Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Ursula Hertewich über das heutige Sonntagsevangelium

Starker Zuspruch von Jesus

Eine 97-jährige Dominikanerin ist für Schwester Ursula Hertewich das "Salz in der Suppe des Alltags". Und das, obwohl sie unspektakulär lebt. An ihr sehe man, was es heißt, "Salz der Erde" zu sein.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Bonn - 05.02.2017

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

Sie wird in diesem Jahr 98 Jahre alt, ist vor 70 Jahren in unsere Gemeinschaft eingetreten und wir lieben sie - eine unserer ältesten Mitschwestern. Sie war lange Jahre Küchenschwester, bis vor wenigen Jahren half sie noch hier und da aktiv bei den alltäglichen Abläufen im Konvent, aber nun ist sie ganz in "Rente" gegangen. Im Grunde besteht ihr derzeitiger Alltag nur noch aus Beten, Spazierengehen, Essen, Trinken und Schlafen. Unspektakulärer kann Leben kaum aussehen, und trotzdem finde ich diese Frau sagenhaft beeindruckend. Es beginnt schon morgens um 5:45 Uhr an der Kaffeemaschine: Ein einfaches, kurzes Lächeln von besagter Mitschwester genügt, um in meinem Herzen die Sonne aufgehen zu lassen, mag ich auch noch so übermüdet und morgenmuffelig sein. Wohlgemerkt: Sie sagt nichts, sie macht nichts, sie lächelt nur. Und auch während des Tages: Jede Begegnung, jedes kurze Gespräch, jeder Blick in dieses wunderschön faltige, alte Gesicht hat für mich verändernde Kraft.

Von außen wird diese Schwester wahrscheinlich kaum wahrgenommen und auch in der Gemeinschaft zählt sie zu denen, die sich nicht besonders hervortun, aber sie ist für mich und viele andere schlichtweg Salz in der Suppe des Alltags. Ich bin mir sicher, dass fast jeder von uns solche Menschen kennt: Menschen, die nichts machen, außer zu sein. Menschen, die einfach da sind. Menschen, die niemanden von ihrer Unentbehrlichkeit überzeugen müssen und gerade deshalb so unentbehrlich sind. Menschen, die Lust machen auf dieses schaurig-schöne Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Menschen, die unser Herz weit machen und uns ahnen lassen, dass es da noch etwas gibt, das tiefer trägt als alles, worüber wir uns tagtäglich den Kopf zerbrechen.

Apropos Salz: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich es als Kind geliebt habe, ein einziges Salzkorn auf meine Fingerspitze zu nehmen und abzulecken. Ein einziges winziges, fast unsichtbares Körnchen auf der Zunge, und sofort entfaltet es mit voller Wucht seinen Geschmack.

"Ihr seid das Salz der Erde", spricht Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern zu. Nicht: "Ihr müsst Salz werden", sondern: "Ihr seid das Salz der Erde". Und er sagt diesen Satz zu diesem noch recht armseligen Grüppchen derer, die Ihm und seiner alles umstürzenden Botschaft Glauben schenken. Ihr seid das Salz der Erde - was für ein starker, tröstlicher Zuspruch auch heute, wo sich viele Menschen fragen: Was kann ich denn schon ausrichten in einer Welt, die derart aus dem Ruder läuft?

Ich bin mir sicher, dass unser 97-jähriges Goldstück von Mitschwester nicht einmal ansatzweise ahnt, wie sehr sie mit ihrem Wesen die Wirklichkeit unserer Gemeinschaft prägt. Macht aber auch nichts. Sie tut es – mehr als sie denkt.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 13-16)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.

Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.

So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.