"Zeichen und Wunder werden geschehen", so lautete eine Prognose des mittlerweile emeritierten Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn. Er war schon kurz vor der ersten Familiensynode – der III. Außerordentlichen Bischofssynode – im Jahr 2014 optimistisch im Hinblick auf eine Lehrentwicklung bezüglich vieler "heißer Eisen", die der damals gerade erst ein Jahr amtierende Papst Franziskus (2013–2025) anzugehen versprach. Die Rückmeldungen beinahe aller Orts- und Teilkirchen in Umfragen zur Vorbereitung dieser Weltsynode und für die genau ein Jahr später bereits folgende XIV. Weltbischofssynode zu demselben Familienthema setzten sich – wenn auch kulturell je unterschiedlich – kritisch mit der bis zu diesem Zeitpunkt verbindlichen Lehre auf weltkirchlicher Ebene zu Ehe-, Familien- und Beziehungsthemen auseinander.
Gemäß dieser überkommenen Lehre verstoßen nichteheliche Verhältnisse gegen das moralische Gesetz, sind schwere Sünde und die in ihnen lebenden Menschen ebenso vom Empfang der Kommunion ausgeschlossen (vgl. Weltkatechismus Nr. 2390) wie in homosexueller Partnerschaft lebende Menschen, die gegen das natürliche Gesetz verstoßen, wenn sie wider die ihnen auferlegte Keuschheit miteinander verkehren (Ebd. Nr. 2357). Und auch wiederverheiratet Geschiedene waren ihr Leben lang vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen, insofern sie dauerhaft in einer Todsünde verharrten (vgl. CIC Can. 915).
Der revolutionäre Neuansatz unter Papst Franziskus
Dass diese und andere schwierige Themen – wie der Umgang mit Methoden der Empfängnisregelung – in einem über zwei Jahre währenden synodalen Prozess zur Diskussion gestellt und versucht wurde, die kirchliche Lehre an die gelebte Wirklichkeit der Gläubigen in neuer Weise zurückzubinden, war der revolutionäre Neuansatz unter Papst Franziskus, dessen auf den 19. März 2016 datiertes, nachsynodales Schreiben "Amoris laetitia" (AL) nach wie vor einen Höhepunkt seines Pontifikats darstellt. Er wolle mehr Barmherzigkeit in der kirchlichen Morallehre zulassen, sagte er damals. Priester und Bischöfe sollten moralische Gesetze nicht anwenden "als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft" (AL 305).
Ganz zu Beginn des Lehrschreibens erklärt Papst Franziskus zudem, dass durch "die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen die Notwendigkeit deutlich [wurde], einige doktrinelle, moralische, spirituelle und pastorale Fragen unbefangen weiter zu vertiefen." (AL 2). Und tatsächlich: Alle im vorangegangenen Absatz zitierten "heißen Eisen" sind nicht nur angefasst worden, sondern haben sich über den über zweijährigen synodalen Prozess von 2014 bis 2016 in der Sprache und darüber – zum Teil in den Folgejahren weiter ausbuchstabiert – auch in der Sache verändert.
Holger Dörnemann ist promovierter Dogmatiker und habilitierter Religionspädagoge. Er hat sich intensiv mit "Amoris laetitia" beschäftigt und ist mittlerweile Privatdozent am "Institute of Anthropology" an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.
Voreheliche Beziehungen werden nicht mehr im Defizitmodus als "Konkubinate", "sündige Verhältnisse" oder "irreguläre Beziehungen" apostrophiert, sondern in ihrem Eigenwert gegenseitiger Liebe und Verantwortung umschrieben, ohne dabei das Ideal des ehelichen Treue- und Liebesverhältnisses tieferzuhängen oder gar das Versprechen ewiger, unauslöslicher Liebe infrage zu stellen. Im Gegenteil widmet sich das Apostolische Schreiben "Amoris laetitia" über knapp 60 Seiten in dem von Papst Franziskus als "zentrales Kapitel" (AL 6) hervorgehobenen Teil der Beschreibung und theologischen Durchdringung der Ehe als einer "besonderen" oder "größten Freundschaft" (AL 123f) und ihrer Berufung zur Entfaltung in der Familie im nachfolgenden Kapitel.
