Hier ist sie in Sicherheit. Im katholisch.de-Interview berichtet sie über die erschütternden Erlebnisse von Hilfseinsätzen in den befreiten Gebieten.

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Olena Noha arbeitet beim ukrainisch-katholischen Hilfswerk Caritas-Spes in Kiew. Vor zwei Monaten hat sich die Ukrainerin in eine Flüchtlingsunterkunft in die Westukraine zurückgezogen. Schon vor etwa zwei Monaten haben wir miteinander telefoniert. Jetzt berichtet sie im katholisch.de-Interview über die aktuelle Lage vor Ort und von den erschütternden Hilfseinsätzen der Caritas in den befreiten Gebieten.  

Frage: Frau Noha, wo sind Sie zurzeit?

Noha: Ich bin seit zwei Monaten in einem Flüchtlingshaus der Caritas-Spes in der Westukraine untergebracht und momentan relativ in Sicherheit. Mein Mann ist in Kiew geblieben und hilft dort, die Menschen in den Stadtgebieten zu versorgen. Er trägt den ganzen Tag eine Schutzweste. Seit Ostern werden alle größeren Städte in der Ukraine beschossen, also Kiew, Charkiw oder Odessa. Es ist schrecklich. Wir hören sogar hier die Bomben explodieren. Ich hoffe, dass wir nicht beschossen werden.

Frage: Was erzählen Ihnen die Menschen, die bei Ihnen im Flüchtlingszentrum ankommen?

Noha: Ich höre schreckliche Einzelheiten, die mich zutiefst erschüttern. Eine Kollegin, die fliehen konnte, erzählte mir, dass die Soldaten durch ihr Heimatdorf gingen und einfach nach links und rechts feuerten und dabei wahllos Menschen töteten. Sie lachten dabei noch. Ihr ist es glücklicherweise gelungen, zu Fuß weg zu laufen. Auf der Straße standen überall Autos. Sie sah, dass dort noch die Menschen drinnen waren. Alle erschossen, ganze Familien, Kinder. Niemand begräbt die Toten. Die Soldaten erlauben es nicht. Überall liegen Leichen. Es ist grausam, was Menschen einander antun können.

Bild: ©Caritas-Spes/Ukraine

Elena Noha (ganz rechts außen) arbeitet als Projektverantwortliche bei der ukrainisch-katholischen Caritas-Spes. Hier steht sie vor dem Flüchtlingszentrum in der Westukraine mit Frauen, die sich dort, genauso wie sie selbst, in Sicherheit vor dem Krieg gebracht haben.

Frage: Sind Ihre Kollegen von der Caritas auch nach Butscha gefahren?

Noha: Ja, gleich am ersten Tag nach der Befreiung ist unser Diözesan-Caritasdirektor, Pastor Witalij Uminski, gemeinsam mit Schwester Franziska und Ehrenamtlichen dort hingefahren. Sie brauchten eine spezielle Genehmigung, um in den Ort reinzukommen, aber sie haben es geschafft. Sie wurden von Militärs begleitet. Sie haben den Menschen Essen gebracht, denn sie hatten nach dieser wochenlangen Belagerung nichts mehr. Natürlich haben die Menschen riesige Angst, wenn jemand in den Ort kommt. Sie fühlen sich ständig in Gefahr. Aber wenn sie unser Hilfsauto mit dem Caritaslogo drauf sehen, vertrauen sie uns und kommen aus ihren Häusern oder Kellern heraus und beginnen zu erzählen. Viele sind völlig traumatisiert.

Frage: Was haben die Menschen dort erzählt?

Noha: Schwester Franziska hat mir gesagt, dass sie keine Worte findet, um zu beschreiben, was sie dort alles gesehen hat. Viele Frauen haben ihr von Vergewaltigungen berichtet, sogar Mädchen werden brutal misshandelt. Das ist nicht auszuhalten. Schwester Franziska hat eine Frau tot am Boden liegen sehen. Sie war unbekleidet und ihre Hände am Rücken zusammengebunden. Neben ihr lag ihr getötetes Baby. Es war nur wenige Monate alt. Sagen Sie mir bitte, wie soll man das aushalten?

Bild: ©Caritas-Spes/Ukraine

Ein Hilfstransporter der Caritas-Spes ist in der Ukraine unterwegs zu den Menschen, die dringend Hilfe benötigen.

Frage: Sie haben mir auch von einer Familie geschrieben, die sich im Keller versteckte und so überlebte ...

