Die geheime Bedeutung biblischer Ortsangaben

Anders Bibellesen: Mit der Heiligen Schrift auf geistiger Pilgerreise

Aktualisiert am 23.07.2022  –  Lesedauer: 
Anders Bibellesen: Mit der Heiligen Schrift auf geistiger Pilgerreise
Bild: © KNA

Stuttgart ‐ Geografische Räume haben in der Bibel oft eine symbolische Bedeutung. Sie wollen gar keine korrekte historische Angabe sein, ein berühmtes Beispiel ist Betlehem als Geburtsort Jesu. Solche Orte können daher – neben dem realen Besuch – im meditierenden Lesen eine großartige Kraft entfalten.

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Das "Land ist das fünfte Evangelium"! Dieser berühmte Satz von Pater Bargil Pixner gilt sowohl für die ersten Pilgerinnen wie zum Beispiel die Nonne Egeria im 4. Jh. n. Chr. als auch für moderne Pilgergruppen. Biblische Orte, Landschaften, ja ganze Länder, Wege, Gebäude oder Städte sind begehbar und begreifbar als historische, reale Orte – manche bis heute. Ihre reale Existenz erdet und verortet das biblische Bekenntnis.
Gleichzeitig verweisen so gut wie alle räumlichen Aussagen in biblischen Texten über sich hinaus. Sie sind Dienerinnen und Diener der unterschiedlichsten Theologien biblischer Autorinnen und Autoren. Dieser enge Zusammenhang von Theologie und Ortsbeschreibung ist es, der eine historisierende und fundamentalistische Lektüre biblischer Texte grundlegend verhindert.

Man geht am Text vorbei, wenn die Frage "Wo hat sich was genau und wie ereignet?" zum einzigen Kriterium wird. Die theologischen Perspektiven gehören mit zur Erkundung eines Textes: Was bedeutet dieser Ort theologisch? Welche anderen Ereignisse der biblischen Tradition sind mit ihm verknüpft? Welche theologische Botschaft transportiert ein Ort, eine Landschaft, ein Weg …? Verweigert man sich diesen Aspekten, wandelt man auf biblizistischen Irrwegen, wird den einzelnen Texten und häufig auch der engen Verbundenheit beider Teile des biblischen Kanons nicht gerecht.

Die Frage nach Orten in der Biografie Jesu ist voller Theologie

Sehr eindrücklich wird das zum Beispiel in der historischen Erinnerung, dass Jesus aus Nazaret stammt. Das hindert die beiden Evangelisten Lukas und Matthäus nicht daran, die theologische Herkunft Jesu, des Sohnes Davids mit Betlehem, der Stadt Davids, zu verknüpfen. Beide finden allerdings unterschiedliche narrative Wege, um die Orte Nazaret und Betlehem in der Biografie Jesu zu verankern. Bei Lukas bricht die Familie von Nazaret auf nach Betlehem wegen einer Volkszählung (vgl. Lk 2,4), so wird Jesus am theologisch "richtigen" Ort geboren, Jesus wächst danach in Nazaret auf. Bei Matthäus lebt die Familie in Betlehem (vgl. Mt 2,1.11) und zieht nach der ägyptischen Phase nach Nazaret (vgl. Mt 2,23). Dass Matthäus Jesus aus Ägypten kommen lässt, ist eine theologische Aussage und wird wiederum mit Hosea 11,1 begründet. Schon allein die Kindheitsgeschichten zeigen deutlich wie sehr Ortsangabe und Theologie literarisch verbunden sind. 

Dabei geschieht das Ineinander von Theologie und Ortsangabe so unhistorisch, dass dies vermutlich auch für die ersten Leserinnen und Leser erkennbar war. Oder berühmte historische Straßen, Wege und Routen wie zum Beispiel die Sammlung der römischen Truppen in Caesarea Philippi und die von dort startende Eroberung Jerusalems unter der Führung des späteren Kaisers Vespasian sind zumindest in der römischen Gemeinde des Markus vermutlich bekannt. Erst auf dieser Wissensfolie wird der analoge Weg Jesu von Caesarea Philippi (vgl. Mk 8,27) nach Jerusalem wie von selbst als "Siegeszug" des eigentlichen Königs und Retters und als Gegengeschichte wahrnehmbar. Die "Marschroute" ist eine theologische Pointe!

Bild: ©picture alliance / Liszt Collection

Jesus statt Vespasian: Über Ortsangaben stilisiert das Markusevangelium den Wanderprediger als wahren Kaiser.

