Ökumene ist die Lebensaufgabe von Bischof Paul-Werner Scheele

"Ein Geschenk für das ganze Leben"

Aktualisiert am 25.04.2016  –  Lesedauer: 
Paul-Werner Scheele, emeritierter Bischof von Würzburg, am 28. September 2012 in seiner Wohnung in Würzburg.
Bild: © KNA
Ökumene

Würzburg ‐ Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Ökumene sein Lebensthema: Bischof Paul-Werner Scheele prägte über Jahrzehnte den Kontakt der katholischen Kirche zu anderen Konfessionen.

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Frage: Herr Bischof, das Bistum Würzburg schreibt in einer Kurzvita über Sie, dass die Ökumene Ihre Lebensaufgabe ist. Haben Sie diese Aufgabe bisher zu ihrer eigenen Zufriedenheit gemeistert?

Bischof Paul-Werner Scheele: Nein, hinter dieser Aufgabe bleibt man immer zurück. Aber es gibt gleichwohl viele Erlebnisse, die einen froh und dankbar machen. Das gibt immer wieder neue Motivation.

Frage: An welche Erlebnisse denken Sie da?

Scheele: Da ist zunächst das Zweite Vatikanische Konzil. Ich habe als Journalist bei der dritten Sitzungsperiode gearbeitet, in der die ökumenische Frage diskutiert und entschieden wurde. Ich war dort als Mitglied des Johann-Adam-Möhler-Institus für Ökumenik, das ich später dann auch geleitet habe. Ein weiterer Höhepunkt war die Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg. Für diese hatte ich mich – das kann ich wohl ohne Übertreibung sagen – schon jahrzehntelang eingesetzt. Ich hatte außerdem das Glück, im Weltkirchenrat mitwirken zu können. Auch da sind wir in den ökumenischen Gesprächen ein ganzes Stück weiter gekommen. Aber es gibt auch sehr viele kleinere Begegnungen, in denen man merkt, dass es weiter geht, auch wenn es keine Schlagzeilen macht.

Frage: Können Sie eine solche persönliche Begegnung herausgreifen?

Scheele: Es war für mich immer wichtig, Kontakte in den Osten, zu den orthodoxen Kirchen zu haben. Ich erinnere mich etwa an mehrere beeindruckende Begegnungen mit Vertretern der altorientalischen Kirchen. Diese haben in der Geschichte unter Verfolgungen gelitten – und in der Gegenwart fließt wieder viel Blut. Nehmen Sie als Beispiel den Erzbischof von Aleppo. Wenn er erzählt und Fotos von zerstörten Kirchen zeigt, ist das eben etwas anderes als ein gepflegter, mitteleuropäischer ökumenischer Dialog. Solche Gespräche haben eine existenzielle Komponente. Wenn man mit diesen Mitchristen persönlich spricht, ist das schon bewegend.

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Video: © Mediaplus X und Bernward Medien

Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um Ökumene.

Frage: Auch Papst Franziskus ist die Ökumene wichtig. Er hat ein gutes Verhältnis zu Patriarch Bartholomaios I., hat sich mit Patriarch Kyrill I. getroffen und will zum Reformationsgedenken nach Lund reisen – bricht mit diesem Pontifikat ein neues Zeitalter päpstlicher Ökumene an?

Scheele: Es ist insofern neu, als dass er neue Ideen und neue Erfahrung auf seine Weise einbringt. Es geschieht aber in der Kontinuität, die sich seit Johannes XIII. angebahnt hat. Alle Nachfolger haben die Ökumene seither auf ihre Weise weitergeführt. Papst Franziskus kommt aktuell auch seine Herkunft zu Gute.  Denn gerade der Kontakt zu den in Südamerika weit verbreiteten evangelikalen Christen ist eine der wichtigen Gegenwartsaufgaben der Ökumene. Der Papst hat keine Hemmungen, auf jeden zuzugehen und danach zu suchen, was die Christen verbindet. Das ist wichtig. In der Regel mühen wir uns um eine Einheit im Glauben, doch dem Papst liegt vor allem an einer "Einheit des Lebens". Ihm geht es darum, dass auch gelebt wird, was bereits theologisch erreicht wurde. Ich habe einmal als Gast bei der Generalversammlung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands einen ökumenischen Text über das Eucharistieverständnis vorgestellt. Damals habe ich gewarnt: Liebe Leute, wenn wir das nicht in das kirchliche Leben übersetzen, wenn das nicht gebetet und gepredigt wird, dann ist es wie bei einer Speisekarte: Dem Kenner läuft das Wasser im Mund zusammen, aber wenn nicht danach gekocht wird, verhungert man bei lebendigem Leibe. (lacht) Das ist die Situation. Viele Erkenntnisse sind leider noch nicht im ganzen Kirchenvolk angekommen.

