Zisterzienserin Maria Petra Articus über die Bedeutung ihres Amtes

Äbtissin: Im Kloster sind wir unabhängig vom Patriarchat der Männer

Aktualisiert am 20.05.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Landshut ‐ Die Ordensfrau Maria Petra Articus leitet die Zisterzienserinnenabtei Seligenthal in Landshut. Als Äbtissin trägt sie die Amtszeichen Stab und Ring. Im Gespräch mit katholisch.de berichtet sie, warum ihre Weihe kein Sakrament ist und welche Tipps sie Frauen gibt, um erfolgreich zu leiten.

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Im Alter von 50 Jahren wurde Schwester M. Petra Articus neue Äbtissin der Zisterzienersinnenabtei Seligenthal in Landshut. Heute ist sie 74 Jahre alt und blickt auf eine erfüllte Zeit im Kloster zurück. Sie hätte einmal sogar Äbtissinpräsidentin werden können. Doch sie lehnte ab. Statt auf Karriere setzte Articus lieber auf ein gutes Miteinander in der Kirche. Als Äbtissin trägt Articus die gleichen Insignien wie ein Bischof, also Stab, Ring und Brustkreuz. Im Interview erklärt sie, welche Bedeutung diese Würdezeichen für sie haben. 

Frage: Schwester Petra Articus, was genau ist auf Ihrem Brustkreuz zu sehen?

Articus: Das Pektorale, das ich trage, zeigt das Lamm Gottes mit der Siegesfahne. Ich habe erst kürzlich herausgefunden, dass der Abt von Heiligenkreuz ein Brustkreuz trägt, das genauso aussieht wie meines. Ich habe insgesamt sieben Brustkreuze zu meiner Weihe geschenkt bekommen.

Frage: Wurde Ihnen das Brustkreuz bei der Weihe umgelegt?

Articus: Nein, das Kreuz trage ich seit meiner Wahl zur Äbtissin. Damals haben mir meine Mitschwestern in einem besonderen Akt den Gehorsam versprochen. Das Brustkreuz hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon an. 

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Das Brustkreuz der Äbtissin von Seligenthal zeigt das Lamm Gottes mit der Siegesfahne. Es ist ein österliches Symbol für Christus, den Auferstandenen.

Frage: Was haben Sie damals gedacht, als Sie zur Äbtissin gewählt wurden?

Articus: Ich habe mich gefreut, dass meine Mitschwestern mich schätzen und mir dieses Amt zutrauen. Damals war ich schon 30 Jahre im Kloster. Ich wusste, was auf mich zukommt.

Frage: Sie wurden 1999 zur Äbtissin geweiht. Wer hat Sie damals geweiht?

Articus: Den Festgottesdienst zelebrierte der frühere Regensburger Bischof Manfred Müller. Die Ordensregel, den Ring und den Stab hat mir allerdings unser Generalabt Maurus Esteva überreicht.

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Auf dem Ring, den Äbtissin M. Petra Articus trägt, ist ein Christuskopf abgebildet. Dieses Schmuckstück hat ihr ihre leibliche Schwester zur Weihe geschenkt.

Frage: Wurde Ihnen der Ring angesteckt?

Articus: Ja, der Generalbt hat mir den Ring an den Finger gesteckt.

Frage: Was ist auf Ihrem Ring zu sehen?

Articus: Ich habe zur Weihe einen im Kloster schon vorhandenen Ring mit einem Stein und dem Pax-Symbol angesteckt bekommen. Der Ring, den ich täglich trage, ist ein anderer. Den habe ich von meiner leiblichen Schwester geschenkt bekommen. Ich mag ihn, weil er so schlicht ist. Darauf ist ein Christuskopf abgebildet. Ich schaue ihn immer an und denke mir dann, für dich bin ich eingetreten, dir danke ich für meinen Weg, deinen Willen will ich erfüllen. So erneuere ich meine Gottesbeziehung jeden Tag. Der Ring symbolisiert auch die Verbundenheit zu meinem Konvent. 

Frage: Lagen Sie bei Ihrer Weihe auch ausgestreckt am Boden?

Articus: Ja, ähnlich wie bei einer Diakonen-, Priester- oder Bischofsweihe habe ich ausgestreckt am Boden gelegen. Aber die Äbtissinnenweihe ist keine sakramentale Weihe, sondern nur eine feierliche Segnung. Damit erhalte ich den kirchlichen Segen für den Dienst als gewählte Äbtissin in meiner Gemeinschaft. Die Historikerin Annalena Müller schreibt in einem Artikel, dass die Benediktion aber einer Weihe entsprechen würde, weil sie früher mit mehr Rechten verbunden war als sie es heute ist. Für mich selbst spielt das keine Rolle.

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Die Schola begleitet täglich das Chorgebet der Ordensfrauen im Kloster. Ist die Äbtissin anwesend, wird die Krümme ihres Stabes nach vorne gedreht.