Die biblischen Ortsangaben und Theologien kreisen immer wieder um die Thematik des gelingenden Wohnens im Land. Zum innersten Zentrum des Landes wird die Stadt Jerusalem, der Ort des Tempels, der Berg Zion. Historisch hat Jerusalem von seinen Anfängen (erste schriftliche Erwähnung einer Besiedlung in der mittleren Bronzezeit) über die biblische "Davidstadt" auf dem kleinen Höhenrücken südlich des heutigen Tempelberges bis hin zur heutigen Großstadt mit fast einer Million Einwohner eine bewegte politische wie religiöse Geschichte.

Beginnend mit einem vorbiblischen Kultplatz, über die beiden jüdischen Tempel ist dieses Plateau nördlich der alten Davidstadt heute eines der wichtigsten muslimischen Heiligtümer (nach Mekka und Medina). Die Situation am realen Ort ist religiös wie politisch aufgeladen und nur mit Mühe befriedet. Gleichzeitig verortet auch das Christentum in Jerusalem als heiliger Stadt (neben Rom) die zentralen Ereignisse von Passion und Auferstehung Jesu.

Die Situation von Jerusalem zeigt den Status der Gottesbeziehung an

Biblische Texte beschreiben die wechselvolle historische Geschichte Jerusalems von blühender Stadtentwicklung oder Zerstörung, von Armut und Reichtum, von Gerechtigkeit oder Machtmissbrauch als gedeutete Geschichte. In den Erzählungen über Könige, Prophetinnen und Propheten, schließlich über Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger werden das jeweilige Geschick der Menschen und der Steine Jerusalems immer aus einer theologischen Perspektive im Rückblick erzählt und bewertet. Verwirklichen die Einwohnerinnen und Einwohner ein Leben in Gottesnähe und "treu seinem Wort" ist alles gut, wenden sie sich ab, wird die Stadt zerfallen – so das Grundmuster. Jerusalem (wie auch das Land Israel in seinen ganz unterschiedlichen Grenzen) wird innerbiblisch mehr und mehr zu einem theologischen Symbol.

Getragen wird das Auf- und Ab der Geschichte der Stadt vom Vertrauen darauf, dass Gott sich nie endgültig abwenden wird: "Du aber, JHWH, du thronst für immer und ewig und das Gedenken an dich dauert von Geschlecht zu Geschlecht. Du wirst dich erheben, dich über Zion erbarmen, denn es ist Zeit, ihm gnädig zu sein, die Stunde ist da." (Ps 102,13f.) So werden Jerusalem und der Tempel zur Metapher, in die jeweils die aktuelle historische Erfahrung eingeschrieben werden kann. In poetischer Sprache betet daher Psalm 102,15 weiter: "An seinen Steinen hängt das Herz deiner Knechte."

Diese Herzensbindung an Jerusalem kann sich auch deshalb nicht lösen, weil die theologische Perspektive der Ortslage eindeutig ist: Hier wohnt Gott. Das ist der Gottesberg. Hier ist der Tempel, hier steht der Thron JHWHs. Deshalb kann Gott in den Psalmen sogar mit diesem sicheren Ort identifiziert werden: "Mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht." (vgl. Ps 18,3 u. ö.). Selbst wenn die reale Situation in Jerusalem zur Verzweiflung führt, wenn "Zion sagt: JHWH hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen", selbst in dieser existentiellen Not der Stadt Jerusalem antwortet Gott selbst mit einer Zusage: "Ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern sind beständig vor mir." (vgl. Jes 49,14–16)

Eben weil Jerusalem der Ort ist, an dem sich die Beziehung Gottes mit seinem Volk zentriert, ist nichts anderes vorstellbar, als dass auch die Ereignisse um Tod und Auferstehung Jesu in Jerusalem verortet sind. Zwar bindet sich die Gegenwart Gottes nicht mehr allein an die Stadt und den Tempel, der Vorhang ist zerrissen (vgl. Mt 27,51) und der Geist wirkt auch außerhalb Jerusalems (Apg 2,3; 13,4), aber dennoch bleibt Jerusalem literarisch der Hoffnungsort bis in die letzten Zeilen der Bibel (Offb 21,2–3): "Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem … er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein."

Bild: ©picture-alliance/akg-images

Auch im letzten Buch der christlichen Bibel lenkt der der Engel Johannes' Blick auf Jerusalem.