Frage: Können Sie verstehen, wenn Leute kritisieren, dass der Papst zum Reformationsgedenken nach Lund reist, aber nicht nach Deutschland kommt?

Scheele: In Deutschland reduziert sich Ökumene für viele auf der Verhältnis zwischen Lutheranern und katholischer Kirche. So ist es nun mal. Es ist aber wichtig, dass weltweit deutlich wird: Es wird nicht ein deutsches Jubiläum mit einem deutschen Nationalhelden gefeiert. Von Beginn an ging es ja um sehr unterschiedliche Reformationsansätze: Zwingli, Münzer, Karlstadt, die Oberdeutschen, Bucer, Calvin. Alle hatten eigene Ansätze mit eigenen Methoden und eigenen Gütern. Und Lund ist eben als Ort, an dem der Lutherische Weltbund gegründet wurde, für alle da.

Dossier Ökumene: Was verbindet? Was trennt?

Ein Haus mit vielen Wohnungen: So lässt sich - vereinfacht - die Ökumene beschreiben. Das Haus, das viele Kirchen und Gemeinschaften beherbergt, umspannt die ganze Welt. Die Familien in diesem Gebäude sind Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Kopten, Altkatholiken, Anglikaner und Freikirchler.

Frage: Vor allem die Ökumene mit den Orientalen liegt Ihnen schon lange besonders am Herzen. Wie gestaltet sich dieser Dialog?

Scheele: Zunächst gibt es eine Einheit in Grundfragen des Glaubens. Mit allen Orthodoxen verbindet uns, dass sie das Christusbekenntnis uneingeschränkt realisieren, dass sie in ethischen Fragen weitestgehend mit uns konform sind, aber auch, dass sie alle sieben Sakramente haben. Das ist nicht irgendein Kapitel aus einer Lehre, das ist gemeinsames Leben. Und damit eine gute Basis, auftretende Schwierigkeiten zu überbrücken – zum Beispiel die Sprachbarrieren. Wer spricht hier bei uns schon Koptisch? Ich kann es jedenfalls nicht. Aber auch im theologischen Handwerk gibt es manche Unterschiede. Zum Beispiel in der Exegese, die sich bei uns in Jahrhunderten entwickelt hat. Für manche orientalische Kirchen ist etwa die historisch-kritische Methode noch immer etwas Befremdliches. Ich habe einmal bei einer gemeinsamen Tagung einen Vortrag über die Missionsaufgabe der Kirche gehalten. Dabei hatte ich mit einem exegetischen Teil über die Mission bei den einzelnen Evangelisten begonnen. Aber diese exegetisch-differenzierte Sicht war einigen schwer zu vermitteln.

Frage: Können wir denn umgekehrt als Katholiken noch etwas von den Orthodoxen und Orientalen lernen?

Scheele: Natürlich können wir das. Und das geschieht auch. Wenn man offen ist für das, was andere zu sagen haben, empfängt man immer. Ganz wichtig für unsere Theologie ist zum Beispiel die lebendige Tradition bei den Orthodoxen. Auch ihre liturgische Feier ist beeindruckend. Sie lässt einen fragen: Ist bei uns der Sinn für das Geheimnis nicht unterentwickelt? Das ist ja keine Nebensächlichkeit. Es gibt außerdem eine Reihe orthodoxer Theologen, die uns Vieles zu sagen haben. Johannes von Damaskus als Beispiel.

Frage: Welchen Stellenwert wird das Treffen des Papstes mit dem Patriarchen von Moskau, Kyrill I., in der Geschichte der Ökumene einnehmen?

