Berlin fast eine "religiöse Wüste"
Berlin gehöre "zu den Städten in Europa, in denen die Säkularisierung am weitesten fortgeschritten ist", so Ravasi. Dabei sei es "üblich geworden, sich auf die vorletzten Fragen zu konzentrieren". Er selbst wolle hingegen bei einem Dialogforum dort grundsätzliche Fragen erörtern, etwa "nach Leben und Tod, nach der Wahrheit, nach der Bioethik".
Ravasi nimmt vom 26. bis 28. November in Berlin an einer Veranstaltung der von ihm geleiteten Dialoginitiative "Vorhof der Völker" teil. Die Tagung steht unter dem Leitwort "Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott". Unter den Veranstaltern sind der Päpstliche Kulturrat, die Deutsche Bischofskonferenz und das Erzbistum Berlin.
Ravasi nannte im Gespräch mit der "Welt" das Christentum die europäische "Muttersprache" auch für diejenigen, die es ablehnten. Ohne Christentum seien auch Nietzsche und Voltaire nicht zu verstehen, sagte er unter Bezug auf den Lyriker T. S. Eliot. "Wenn wir diese Muttersprache verlernen, dann verlieren wir unsere Identität", sagte Ravasi. "Wir haben heute keine klare kulturelle Identität mehr. Die Muslime dagegen haben eine starke kulturelle Identität, gegründet auf ihren Glauben. Das Christentum, das Europa so geprägt hat, verblasst."
Religion nicht aus den Schulen
Deshalb müsse christliche Religion ein Thema an den Schulen bleiben, "und zwar nicht aus spirituellen Gründen, nicht damit wir uns als Kirche behaupten, sondern aus kulturellen Gründen", sagte Ravasi. Aus dem gleichen Grund hätten die christlichen Wurzeln Europas in der Präambel der Europäischen Verfassung als "kulturelles Faktum" erwähnt werden sollen, so der Kardinal. Auch die katholische Kirche müsse zu einer zeitgemäßen Sprache finden, "kurze Sätze, auf den Punkt formuliert. Man könnte sagen: Tweets".
Ravasi wandte sich gegen die Deutung, die von Benedikt XVI. begründete Dialog-Initiative "Vorhof der Völker" ziele mehr auf Missionierung als auf ein Gespräch. Der katholische Part wolle "nicht überzeugen" oder neue Anhänger werben, aber "dem Ungläubigen etwas mitteilen, was für diesen wichtig und nützlich sein könnte", sagte Ravasi.
"Wenn schon Evangelisierung, dann eine auf Umwegen"
Weiter sagt er: "Und das gilt umgekehrt auch: Auch der Ungläubige kann dem Gläubigen etwas vermitteln, das für diesen nützlich und wichtig sein kann. Wenn schon Evangelisierung, dann eine auf Umwegen." Auch Nichtglaubende nähmen an dem Dialog nur teil, weil für sie die Fragen des Glaubens und der Transzendenz nicht unerheblich seien.
Der Titel "Vorhof der Völker" geht auf die Bezeichnung der Plätze rund um den Jerusalemer Tempel in alttestamentlicher Zeit zurück. Während die inneren Bereiche des Tempels nur Priestern beziehungsweise Juden vorbehalten waren, dienten die äußeren Anlagen als Ort des Dialog der Juden mit Menschen aller Religionen und Völker. Ähnliches beabsichtigt die Kirche mit der Dialog-Initiative in Berlin. (bod/KNA)
Katholisch.de überträgt die dreitägige Veranstaltung "Vorhof der Völker" live. Dienstag, 26. November um 15.00 — 18.00 Uhr live aus dem Berliner Rathaus I. „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“ (Dostojewski) – Über ethischen Humanismus mit und ohne Gott Mittwoch, 27. November um 10.00 — 12.00 Uhr live aus der CHARITÉ II. Siehe, der Mensch! – Gottes schöpferisches Geschöpf oder Designer seiner selbst Mittwoch, 27. November um 15.00 — 17.00 Uhr live aus dem Deutschen Theater III. Religion auf der Bühne – Über Ehrfurcht, Blasphemie und künstlerischer Freiheit Mehr zur Veranstaltung finden Sie unter www.vorhofdervoelker.de.