Aber diese in der Liebe gründende, "besondere Freundschaft" (AL 125, 207) wird doch auch in ihrer Brechung in der je persönlich gelebten Lebenswirklichkeit gesehen, die nur in analoger Weise die göttliche Liebe repräsentieren (AL 73, 122) und nicht minder in Verbindung zu anderen Lebensformen beschrieben werden kann, für die einzelne Wesenselemente der ehelichen Freundschaft in ähnlicher Weise gelten. Fern davon, Zivilehen oder vermeintlich losere Partnerschaftsformen als "irreguläre Beziehungen" zu titulieren, werden Umstände benannt, die diese – wie es hier ausgeführt wird, oft nicht immer frei gewählten – Partnerschaftsformen bedingen (vgl. AL 294), und die in ihnen verwirklichte Güte beschrieben. Und auf der Linie dieser Wahrnehmung liegt die noch in der Enzyklika "Familiaris consortio" (1981) von Papst Johannes Paul II. (1978–2005) im Grundsatz ausgeschlossene Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten: Im Gespräch und "Forum internum" mit Seelsorgenden sollen – bezogen auf den je konkreten Einzelfall – Wege gesucht werden, die eine vollständige Teilnahme an den Sakramenten ermöglichen können (AL 300).
"Verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre"
Schließlich: Selbst wenn im nachsynodalen Schreiben Aussagen zu gelebter Homosexualität und homosexuellen Partnerschaften in den Ziffern 250 und 251 fehlen – weder in ausdrücklich positiver Beschreibung, aber auch nicht in verurteilender Sprache –, bedeutet der grundlegende Perspektivwechsel doch auch einen Auftrag zu einer neuen Annäherung im Verantwortungsbereich der jeweiligen Ortskirche und Kulturkreis, der auf Ebene der Weltkirche – wie die synodalen Beratungen auf den beiden Familiensynoden der Jahre 2014 und 2015 gezeigt haben – noch keinen gemeinsamen Nenner abzeichnen ließ. Unter anderem auf diese Frage wird der Hinweis zu Beginn von "Amoris laetitia" zu lesen sein, dass unbeschadet der notwendigen Einheit der Lehre "verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, weiterbestehen" (AL 3) können.
Vor diesem weltkirchlich sehr disparaten Hintergrund war es schon ein gewagter Schritt im Jahr 2023 – wie das folgende weltweite Echo zeigte –, als das Dikasterium für die Glaubenslehre in der von Papst Franziskus angenommenen Erklärung "Fiducia supplicans" die Segnung homosexueller Partnerschaften im Grundsatz für möglich erklärte. Demgegenüber wurde beinahe ohne großes Federlesen in "Amoris laetitia" auf weltkirchlicher Ebene die seit der Enzyklika "Humanae vitae" (1969) ausschließlich in naturrechtlicher Weise akzentuierte und beantwortete Frage der Verantwortung für das Leben und den Umgang mit der eigenen Fruchtbarkeit in neuer Weise auf die Bedeutung des Gewissens hin geöffnet (vgl. AL 222). Gerade diese Passage, die eine über Jahrzehnte diskutierte Lehre in neuer Weise aufstellt, und die Ziffern 280-286, die mit einem deutlichen "Ja zur Sexualerziehung" überschrieben sind, laden dazu ein, sich des Themenkomplexes "Liebe-Freundschaft-Partnerschaft-Ehe-Sexualität-Fruchtbarkeit" in neuer Weise anzunehmen.