Scheele: Dass es überhaupt zustande kam, ist vor allem Franziskus' persönlicher Art zu verdanken. Natürlich stehen im Hintergrund lange Verhandlungen, es gehört auch immer ein ganzer Stab von Helfern dazu. Aber es ist ein Durchbruch, der den Papst und den orthodoxen Patriarchen von Moskau zum allerersten Mal in der Kirchengeschichte in einen anspruchsvollen Dialog gebracht hat. Der Papst hat es außerdem geschafft, dass er sowohl mit dem Patriarchen in Moskau als auch mit dem in Konstantinopel im Kontakt bleibt, obwohl es deutliche Schwierigkeiten zwischen den beiden Seiten gibt. Auch dass Franziskus jetzt mit dem Patriarchen von Konstantinopel in einer ganz zentralen Frage, der Hilfe für die Flüchtlinge, zusammen kommt, ist von einer Bedeutung, die man vielleicht erst später erkennen kann.

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Im Februar traf sich Papst Franziskus auf Kuba mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. - erstmals in der Kirchengeschichte.

Frage: Eine herausragende Bedeutung wird sicher auch dem im Sommer anstehenden orthodoxen Konzil zukommen. Hätten Sie sich vorstellen können, dass so etwas zustande kommt?

Scheele: Nein. Und ich bin, wie andere Beobachter auch, noch nicht sicher, ob es wirklich stattfinden wird. Aber es ist zu wünschen. Man darf es jedoch nicht mit der Art unseres Konzils gleichsetzen. So gilt bei den Orthodoxen etwa das Prinzip der Einstimmigkeit, das es bei den westlichen Konzilen nicht gibt. Zwar standen auch beim Zweiten Vaticanum am Ende einheitliche Beschlüsse, es gab aber sehr unterschiedliche Auffassungen zu den verschiedenen Fragen. Als etwa zum ersten Mal die Frage der Ökumene diskutiert wurde, war das katastrophal. Die meisten Bischöfe kannten bis dahin ja gar keine ökumenischen Partner.

Frage: Hätten Sie sich damals als Beobachter in der Konzilsaula vorstellen können, was in diesem Bereich in den kommenden Jahrzehnten passieren würde?

Scheele: Oh nein! Noch weniger, wenn ich an meine Jugend und den Beginn meines Theologiestudiums denke. Damals war überhaupt nicht im Blick, was möglich – und nötig! – sein könnte. Es gab zwar in meiner Heimatdiözese Paderborn schon damals eine gute ökumenische Praxis, gleichwohl: Was sich dann in diesen fünfzig Jahren entwickelt hat, ist aufs Ganze gesehen wie ein Wunder. Dafür kann man nur dankbar sein. Das gibt auch Anlass, positiv auf die Zukunft zu schauen. Manche sagen ja, die Jugend würde sich nicht mehr für das Thema interessieren. Es gibt leider auch weniger wissenschaftliche Arbeiten zur Ökumene. Aber das kann sich auch wieder ändern.

Frage: Sie haben gesagt, wenn wir über die ökumenischen Errungenschaften von Franziskus sprechen, müssen wir eigentlich schon bei Johannes XIII. anfangen. Sie haben diesen Weg seither lange und intensiv begleitet. Sind Sie nicht doch ein bisschen stolz auf den Beitrag, den Sie dabei leisten konnten?

Scheele: Nein. Ich bin dankbar, nicht stolz. Man weiß ja immer, dass man noch mehr hätte tun können. Andererseits bin ich natürlich froh, dass ich an zentralen Aufgaben mitwirken konnte. Die Erklärung zur Rechtfertigungslehre etwa verbindet man mit Augsburg, sie ist aber bei uns in Würzburg entstanden. Hier wurde der endgültige Text geformt! Dass ich da unmittelbar dabei sein und dafür auch das ein oder andere tun konnte, dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Und auch dass ich das Konzil so erleben durfte, ist für mich ein Geschenk für das ganze Leben. Heute kennen die Studenten es nur noch aus Büchern. Dass ein Konzil aber ein lebendiger Prozess ist, mit viel Dynamik, erlebt man nicht, wenn man ein Buch in die Hand nimmt. Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Zwischen dem Punkt, der einen Satz abschließt, und dem ersten Buchstaben des neuen Satzes kann eine Welt liegen. Man sieht es nicht, aber an dieser Stelle kann eine wichtige Entscheidung gefallen sein.

Zur Person

Bischof Paul-Werner Scheele (*1928) war von 1979 bis 2003 Bischof von Würzburg. Am Zweiten Vatikanischen Konzils nahm er als Berichterstatter teil. Über Jahrzehnte war er auf weltkirchlicher Ebene in der Ökumene tätig, unter anderem als Vertreter im Ökumenischen Rat der Kirchen und als Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, den er bis heute berät.
Von Kilian Martin