Der Kreuzweg: Jesus auch im Leiden nahe sein
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Beliebte Andachtsform mit langer Geschichte

Der Kreuzweg: Jesus auch im Leiden nahe sein

Am Karfreitag hat eine alte Andachtsform Hochkonjunktur: der Kreuzweg. Er ermöglicht es den Gläubigen, Jesus auch in seinem Leiden nahe zu sein. Katholisch.de erklärt die Geschichte und die gegenwärtige Struktur des Kreuzwegs - und zeigt auf, warum die Passion dennoch ein Weg der Hoffnung ist.

Von Roland Müller |  Bonn - 19.04.2019

Auch wenn Jesus Christus vor knapp 2.000 Jahren gestorben ist, haben viele Christen noch heute den Wunsch, dieses historische Ereignis möglichst hautnah zu erleben. Davon zeugen die vielen zehntausend Pilger aus aller Welt, die zu den Kar- und Ostertagen nach Jerusalem reisen, wo sich Leiden, Tod und Auferstehung Jesu ereignet haben. Wer keine Möglichkeit zur Wallfahrt ins Heilige Land hat, kann dennoch den Leidensweg Jesu im Geist miterleben und mit dem eigenen Körper mitgehen: durch das Beten des Kreuzwegs.

Seinen historischen Ursprung hat der Kreuzweg im Heiligen Land. Der historische Leidensweg Jesu, die Via Dolorosa in Jerusalem, diente als Vorbild für diese Andachtsform. Bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten sollen sich Pilger an den originalen Stätten auf die Spuren des Leidens Jesu begeben haben. Sie versammelten sich am Gründonnerstag am Ölberg und gedachten dort im Gebet der Todesangst Jesu. Am Karfreitag gingen die Wallfahrer den historischen Kreuzweg Jesu nach: Vom Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus bis zur Stätte der Kreuzigung, dem Berg Golgota.

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Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg. Der Pfarrer versteht die Betrachtung des Kreuzwegs als eine Weise, sich dem Leiden Jesu persönlich anzunähern. In seiner Einführung erklärt er, wie sich auch die eigenen Lebenserfahrungen auf diesem Weg wiederfinden lassen.

Handelte es sich zunächst noch um wenige Gläubige, die nach Jerusalem reisten, wuchs das Interesse der abendländischen Christen für das Heilige Land im Spätmittelalter enorm. Die Kreuzzüge förderten das Bewusstsein für die Bedeutung der historischen Wirkungsorte Jesu. Ab dem 14. Jahrhundert warben zudem besonders die Franziskaner für die christliche Pilgerfahrt ins Heilige Land. Dort führten sie die Besucher zu den Stätten, die eine Verbindung zum Leben Jesu haben – auch zum Weg, den Jesus vor seiner Kreuzigung zurückgelegt haben soll.

Bei ihrer Rückkehr aus Jerusalem erzählten die Pilger von den eindrucksvollen Erfahrungen. Einige begannen, in ihrer Heimat bestimmte Orte der Passion nachzubilden. Zunächst waren das oft nur die Burg Antonia, wo Pilatus Jesus zum Tod verurteilt hat, und der Kalvarienberg als Sterbeort Jesu an einem meist erhöhten Platz. Manchmal wurde besonderer Wert darauf gelegt, wie in Jerusalem die tatsächliche Distanz zwischen diesen Orten einzuhalten – wie etwa beim Kreuzweg in Lübeck, der aus dem 15. Jahrhundert stammt und damit der älteste deutsche Andachtsweg seiner Art ist. Mit der Zeit wurde es üblich, zwischen den beiden nachgebildeten Orten religiöse Prozession in Erinnerung an den Kreuzweg Jesu zu veranstalten.

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Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg. Dabei legt der Pfarrer einen besonderen Schwerpunkt auf die erste Station: Jesus wird zum Tod verurteilt. Jeder Mensch kennt die Situation, zu Unrecht beschuldigt zu werden, so Picken. Heute nenne man das Mobbing.

Die Leidensmystik des Mittelalters führte dazu, dass bald Gebetshalte eingefügt wurden, an denen die Gläubigen besonderer Ereignisse der Passion Jesu gedachten. Die Zahl variierte jedoch zwischen sieben, zwölf und 14 Halten. Die sogenannten "sieben Fälle" oder "sieben Gänge" waren jedoch die bekanntesten. Vorbild dafür war wahrscheinlich die Sieben-Kirchen-Wallfahrt in Rom, bei der es ebenfalls sieben Stationen auf dem Gebetsweg gibt. Aber auch die sieben Horen des kirchlichen Stundengebets könnten Einfluss auf die Ausbildung der Kreuzwegstationen gehabt haben.

Die heutige Zahl von 14 Stationen des Kreuzwegs ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt und wurde zwei Jahrhunderte später vom heiligen Leonhard von Porto Maurizio in ihrer heutigen Gestalt weltweit etabliert. Der italienische Franziskaner setzte sich auch dafür ein, dass vom Vatikan ein Ablass für das Beten des Kreuzwegs gewährt wurde. Ebenfalls zur Zeit des Heiligen wurde es üblich, nicht nur unter freiem Himmel, sondern auch innerhalb von Kirchen und Kapellen Abbildungen der Kreuzwegstationen zu errichten. Daraus entwickelte sich die gemeinsame Kreuzwegandacht, bei der nur noch ein Priester als Vorbeter die Stationen abschreitet, während die Gläubigen in den Kirchenbänken sitzen und sich den jeweiligen Bildnissen lediglich zuwenden.

