Was ist gutes Sterben?
Über die Verzahnung von Palliativ- und Schulmedizin

Was ist gutes Sterben?

Für viele Menschen setzt die Palliativmedizin dort an, wo die Schulmedizin nicht mehr helfen kann. Einige Experten sehen das kritisch und fordern eine bessere Verzahnung.

Von Burkhard Schäfers |  München - 04.05.2015

Irgendwann aber müssen die Mediziner einsehen: Ihre Versuche waren vergeblich, eine vollständige Heilung ist nicht möglich. Scheinbar unerwartet verweisen sie den Betroffenen aufs Hospiz. So geschieht es Tag für Tag in deutschen Krankenhäusern. Nicht wenige Fachleute halten diesen Umgang mit Schwerkranken für verkehrt: "Viele Ärzte denken in zwei Etappen", sagt der Sozialmediziner Norbert Schmacke von der Universität Bremen. "Die eine Etappe, das ist die richtige Medizin, die urplötzlich und unerwartet an ihre Grenzen kommt." Dann würden auf einmal Palliativmedizin und Hospize ins Leben treten: "Das sind Parallelwelten, die da nebeneinander stehen, das funktioniert nicht", urteilt der Gesundheitswissenschaftler. Er plädiert dafür, die klassische Medizin und palliative Ansätze viel stärker miteinander zu verbinden.

Palliation - vom lateinischen pallium = Mantel - steht für die Linderung von Leiden. Die Palliativmedizin kann Schmerzen heutzutage wirksam bekämpfen. Kuration hingegen werde oft mit vollständiger Heilung gleichgesetzt, sagt Norbert Schmacke. In der klassischen Medizin seien beide Bereiche oft scharf voneinander abgegrenzt. Dabei sei gerade der Zusammenhang zentral: "In einem erweiterten Verständnis geht es darum, mit dem Kranken frühzeitig vernünftige Therapieziele zu besprechen." Also solche, die auch erreichbar sind.

Ärzte sollten die grenzen der Medizin thematisieren

Ärzte sollten gegenüber Schwerkranken häufiger die Grenzen der Medizin thematisieren, fordert der Sozialmediziner. Viele hätten jedoch eine eingeengte Sicht und ein Selbstverständnis, das alles andere als die Heilung als Niederlage betrachtet. "Deshalb verstehen sie Palliation häufig verkürzt als den Bereich, der in den letzten Krankheitsstadien das Leben erträglicher macht und Schmerzen lindert." Also als die Disziplin, die fürs Sterben zuständig ist, abgetrennt von der klassischen Medizin.

Auch ZdK-Präsident Alois Glück setzt sich für eine Stärkung der Palliativmedizin ein.

Ein Arzt, der vor allem die vollständige Heilung im Blick habe, wecke bei manchen Patienten falsche Erwartungen - auch, weil die heutige Medizin deutlich weiter entwickelt ist als vor einigen Jahrzehnten. Das aber dürfe nicht zu unrealistischen Versprechen führen, betont Norbert Schmacke. Und er schiebt hinterher, dass er den Satz 'Wir können nichts mehr für Sie tun, suchen Sie sich einen Platz im Hospiz' am liebsten unter Strafe stellen würde: "Es kann nicht sein, dass die Medizin so tut, als sei sie für Heldenhaftes zuständig." Denn die Folge daraus hält der Bremer Fachmann für fatal: "Wenn es eng wird, wenn die Angst kommt, sind dann auf einmal Palliativteams zuständig, auf die man die Patienten abschiebt - das ist unerträglich."

Für eine Stärkung der Palliativmedizin setzt sich auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), ein. Er spricht von einer "Richtungsentscheidung für unsere Gesellschaft". Eine flächendeckende Palliative Care sei der Weg zu einem lebensorientierten Umgang mit dem nahenden Tod. Glück engagiert sich selbst in der Hospizbewegung und stellt fest: "Die moderne Palliativmedizin wird oft nur unzulänglich eingesetzt oder berücksichtigt."

Der menschliche Körper und die Freiheit des Einzelnen

Es gibt allerdings Medizinethiker, die auf die Kehrseite der Medaille hinweisen. Zu ihnen gehört Reiner Anselm, evangelischer Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität: "Es hat schon seinen guten Grund, dass die Medizin nicht in erster Linie Palliativmedizin ist." Primäres Ziel von Ärzten sei es nun einmal nicht, dass ein Patient mit seinen Einschränkungen leben kann. Es sei eine entscheidende Stärke der Schulmedizin, dass diese den menschlichen Körper als eine Art Maschine betrachte, die es zu reparieren gelte. Diese Sichtweise trenne konsequent Person und Krankheit mit der Folge, dass die Freiheit des Einzelnen gestärkt werde.

Im Gegensatz dazu komme es bei der Palliativmedizin mit ihrem ganzheitlichen Ansatz leicht zur Grenzüberschreitung, meint Reiner Anselm: "Wohlgemeint schreibt man dem Einzelnen eine bestimmte Form des guten Lebens vor, gerade da, wo es um Arbeitsbelastungen oder Stress geht." Kettenraucher mit Lungenkrebs oder Workaholics mit Herzinfarkt könnten womöglich nicht mehr frei darüber entscheiden, wie sie leben wollen, falls die Palliativmedizin ins Zentrum ärztlicher Heilkunde rückt.

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Video: © katholisch.de

Bundesgesundheitsminister Gröhe spricht sich bei der Herbstvollversammlung des ZdK für moderne Palliativmedizin aus.

Denn die Frage, was gutes Sterben ist, beantworte für sich jeder anders: "Aus Umfragen wissen wir, dass eine ganze Reihe von Menschen das Ideal haben: Ich will Vollgas bis zum Schluss und dann umfallen", sagt Medizinethiker Anselm. "Man kann daraus, glaube ich, nicht ableiten, dass das gute Sterben das bewusste Sterben ist." Es sei gut, wem das gelinge, aber man könne diese Sichtweise nicht zum Standard machen.

Erstes Ziel der Palliativmedizin: Lebensqualität erhöhen

Die Palliativmedizin bezieht neben körperlichen auch psychologische, soziale und spirituelle Faktoren ein. Ihr Grundprinzip lautet, den Menschen im Vordergrund zu sehen, während das medizinisch-technische in den Hintergrund tritt. Erstes Ziel ist es, die Lebensqualität eines Patienten zu erhöhen. Deshalb ist auch Professor Anselm grundsätzlich dafür, die Palliativmedizin in Deutschland auszubauen - als eigenen Bereich.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will die Palliativmedizin mit einem eigenen Gesetz stärken, über das der Bundestag voraussichtlich im Sommer beraten wird. Demnach sollen vor allem in ländlichen Gegenden palliative Einrichtungen ausgebaut werden. Die Krankenkassen sollen ihre Zuschüsse erhöhen, zudem soll die Hospizkultur in Krankenhäusern und Pflegeheimen intensiviert werden. Damit Ärzte künftig besser abwägen können, was im Falle schwerer Krankheiten zu tun ist. Professor Schmacke von der Universität Bremen beobachtet, dass noch zu oft Maximaltherapien bis kurz vor dem Tod zum Einsatz kommen: "Das ist für die Kranken nicht gut, es kostet unnötig Geld und schafft unnötig Leiden.

Von Burkhard Schäfers