Ein weiteres Beispiel örtlich-theologischer Redeweise ist der Erzählzusammenhang von Befreiung aus "Ägypten", dem Sklavenhaus, die Offenbarung am Gottesberg und die 40 Jahre andauernder Wanderung bis zur Ankunft im Land über eine Furt am Jordan. Eine kleine Auswahl der literarischen Aufnahmen kann das verdeutlichen:

  • Wie das Volk so wandert Elija 40 Tage und Nächte durch die Wüste. Wie das Volk begegnet er am Gottesberg der Stimme Gottes, wenn auch nicht im Donner, sondern in einer "Stimme verschwebenden Schweigens". Nach dieser Begegnung kehrt Elija mit neuen Aufgaben zurück ins "Land".
  • Auch Jesu selbst beginnt nach der Offenbarung bei der Taufe, sein Wirken erst nach einem 40-tägigen Aufenthalt in der Wüste. Jesu Predigt beginnt also am Jordan nach einem Wüstenaufenthalt. So kann seine Verkündigung vom Kommen des Reiches Gottes wie eine neue Ankunft des Volkes im Land interpretiert werden.
  • Bei Matthäus muss Jesus, der als neuer Mose dargestellt wird, erzählerisch zunächst nach Ägypten fliehen, damit er von dort in sein Land einziehen kann. Als neuer Mose stilisiert, spricht Jesus die Bergpredigt (Matthäus 5–7) natürlich auf einem Berg (mit anderem theologischen Akzent gestaltet Lukas eine Feldrede in Lk 6,17–49).
  • Jesus nimmt (wie einst Mose die 70 Ältesten) drei seiner Jünger mit zu einer Offenbarung auf dem Berg. Sie werden Zeugen der Begegnung von Elija, Jesus und Mose, die in Gegenwart der göttlichen Wolke und Präsenz stattfindet (vgl. Mk 9,2–10 par.).
  • Wie eine der vielen Speisungen mit Manna auf der Wüstenwanderung werden die unterschiedlichen Erzählungen von Brotvermehrungen zu Beispielen, die von Gottes nährender Fürsorge für das wandernde Gottesvolk zeugen.

All diese Wegmotive aus der Exodustradition immer neu in biblische Geschichten einzuschreiben, bindet die vielen einzelnen Wege in den großen Heilskontext ein. Für die Lesenden gibt das Erkennen der Wiederholungen und Aufnahmen ein Zeugnis von Gottes Führung durch alle Generationen und provoziert damit Vertrauen und Sicherheit.

Spirituelle Trance bei biblischen Ortserkundungen

In das Spannungsfeld von historischen Realitäten und theologischen Deutungen mischt sich eine dritte Achse beim Lesen biblischer Texte. Die Wirkung biblischer Texte ist nicht nur darauf begrenzt, dass eine bestimmte Aussage literarisch transportiert wird und als Botschaft oder das Ziel eines biblischen Textes erarbeitet werden kann.

Die jüdisch-christliche Lesegemeinschaft praktiziert schon immer auch eine geistliche oder identifizierende Lektüre, die dazu einlädt, sich selbst beim Lesen und Meditieren im Ort des Textes wiederzufinden. Es ist eine der wichtigsten Kulturleistungen sich spirituell mit einem Text zu verbinden, Trost und Motivation aus und in literarischen Texten zu erleben, an den Ort eines Textes in Solidarität mit den Leidenden oder im Jubel der Erlösten mitzugehen. In einer spirituellen Trance selbst mitten im Text zu sein.

Ein Freund sagte mir: "Ich traue mich nicht, wirklich ins Heilige Land zu fahren. Denn ich bin ständig innerlich beim Lesen der Schrift am See und in Jerusalem. Was mache ich, wenn ich beim realen Besuch meine innere Heimat verliere?"

Dieses Wagnis sollte mein Freund eingehen, dazu versuche ich ihn immer mal zu ermutigen. Vermutlich wäre die reale Ortsbegegnung für ihn eine ebenso große spirituelle Herausforderung wie für andere der Weg vom Text, zur historischen Rückfrage und zur theologischen Aussage und von da aus dann auch zur inneren Reise aufzubrechen. Das biblische Wort wird zum Gotteswort genau in der Spannung dieser drei Aspekte: Ortsangabe, Theologie und Wagnis zur spirituellen Erfahrung. So kann wahr werden: "Jeder ist dort geboren!" (Ps 87,5)

Von Katrin Brockmöller

Zur Autorin

Dr. Katrin Brockmöller ist Alttestamentlerin, geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e.V. und Schriftleiterin der Mitgliederzeitschrift Bibel und Kirche.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Bibel und Kirche. Die Themenhefte Bibel und Kirche erscheinen viermal im Jahr und informieren über aktuelle Forschungsdiskussionen, spannende kirchliche Entwicklungen und neue pastorale Möglichkeiten mit der Bibel.