Zwischen Diät und Selbstoptimierung

Worum geht es in der Fastenzeit wirklich?

Aktualisiert am 07.03.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ "Was fastest du?" Dieser Satz ist uns allen in der letzten Woche wohl ziemlich häufig begegnet. Und die Antworten reichten von Süßigkeiten bis Netflix. Aber ist das "was" eigentlich die richtige Frage in der Fastenzeit? Etwas anderes ist viel wichtiger.

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In der letzten Woche hat an Aschermittwoch die Fastenzeit begonnen. Gemeinsam mit dem ersten Januar ist das wohl der Tag im Jahr, an dem die meisten Diäten beginnen und alte Gewohnheiten abgeschafft werden sollen – viele Januarvorsätze werden dabei ungefähr so lange eingehalten, wie auch die Fastenzeit andauert (wenn überhaupt). Die Woche war geprägt von einer ganz bestimmten Frage der Freunde und Kollegen: "Was fastest du?" Die Antworten, die man hier bekommt, sind mannigfaltig. Keine Süßigkeiten, kein Alkohol, kein Netflix und – in meinem Fall: Kein Reality TV. Es wird Detox betrieben und selbstoptimiert was das Zeug hält.

Die Fastenzeit im Christentum

Dabei ist "Was fastest du?" eigentlich gar nicht die spannende Frage. Vielmehr sollten wir uns darüber miteinander unterhalten, warum wir eigentlich fasten. Im Christentum ist das Fasten kein Selbstzweck, sondern dient der Besinnung auf das Wesentliche. Wir verzichten auf Dinge, die uns von Gott ablenken und schaffen Zeit für unseren Glauben und unsere Beziehung zum Herrn. Mit der Fastenzeit tun wir es Jesus gleich, denn auch er hat in der Wüste 40 Tage lang gefastet. Klassischerweise wird in der Fastenzeit dabei nur einmal am Tag eine richtige Mahlzeit zu sich genommen, freitags wird kein Fleisch gegessen. Sonntags sowie an Festtagen bricht man das Fasten. In der Praxis fasten mittlerweile viele Katholiken aber unterschiedliche Dinge. Auch daran sieht man, dass das "Was fastest du?" eigentlich gar nicht so wichtig ist. Die Fastenzeit ist außerdem nicht nur vom Verzicht und Gebet geprägt. Christen wollen ihren Mitmenschen in dieser Zeit auch etwas zurückgeben. Das können Spenden an eine gemeinnützige Organisation sein, oder man schenkt seinem Umfeld einfach mehr Aufmerksamkeit, macht Komplimente und hilft jemandem bei einer unliebsamen Aufgabe.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Ein Evangeliar liegt im Sand. Das Kapitel zur Fastenzeit, der vorösterlichen Bußzeit, mit dem Evangelium vom Aschermittwoch ist aufgeschlagen.

Die Fastenzeit gibt es nicht nur im Christentum. Viele Religionen haben eine ähnliche Tradition. Und auch viele Nicht-Gläubige Menschen fasten. Denn eines können wir dem alle abgewinnen: Die Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist. Keine Süßigkeiten, um abzunehmen? Kein Reality-TV, um mehr Bildungsfernsehen zu schauen? Das ist nicht der Sinn des Fastens und genau das unterscheidet die Fastenzeit eigentlich vom Monat Januar. Vielmehr sollte es nämlich heißen: Keine Süßigkeiten, um mit mehr Dankbarkeit auf das zu schauen, was wir haben. Oder kein Reality-TV, um mehr Zeit zu haben, sich mit sich selbst und seinem Gegenüber auseinanderzusetzen. Es kommt eben nicht auf das "was", sondern vor allem auf den Grund an.

Achtsamkeit ganz ohne Selbstoptimierung

Und noch ein Aspekt ist an der Frage "Was fastest du?" problematisch. Schon in der Bibel steht: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten." (Mt 6.16). Die Frage nach dem "was" verleitet dazu, sich mit den Dingen, auf die man verzichtet, zu übertrumpfen. "Wow, du fastest nicht nur Schokolade, sondern lebst in der Fastenzeit auch noch vegan?" Wieder lenkt das vom eigentlichen Sinn der Fastenzeit ab. Viel schöner wäre es doch, wenn wir sagen könnten: "Wow, du willst in dieser Zeit achtsamer mit deinen Freunden umgehen?" Also nehmen wir uns doch alle vor, in den nächsten Wochen in uns zu gehen und zur Ruhe zu kommen. Nehmen wir uns vor, mehr auf unsere Mitmenschen zu achten, hilfsbereiter zu sein und ihnen Freude zu bereiten. Das kleine Fünkchen Glück, dass wir damit säen verändert uns und andere dann von allein – ganz ohne den Vorsatz von Selbstoptimierung.

Von Meike Kohlhoff