Noha: Ja, das ist ein Kollege von mir. Er kam nach seiner Flucht zu uns in das Flüchtlingszentrum und ist jetzt in der Westukraine in Sicherheit. Dass er mit seiner Familie überlebt hat, ist ein Wunder. Er wollte ursprünglich seine Familie nach Polen evakuieren und alleine zurückbleiben. Aber seine Frau wollte nicht ohne ihn gehen. Also blieben sie zusammen und versteckten sich im Keller. 40 Tage lang waren sie da unten. Immer wieder hörten sie oben im Haus Schritte. Es waren Soldaten, die sich umsahen und auch einiges mitnahmen. Als es einmal längere Zeit ruhig wurde, traute sich die Frau nach oben, um etwas zu holen. Plötzlich war ein Soldat im Raum. Er ließ die Frau in Ruhe, ihr Mann eilte ihr sofort zur Hilfe. Sie durften wieder in den Keller und die Familie blieb unversehrt. Es war wirklich ein Wunder, dass sie überlebt haben.

Frage: Wie konnte die Familie das Ganze durchstehen?

Noha: Der Mann erzählte mir, dass sein Haus das letzte an der Straße in diesem Dorf war. Gleich daneben war ein militärischer Stützpunkt. Auf dem Hof stand immer ein Panzer und es waren jede Woche andere Soldaten da. Sie wussten, dass eine Familie dort unten im Keller war. Aber sie haben ihnen nichts getan, Gott sei Dank. Die Familie hatte fließendes Wasser und Strom. Aber kein Brot. Das Wenige, das sie noch zum Essen hatten, gaben sie den Kindern. Der Mann hat die ganze Zeit gefastet. Weil er sonst auch regelmäßig vor Ostern faste, sei er es gewöhnt, fast nichts zu essen, hat er mir erzählt. Nur so habe er  überlebt. Ab und zu durften sie auch ins Haus nach oben gehen, und für die Kinder etwas Warmes kochen. Wir hatten seit Kriegsbeginn keinen Kontakt zu ihm. Erst vor kurzem hat er uns angerufen und erzählt, dass er und seine Familie noch am Leben sind. 

Frage: Was gab dieser Familie Kraft dort im Keller auszuharren?

Noha: Ich weiß, dass diese Familie tiefgläubig ist und fest davon überzeugt, dass ihr Schutzengel sie in dieser Zeit begleitet hat. Sie haben ständig zu Gott gebetet. Sie sagen, Gott habe sie gerettet.

Bild: ©Caritas-Spes/Ukraine

Menschen stehen vor einem Haus der Caritas-Spes in der Ukraine an. Sie warten auf Lebensmittel und Hygieneartikel.

Frage: Sie haben mir bei unserem ersten Gespräch vor einigen Wochen erzählt, dass sie versuchen, alle Kinder aus den Caritasheimen in der Ukraine zu evakuieren. Hat das funktioniert?

Noha: Ja, wir haben es geschafft, alle diese Kinder in Sicherheit zu bringen. Jetzt evakuieren wir die Kinder aus den staatlichen Waisenhäusern. In der Ukraine gibt es sehr viele Kinderheime. Es sind vor allem Vollwaisen, die hier leben. Meisten sind es Kinder, deren Eltern alkoholabhängig oder drogensüchtig sind oder im Gefängnis sitzen. Sie dürfen und wollen ihre Kinder nicht bei sich haben. Einige von diesen Kindern sind auch bei uns im Flüchtlingszentrum untergebracht. Gestern liefen zwei Mädchen durch den Flur und spielten Sirenenalarm. Alle Kinder, die hier bei uns ankommen, sind komplett traumatisiert. Aber sie leben noch. Laut Statistik wissen wir, dass in der Ukraine bislang 300 Kinder im Krieg gestorben sind. Die Kinder aus Mariupol sind da noch nicht mitgezählt. Wenn ich an Maripuol denke, dann bekomme ich Gänsehaut. Denn wir erwarten das Schlimmste.

Frage: Sie sind schon lange bei der Caritas in Kiew tätig. Hätten Sie gedacht, dass Sie so etwas miterleben würden?