Mit "Amoris laetitia" setzte Papst Franziskus einen moraltheologischen Meilenstein, schreibt Holger Dörnemann. Er sieht dieses theologisches Vermächtnis nun in Gefahr.
All diese Reform-Schritte wurden möglich durch den von Papst Franziskus eingeschlagenen, synodalen Weg des Einbezugs des gesamten Volkes Gottes und des oft hervorgehobenen synodalen Dreischrittes: Wahrnehmen und Gewinnen von "Bodenhaftung" (AL 6), Rückbindung an die Botschaft Christi und das Unterscheiden bzw. das Beziehen auf Handlungsoptionen. Dieser Dreischritt kennzeichnet das nachsynodale Schreiben "Amoris laetitia" selbst. Damit verbunden ist eine Wertschätzung und Rehabilitierung eines bereits das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) prägenden, schöpfungstheologischen Ansatzes, der Gottes Wirken und seine Güte in allen Kreaturen gegenwärtig sieht, wie es Papst Franziskus im Jahr 2015 bereits in seiner Schöpfungsenzyklika "Laudato Si'" ausgedrückt hat.
Und schließlich wird erst vor dem Hintergrund dieses schöpfungstheologischen Ansatzes auch der Gedanke der "Gradualität" deutlich, in der der Mensch sich in einem "dynamischen Prozess von Stufe zu Stufe entsprechend der fortschreitenden Hereinnahme der Gaben Gottes" entfalten kann (vgl. AL 122, 295) bis zur ehelichen Liebe als der "größten Freundschaft" (AL 123). Die Durchlässigkeit menschlichen Lebens auf allen seinen Entfaltungs- und Vervollkommnungsstufen für die göttliche Liebe prägt die revolutionäre, alle blickverengende Erstarrung aufbrechende Perspektive des Schreibens "Amoris laetitia", das vor zehn Jahren das kirchliche Leben und ihre Lehre veränderte.
Theologisches Vermächtnis von Franziskus auf dem Spiel
Aber werden die jetzt in Rom vom 7. bis 14. Oktober 2026 in Rom zusammenkommenden und mehrheitlich neu gewählten Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in einem neuen Pontifikat unter Papst Leo XIV. diesen theologischen Spannungsbogen noch nach- und mitvollziehen können? Die Tagesordnung der Konferenz – formal gerahmt von einem Eröffnungs- und Abschlusstag – scheint am ersten Konferenztag im Sinne des angesprochenen AL-Dreischritts bei der "Wahrnehmung der Wirklichkeit und den Herausforderungen von Familien heute" anzusetzen. Die "Berufung zur Ehe", "Herausforderungen der ersten Ehejahre" und die "Unterstützung in schwierigen Ehesituationen" folgen als Themenstellungen an den folgenden Tagen, die in dieser Fokussierung auf die eheliche Partnerschaft aber schon nicht mehr den weiten Ansatz von "Amoris laetitia" von unverheirateten Paaren bis zur Inklusion wiederverheiratet Geschiedener anklingen lassen.
Und mit dem abschließenden Thementag zur "Familie als Subjekt der Mission der Kirche" wird über die Bezugnahmen auf AL 200 und 287 hinaus rein von der Nomenklatur fast noch mehr an das Lehrschreiben "Familiaris consortio" (1981) und den Brief an die Familien (Gratissimum sane) aus dem Jahr 1994 von Papst Johannes Paul II. erinnert. Auch wenn der Anlass, das Lehrschreiben "Amoris laetitia" zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung zu würdigen, hochanerkennenswert ist, scheint die Konferenz der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in Rom in der thematischen Anlage weniger den Neuansatz von "Amoris laetitia" als die Anknüpfung an das überkommene Ehe- und Familienverständnis und die Kontinuität der Lehre der Kirche herausstellen zu wollen. Nolens volens scheint dieser Tage in Rom nichts weniger als das theologische Vermächtnis von Papst Franziskus auf dem Spiel zu stehen.