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Auf dem Weg zur idealen Schule

Zurücklehnen kann sich keiner

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Schulbus
Berlin - Chancengleichheit an deutschen Schulen ist reines Wunschdenken und als solches so realistisch wie Sommerferien im Dezember. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Allensbach-Studie , die im Auftrag der Vodafone Stiftung die Bildungsgerechtigkeit an deutschen Schulen untersucht hat. Nicht wirklich überraschend, bestätigt es doch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Allerdings schafft die Erhebung etwas, das vielen Bildungsstudien sonst abgeht: Sie gibt allen Beteiligten eine Stimme.

Die Forscher fragten Lehrer, Eltern und Schüler nach ihren Erfahrungen und Vorstellungen: Wie sieht die ideale Schule aus? Was wünschen sich Schüler von Lehrer, Lehrer von Eltern, Eltern von Schulen? Wie gestaltet sich der Lernalltag von Kindern unterschiedlicher sozialer Milieus? "Veränderungen im Bildungssystem können nur erfolgreich sein, wenn sie die Betroffenen auch mitnehmen und wahrnehmen, was dort gesehen und gefühlt wird", erklärt Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung in Deutschland die Vorgehensweise.

Die Befragten machen tatsächlich klare Ansagen: Es ist nicht alles schlecht, aber von der idealen Schule ist Deutschland weit entfernt. Vor allem die ungleichen Chancen von Kindern unterschiedlicher Herkunft rücken einmal mehr in den Fokus. 96 Prozent aller Lehrer sind davon überzeugt, dass der soziale Hintergrund die Leistungen von Schulkindern beeinflusst. Anders ausgedrückt: Klein-Justin wird mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit nach der Grundschule nicht aufs Gymnasium wechseln.

Eltern als Schulverweigerer

Die Schuldigen sind schnell gefunden: Vor allem das mangelnde Interesse der Eltern für den Schulalltag ihrer Kinder sei ein Hauptgrund, da sind sich die befragten Lehrer (84 Prozent) und Eltern (79 Prozent) erstaunlich einig. Schon sieht man den biertrinkenden Vater auf der Couch lümmeln, statt sich um die Belange seiner Kinder zu kümmern, denen er dazu auch noch einen geringen IQ vererbt hat. Schublade zu!

"Es ist nicht immer leicht für bildungsfernere Eltern, mit der Institution Schule umzugehen."

Andreas Verhülsdonk, Leiter des Bildungsreferates der Bischofskonferenz

Andreas Verhülsdonk, Leiter des Referates Glaube und Bildung bei der Deutschen Bischofskonferenz, warnt vor solchem Schwarz-Weiß-Denken. "Allein, dass 30 Prozent der Kinder aus sozial schwächeren Familien aufs Gymnasium gehen, zeigt, dass die Herkunft aus solchen Milieus nicht automatisch mit mangelnder Intelligenz gleichgesetzt werden darf", so der Pädagoge. Und dass sich die Eltern beim Sprechtag nicht die Klinke in die Hand gäben, sei nachvollziehbar. "Es ist nicht immer leicht für bildungsfernere Eltern, mit der Institution Schule umzugehen."

Vor allem Migrantenfamilien hätten Hemmungen auf Lehrer zuzugehen, ist seine Erfahrung. Was oft als mangelndes Interesse an schulischen Belangen interpretiert werde, sei vielfach Unsicherheit. "Es ist einfacher, zu sagen, 'wenn etwas nicht läuft, werden wir es schon erfahren'." Eine Hürde, die auch Eltern kennen, die in Deutschland geboren sind. Denn wenn Kevin als Kind selbst nur ungern zur Schule gegangen ist, wird es ihn als Vater nicht dorthin zurückziehen.

Lehrer: Individuelle Förderung nicht möglich

Zurücklehnen kann sich in dieser Frage keiner. Denn auch die Lehrer sind gefragt, Strategien zu entwickeln, um alle Eltern gleichermaßen anzusprechen: "Sie müssen offensiver den Kontakt suchen", fordert Verhülsdonk. Das fange schon bei der Terminplanung für den Elternsprechtag an, der häufig mit den Arbeitszeiten der Eltern kollidiere.