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Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg. Dabei betont der Pfarrer besonders die siebte Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz. Der Kreuzweg kennt insgesamt drei Zusammenbrüche Jesu unter der Last des Kreuzes. Eine Erfahrung, die viele Menschen in ihrem Leben ebenfalls machen müssen.

Heute ist der Kreuzweg eine der beliebtesten Andachtsformen, vor allem in der Fastenzeit und während der Kartage. Er ermöglicht es den Gläubigen, die Passion Jesu nachzuvollziehen und dem Gottessohn auf diese Weise nahe zu sein. Das inzwischen wieder üblich gewordene gemeinsame Begehen der Kreuzwegstationen bietet den Gläubigen ein Bewegungselement, das zur aktiven Teilnahme an der Andacht beitragen kann. Zudem schätzen viele Teilnehmer an Kreuzwegen, dass es sowohl eine festgelegte Form mit genau beschriebenen Stationen gibt, die jedoch durch jeweils individuelle Betrachtungen und Gebete Abwechslung gewährleistet.

So ist es auch beim Kreuzweg, den der Papst jedes Jahr am Abend des Karfreitags im Kolosseum in Rom betet – er ist wohl der Kreuzweg mit den meisten Mitbetern weltweit, denn rund um das antike Bauwerk versammeln sich mehrere Tausend Gläubige. Doch auch im Fernsehen und im Internet verfolgen viele Millionen Katholiken das Gebet vor der stimmungsvoll erleuchteten Arena. Mit jährlich wechselnden Meditationen zum Kreuzweg machten die Päpste nach Johannes Paul II. auf aktuelle Themen aufmerksam. So wurden die Andachtstexte in den vergangenen Jahren etwa von einem chinesischen Kardinal, Jugendlichen aus dem Libanon, einer französischen Bibelwissenschaftlerin oder einer Aktivistin gegen Menschenhandel verfasst.

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Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg. Dabei legt der Pfarrer einen besonderen Schwerpunkt auf die zwölfte Station: Jesus stirbt am Kreuz. Damit teilt der Gottessohn das Schicksal aller Menschen: den Tod. Das Ende des Lebens sei das, "vor dem wir am meisten Angst haben", glaubt Picken.

Die heute üblichen 14 Stationen des Kreuzwegs bilden den Leidensweg Jesu in seiner eindrücklichen Dramatik ab. Dabei stützen sie sich größtenteils auf die Evangelien, wobei fünf Stationen dort nicht erwähnt werden. Jesu Verurteilung und seine Grablegung rahmen das Geschehen ein. Während des Kreuzweges wird in Erinnerung gerufen, dass Jesus das Kreuz auf seine Schultern nimmt, aber dreimal unter der Last zusammenbricht. Er erhält jedoch Hilfe von Simon von Zyrene, der Jesus beim Tragen des Kreuzes hilft, und von Veronika, die ihm sein Gesicht mit einem Tuch säubert. Zudem wird erzählt, wie Jesus seiner Mutter Maria und weinenden Jerusalemer Frauen während seines Leidenswegs begegnet. Den Abschluss bilden die Stationen, die von den Handlungen unmittelbar vor und nach Jesu Tod am Kreuz berichten.

Bei einigen modernen Kreuzwegdarstellungen gibt es zudem eine weitere Station: An dieser 15. Station wird anhand des leeren Grabes der Auferstehung gedacht. Andere Darstellungen thematisieren als Abschluss die Begegnung der Emmausjünger mit dem auferstandenen Christus oder die Auffindung des Kreuzes durch die heilige Helena. Ihnen allen gemein ist dieselbe Botschaft: Bei Gott hat der Tod nicht das letzte Wort.

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Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg. Dabei endet der Pfarrer jedoch nicht mit der Grablegung Jesu, denn der Tod hat bei Gott nicht das letzte Wort. Aus dem gleichen Grund schließen einige zeitgenössische Kreuzwege mit einer 15. Station: der Auferstehung Christi.

Die 14 Kreuzwegstationen im Überblick

  1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt (Mt 27,11-26)
  2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern (Mt 27,27-31)
  3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
  4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter (wird nicht in der Bibel erwähnt)
  5. Station: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen (Mt 27,32)
  6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch (wird nicht in der Bibel erwähnt)
  7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
  8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen (Lk 23,27-31)
  9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
  10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt (Mt 27,35)
  11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt (Lk 23,33-43)
  12. Station: Jesus stirbt am Kreuz (Mt 27,45-51,54)
  13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt (Joh 19,38)
  14. Station: Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt (Mt 27,57-66)

Von Roland Müller

Stadtdechant Wolfgang Picken erklärt den Kreuzweg

In unserer fünfteiligen Video-Reihe erklärt der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken den Kreuzweg. Er geht auf die Bedeutung der einzelnen Stationen des Kreuzwegs ein und zeigt ihre Verbindung zu persönlichen Erfahrungen der heutigen Gläubigen auf. Die Videos wurden in der Stiftskirche Sankt Johannes Baptist und Petrus in Bonn aufgenommen. Die Kreuzwegstationen wurden vom niederländischen Bildhauer Hendrik van der Geld (1838-1914) gestaltet.