Frage: Es gab früher Äbtissinnen, die bei der Weihe sogar eine Mitra aufgesetzt bekamen…

Articus: Ja, das stimmt. Früher hatten Äbtissinnen tatsächlich mehr Macht und Einfluss. In besonderen Fällen, wie etwa bei den spanischen Zisterzienserinnen von Las Huelgas oder im italienischen San Benedetto in Conversano, hatte auch die Äbtissin eines Klosters solche quasi-bischöflichen Vollmachten. Bis 1873 wurde ihnen auch die Mitra bei der Weihe übergeben. Sie besaßen sehr viel geistliche und weltliche Macht und führten wie die männlichen Ordensoberen den Titel eines Prälaten. Die Äbtissin von Las Huelgas beispielsweise war auch Vorsteherin einer kirchlichen Pilgerstätte nach St. Jakob de Compostella und übte daher mehr Macht aus als der Ortsbischof. Sie konnte zum Beispiel die Priester selbst auswählen, die in ihrem Bereich wirkten. Sie las auch im Gottesdienst das Evangelium vor und deutete es, was dem Bischof der Diözese ein Dorn im Auge war. Das war für die Äbtissin und den Bischof bestimmt eine Herausforderung. Ich finde, in der Kirche sollten wir nicht miteinander konkurrieren, sondern zusammenarbeiten.

Frage: Macht es Sie nicht traurig, wenn Sie zwar die gleichen Insignien wie ein Bischof tragen, aber nicht die gleichen Vollmachten haben?

Articus: Früher hätte mich das traurig gemacht. Als junge Frau wollte ich unbedingt Priester(in) werden und ich war sehr unglücklich darüber, dass es nicht möglich war. Damals habe ich wirklich darunter gelitten. Ich weiß noch, als ich im Unterricht von meinen Schülerinnen gefragt wurde, ob das für mich nicht verletzend sei, dass eine Frau nicht Priesterin werden kann, nur weil Jesus ein Mann war. Ich empfand es da aber für mich persönlich nicht mehr so schlimm. Heute denke ich, das Priestertum darf nicht am Geschlecht festgemacht werden.

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Äbtissin M. Petra Articus im Gespräch mit dem Spiritual der Zisterzienserinnenabtei Seligenthal, Pater Bonifatius B. Allroggen.

Frage: Fühlen Sie sich als Äbtissin zurückgesetzt?  

Articus: Nein, dieses Gefühl, dass ich als Frau eine schlechtere Rolle in der Kirche habe, hatte ich nie. Im Gegenteil. Wir sind im Kloster sehr selbständig und können unser Leben selbstbestimmt und unabhängig vom Patriarchat der Männer leben. Wir unterstehen zwar unserem Generalabt, aber wir werden nicht von ihm bevormundet. Als ich unser Kloster komplett renoviert habe, habe ich den Generalabt davon nur in Kenntnis gesetzt. Ich habe ihn dafür aber nicht um seine Erlaubnis gebeten. Wir Frauen sind in unserem Orden weitgehend gleichberechtigt mit den Männern. Wir dürfen beim Generalkapitel genauso wie die Männer wählen. Nur können wir nicht selbst gewählt werden. Eine Generaläbtissin gibt es bis heute noch nicht, weil dieses Amt an die Priesterweihe gebunden ist. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die für die Weihe von Frauen emanzipierter kämpfen als ich. Ich bin mit meinen Aufgaben als Äbtissin zufrieden. Mir ist es wichtig, dass ich mein Glaubenszeugnis geben kann, dafür brauche ich für mich das Amt des Priesters oder des Bischofs nicht. Ich darf die Heilige Messe zwar nicht lesen und das Messopfer nicht feiern, aber ich kann alles mitfeiern. Ich kann genauso für Gott da sein und meinen Glauben leben. Heute fehlt mir nichts mehr.  

Frage: Aber selbst ein Abt, der Ihnen gleichgestellt ist, darf mehr als Sie... 

Articus: Ja, der kann zum Beispiel auch eine Firmung spenden, das darf ich nicht. Aber das macht mir nichts aus. Ich hatte einmal sogar die Chance gehabt, Äbtissinnenpräsidentin zu werden. Unser Generalabt wollte die von Seligenthal ausgehenen Klöster in einer neuen Kongregationen zusammenschließen und mich als Chefin haben. Dagegen habe ich mich gewehrt.  

Frage: Viele Menschen würden das wohl für eine typisch weibliche Reaktion halten. Ein  Mann hätte zu so einem Karrieresprung vermutlich sofort Ja gesagt…  

Articus: Nein, wir wollten als Gemeinschaft selbständig bleiben und nicht einer Kongregation angehören und das durften wir auch eigenständig entscheiden. Das war gut so.

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Im Büro von Äbtissin Sr. M. Petra Articus. Sie leitet das Kloster der Zisterzienserinnen in Seligenthal in Landshut.

Frage: Wann tragen Sie Ihren Krummstab?