Noha: Wissen Sie, erst vor vier Jahren war ich mit dem Maximilian-Kolbe-Werk in Deutschland mit Zeitzeugen unterwegs. Was uns die Überlebenden damals vom Zweiten Weltkrieg erzählt haben, ging mir sehr nahe. Ich habe viel geweint, als sie davon berichteten, welche Grausamkeiten sie ertragen mussten. Ich weiß noch, wie dankbar ich war, dass ich das nicht erleben musste und meine Kinder auch nicht. Wie ich mich getäuscht habe!

Bild: ©Caritas-Spes/Ukraine

Ein Osterbrot mit bemalten Eier. Ein Bild der Hoffnung für die Menschen, die im Caritas Flüchtlingszentrum Schutz vor dem Krieg finden.

Frage: Konnten Sie Ostern in der Unterkunft feiern?

Noha: Ja, wir haben sogar zweimal Ostern gefeiert, einmal katholisch und einmal orthodox. Und wir haben das Fest auch gebraucht, denn es ist ein Fest der Hoffnung. Es gab einen feierlichen Gottesdienst, die Kinder haben Eier bemalt und die Frauen Osterbrot gebacken. Der Priester hat die Brote gesegnet und jeder hat ein eigenes Brot geschenkt bekommen. Das war eine sehr berührende Geste. Die Stimmung war feierlich, trotz allem.

Frage: Hätten Sie jemals gedacht, in einer Flüchtlingsunterkunft Ostern feiern zu müssen?

Noha: Nein. Aber trotzdem war dieses Osterfest für mich etwas ganz Besonderes. Als der Priester sagte, dass das Leben nach dem Tod weitergeht, ging uns das sehr nahe. Alle hier haben in ihren Familien Tote zu beklagen. Jetzt haben wir erst verstanden, was Ostern uns hier und heute sagen will. Wir glauben, dass es nach dem Tod weitergeht. Am Gelände des Flüchtlingszentrums gibt es auch einen Kreuzweg. Früher war dieser Kreuzweg wie ein angenehmer Spaziergang für mich. Dieses Mal spürte ich, die gesamte Ukraine geht diesen Kreuzweg mit uns mit. Jede einzelne Station des Leidens Jesu ist jetzt unser Leiden. Aber wir wissen und hoffen auch, dass alle, die in diesem furchtbaren Krieg gestorben sind, jetzt unsere Engel im Himmel sind und auf uns aufpassen.

Bild: ©Caritas-Spes/Ukraine

Der Hauptgeschäftsführer der ukrainischen Caritas-Spes, Pfarrer Wjatscheslaw Grynewytsch, steht in einer völlig zerstörten Kirche.

Frage: Es gibt ein Bild auf der Facebook-Seite der Caritas-Spes, in dem ein Mitarbeiter der Caritas-Spes in den Ruinen einer völlig zerstörten Kirche steht. Für mich ist das ein starkes Hoffnungsbild.

Noha: Ja, unser Caritas-Hauptgeschäftsführer, Pfarrer Wjatscheslaw Grynewytsch, ist zu einer Symbolfigur für die Arbeit der Caritas in der Ukraine geworden. Er ist überall unterwegs, um den Menschen zu helfen und ihnen beizustehen. Es sind viele Menschen die zusammen mit ihm, sogar unter Beschuss, zu den Leuten gehen und ihnen Essen und Wasser bringen. Es ist unglaublich, wie mutig sie sind. Ich hätte Angst davor. Ein junger Freiwilliger war neulich bei uns im Zentrum und ich habe ihn gefragt, warum er bei den Hilfstransporten der Caritas mitfährt, weil es doch viel zu gefährlich sei. Er hat mir geantwortet: "Gott schickt mich. Jemand muss es ja machen, warum nicht ich?" Das ist Nächstenliebe.

Frage: Was brauchen Sie aktuell im Flüchtlingszentrum am meisten?

Noha: Wir sind so froh, dass wir hier in der Westukraine wieder einkaufen können. Wir bekommen viele Lebensmittel aus Polen und Ungarn geliefert. Das hilft uns sehr. Wir bitten immer um Spenden für Hilfsgüter, Lebensmittel oder Hygieneartikel. Es kommen jede Woche mehr als 300 Menschen zu uns, die auf der Flucht sind und nichts mehr bei sich haben. Sie brauchen unsere Hilfe. Und die Kinder brauchen Spielsachen oder Malutensilien. Unser Traum bleibt es, die überlebenden Menschen und vor allem die Kinder aus Mariupol herauszuholen und sie zu versorgen. Wir warten und hoffen. Beten Sie dafür, dass es bald möglich sein wird.

Von Madeleine Spendier