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Vertrauter beantwortet Fragen zu Franziskus

Einblick in die Papstseele

Offen für Kritik und eine starke Führungspersönlichkeit: In einem Interview mit der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" hat der Jesuitenpater Antonio Spadaro Einblick in das Denken von Papst Franziskus gegeben. Spadaro gilt als enger Vertrauter des Pontifex.

Bonn - 17.06.2015

Spadaro verteidigte zugleich den Führungsstil des Papstes: "Er ist nicht nur eine Person des Hörens, sondern auch eine der Entscheidung. Nach dem Hören weiß er, dass eine Entscheidung von ihm erwartet wird. Er ist eine starke Führungspersönlichkeit."Franziskus wolle mehr Synodalität in der Kirche, das sei seine Vision.

Bei seiner allerersten Rede auf der Familiensynode im vergangenen Herbst habe Franziskus das Prinzip seiner Amtsführung offengelegt: "Er sagte, er und nur er sei der Hüter der Lehre. Indem er das sagte, begründete er die Redefreiheit." Wenn nur der Papst Hüter der Lehre sei, könnten alle anderen sich frei fühlen, unterschiedliche Positionen vorzutragen und zu diskutieren.

Mit Blick auf die kommende Weltbischofssynode im Oktober sagte der Papstvertraute, die Unterscheidung zwischen Konservativen und Progressiven sei nutzlos. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen Hirten und Ideologen." Die Wahrheit sei keine Ideologie. "Die Wahrheit hat Fleisch angenommen, die Gestalt einer Person, und sie muss mit den Menschen verbunden sein."

Papst Franziskus im Gespräch mit dem Jesuitenpater Antonio Spadaro.
Bild: © KNA

Der Jesuitenpater Antonio Spadaro gilt als Vertrauter von Papst Franziskus.

Spadaro wandte sich gegen den Eindruck, dass die Stimmung gegenüber Papst Franziskus kippe. "Die Stimmung der Leute ist gut. Franziskus verlangt viel, er ist sehr fordernd. Die Priester und Bischöfe fühlen sich manchmal von ihm unter Druck gesetzt." Andererseits aber entdeckten viele Priester und Bischöfe durch Franziskus auch ihre Berufung wieder, "Hirte zu sein und nicht Verwalter". Schon jetzt habe der Papst zahlreiche Reformen angestoßen und Energien frei gesetzt.

Der Papst habe keine Angst um die Kirche, ergänzte Spadaro. Er sei sehr gut informiert und wach. "Aber er vertraut wirklich Gott, und er vertraut auf den Prozess, den Gott in der Kirche angestoßen hat." Jorge Mario Bergoglio habe schon während der Diktatur dramatische Situationen als Erzbischof von Buenos Aires erlebt. "Er ist scharfsinnig und auch schlau. Er agiert wohlüberlegt. Das ist mehr als vorsichtig." Er könne spüren, wie eine Situation wirklich ist.

Der Chefredakteur wies auch Kritik an manchen spontanen Papst-Äußerungen, etwa dem "Karnickel"-Zitat oder dem Rat zum "Klaps" für Kinder, zurück. "Für ihn ist entscheidend, dass er er selbst sein kann. Er ist immer er selbst. Er möchte mitteilen, was er in seinem Kopf und in seinem Herzen hat." Der Papst habe keine Kommunikationsstrategie, taktiere nicht. "Das ist keine Frage von Spontaneität, sondern von Authentizität." Sein Ziel sei es, sich selbst zu vermitteln, Beziehungen und Begegnungen zu stiften. (KNA)