Articus: Bei Prozessionen und bei feierlichen Anlässen habe ich meinen Stab immer dabei. Ansonsten steht der Äbtissinnenstab, den ich von meiner Vorgängerin übernommen habe, fest im Chorraum, immer mit der Krümme nach vorne. Wenn ich für eine Zeit nicht in der Abtei bin, dann wird die Krümme des Stabes nach hinten gedreht. Dieser Hirtenstab ist für mich ein Symbol für das Dienen. Ich diene als Äbtissin meinen Mitschwestern. Ich bin für sie da, ich bin ihre Fürsorgerin. Natürlich habe ich als Äbtissin auch Fehler gemacht und meine Mitschwestern überfordert. Ich wollte zu schnell vieles machen und habe dafür auch Gegenwind erfahren. Zum Beispiel als ich unser Haus generalsaniert habe. Da gab anfänglich es viel Kritik und viele Tränen. Aber ich habe den Neubau als notwendig erachtet. Heute sind die Schwestern froh darüber. Als Äbtissin muss man so führen können, dass sich die Schwestern weiterentwickeln können und dass die Gemeinschaft lebendig bleibt. Es gibt in einem Kloster so viele unterschiedliche Meinungen und jede Mitschwester hat im gewissen Sinne neben dem Stundengebet ihren eigenen spirituellen Stil. Da gilt es alle unter einen Hut zu bekommen.

Frage: Auf Ihrem Wappen ist auch ein Schlüssel abgebildet?

Articus: Ja, das ist richtig. Ich habe mir beim Eintritt ins Kloster den Ordensnamen Petra ausgesucht. Ich wollte so heißen, weil der Apostel Petrus für mich ein Vorbild ist. Der Schlüssel ist ein Symbol für Petrus. In seinem Temperament und von seiner Persönlichkeit her fühle ich mich ihm nahe. Er war wankelmütig und standfest zugleich, beides kenne ich auch von mir. Er hat Jesus verleugnet und gleichzeitig ist er für Jesus in den Tod gegangen. Ich mache als Äbtissin auch Fehler. Aber Jesus gibt mir immer wieder die Chance neu anzufangen. Das tröstet mich. In der Benediktsregel steht, man solle nie an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln. Petrus hat nach der Begegnung mit dem Auferstanden und am Schluss seines Lebens nicht mehr gezweifelt. Mir wurde von der Mitschwester, die das Wappen entworfen hat, noch eine Rose unter den Schlüssel dazugesetzt. Die Rose steht für Kreativität und die gewünschte Sensibilität, die eine Äbtissin haben sollte, um das Amt in rechter Weise ausführen zu können. Es geht nicht um Herrschaft und Macht, sondern um Liebe.

Frage: Werden Sie als "Mutter Petra" von Ihren Mitschwestern angesprochen?

Articus: Meine Vorvorgängerin hat sich als hochwürdige Mutter ansprechen lassen. Ich habe nach meiner Wahl gesagt, ich will nur Schwester Petra sein. Meine Mitschwestern wollten aber Mutter zu mir sagen. Wissen Sie, als ich Äbtissin wurde, war ich 50 Jahre alt. Der Großteil der Schwestern war älter als ich. Wenn eine 90-Jährige zu mir Mutter sagt, dann passt das einfach nicht mehr. Es gibt Gemeinschaften, die sprechen ihre Äbtissin immer nur als Mutter an. Da gefällt mir Mutter Petra schon besser. Ich habe als Äbtissin keine Sonderstellung im Konvent. Daher gefällt mir die Anrede Schwester Petra am besten. So melde ich mich auch mit Maria Petra am Telefon.

Bild: ©Dreifoto/Abtei Seligenthal

Äbtissin M. Petra Articus (links) in der alten Bibliothek der Abtei Seligenthal im Kreis ihrer Mitschwestern

Frage: Haben Sie jemals an Ihrer Berufung gezweifelt?

Articus: Nein, an meiner Berufung habe ich nie gezweifelt. Schon bei meinem Eintritt ins Kloster wusste ich, was Gott von mir will und was ich will: Von hier gehe ich nicht mehr weg.

Frage: Wie lange sind Sie noch im Amt?

Articus: Nächstes Jahr werde ich 75 und dann trete ich zurück. Früher wurden Äbtissinnen oft auf Lebenszeit gewählt. Heute ist das anders und manche Klöster wählen ihre Vorsteher nur noch auf zehn Jahre.

Frage: Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?

Articus: Wenn ich zurückschaue auf meine Amtszeit, dann war ich manchmal zu streng mit einzelnen Mitschwestern, weil sie unpünktlich waren oder nicht an den täglichen Gebetszeiten teilgenommen haben. Heute bin ich nachsichtiger geworden. Es geht darum, dass man im Kloster die Lebenswirklichkeit von drinnen mit der von draußen zusammenbringt. Wenn eine Äbtissin das beherzigt, dann kann eine Gemeinschaft ihren Glauben gut leben. Man kann so vieles kaputt machen durch zu strenge Regeln und Unbarmherzigkeit. Es geht um Vertrauen und Zutrauen. Mein Wahlspruch als Äbtissin lautet: "Die Freude an Gott ist unsere Kraft". Das will ich bis an mein Lebensende weitergeben.

Von Madeleine Spendier