Ein anderes Problem der Schüler aus bildungsferneren Familien ist die tatkräftige Unterstützung bei den Hausaufgaben, ergibt die Studie. Die fällt der Akademiker naturgemäß um einiges leichter, als der Hauptschulabgänger (63 zu 38 Prozent) und bietet der einen Schülerin einen Vorteil, den die andere niemals haben wird. An dieser Stelle fliegt der Ball zurück zur Schule und bleibt dort erst einmal liegen. Denn Lehrer haben wenige Möglichkeiten, dieser hausgemachten Chancenungleichheit etwas entgegenzusetzen. Drei Viertel geben an, dass eine individuelle Förderung im Rahmen des Unterrichts so gut wie unmöglich ist.

Ein fatales Ergebnis, das nicht nur zu Lasten der schwächeren Schüler, sondern auch der Begabtenförderung geht. "Wenn ich in einem kurzen Halbjahr eine bestimmte Anzahl von Arbeiten schreiben muss, geht es eigentlich nur darum, ein Thema nach dem anderen abzuhaken. Zeit für Einzelschicksale bleibt da keine", berichtet eine junge Grundschullehrerin aus Rheinland-Pfalz ernüchtert. Sie wünscht sich mehr Flexibilität in der Unterrichtsplanung und die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie geben ihr Recht: Danach geben die erfolgreichsten Schulsysteme den Schulen mehr Raum zur Gestaltung der Lehrpläne.

Wenn man bedenkt, dass in der Grundschule unter solchen Bedingungen durchaus starre Weichen gestellt werden, wundert es nicht, dass die Schulempfehlung zum größten Prüfstein der Kindheit wird. "Das Thema ist emotional sehr aufgeladen. Eltern haben Sorge, dass ihre Kinder bei einer Empfehlung für die Hauptschule keine Chance mehr auf eine schulische Karriere haben", kommentiert Verhülsdonk. Tatsächlich schaffen es nur sehr wenige Hauptschüler, sich im Laufe ihrer Schulzeit auf Gymnasialniveau hoch zu kämpfen.

Justin 5 und Laura 2

Die Herkunft beeinflusst die schulischen Chancen der Kinder drastisch Zum Artikel

Die Revolution bleibt aus

Auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten wünscht sich ein Drittel der Lehrer strukturelle Veränderungen wie eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre. Tatsächlich ergibt auch die PISA-Studie: Je früher die erste Aufteilung auf Schulzweige erfolgt, desto größer sind im Alter von 15 die Unterschiede zwischen Schülern aus gutem Hause und Schülern aus benachteiligten Milieus. So richtig reformfreudig reagierten aber weder Eltern noch Lehrer auf die Frage nach einer kompletten Schulreform. So fordern lediglich je 21 Prozent einen Abschied vom mehrgliedrigen Schulsystem. Dagegen möchten 59 Prozent der Lehrer und 51 Prozent aller Eltern erst einmal daran festhalten.

Auch Verhülsdonk sieht den Zeitpunkt für eine flächendeckende Reform des Bildungssystems noch nicht gekommen. "Diese Frage ist umstritten und diese Uneinigkeit führt dazu, dass sich die Politik derzeit eher zurückhält." Er selbst gehe davon aus, dass Deutschland irgendwann ein zweigliedriges Schulsystem haben werde, also Gymnasium und Gesamtschule als weiterführende Schulen.

Wohin die Reise auch geht, die ideale Schule, so wie Eltern, Lehrer und vor allem Schüler sie sich wünschen, sollte in jedem Fall Fixpunkt bleiben. Und so sieht sie aus: Engagierte und gut ausgebildete Lehrer mit Spaß am Beruf unterrichten kleine Klassen. Sie folgen einem Curriculum, das Raum gibt für freie Unterrichtsgestaltung und Zeit für den einzelnen Schüler. Und - da man auch die Wünsche der Schüler ernstnimmt - viele Ausflüge und Klassenfahrten. Note eins. Setzen.

Von Janina Mogendorf

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