1,8 Millionen Anrufe im Jahr
Rund 8.000 Ehrenamtliche und 188 Hauptamtliche in bundesweit 105 Stellen sind rund um die Uhr für verzweifelte Menschen da. Ängste, seelische und körperliche Einschränkungen und Beziehungsfragen sind die häufigsten Themen, wie die Verantwortlichen am Dienstag in Köln mitteilten. Seit 1997 sind die Anrufe kostenlos. Der Sprecher der "Katholischen Konferenz für TelefonSeelsorge und Offene Tür", Michael Hillenkamp, verwies auf einen großen Einsatz der Helfer. Jedes Jahr würden 500 neue ehrenamtliche Seelsorger ausgebildet. "Nur wenn sie die Arbeit weiterhin als sinnvoll erleben, werden sich genügend von ihnen bereitfinden, Tag und Nacht, auch an Weihnachten die Ohren voll zu kriegen."
Hillenkamp kritisierte, dass Psychotherapeuten, Kliniken oder Betreuungseinrichtungen zur eigenen Entlastung zunehmend auf die Telefonseelsorge verwiesen, etwa an Wochenenden. Telefonseelsorge könne Mängel im Gesundheitswesen aber nicht ausgleichen. "Seelische Verbandsplätze allein reichen zur Unterstützung vielfach belasteter Menschen aber nicht aus."
Die Vorsitzende der "Evangelischen Konferenz für TelefonSeelsorge", Ruth Belzner, sprach von steigenden Anforderungen. Der Bedarf an Beratung sei höher, als es die Telefonseelsorge leisten könne. Auch würden die Internetberatungen per Chat und Mail immer stärker nachgefragt. "Die noch stärkere Anonymität im Netz macht sehr scham- und angstbesetzte Themen beschreibbar: erlittene körperliche, seelische und sexualisierte Gewalt, Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten."
Auch das größte soziale Netzwerk verweist auf die Telefonseelsorge: Wer bei Facebook von Freunden als suizidgefährdet gemeldet wird, bekommt seit gut einer Woche die Nachricht "Ein Freund hat das Gefühl, dass du eine schwierige Zeit durchmachst, und hat uns gebeten, einen Blick auf einen kürzlich von dir veröffentlichten Beitrag zu werfen." Das soziale Netzwerk schlägt vor, mit Freunden zu reden, die Telefonseelsorge zu kontaktieren oder andere Maßnahmen zu ergreifen. Den Text habe man mit der Telefonseelsorge des jeweiligen Landes entworfen, sagt Stefan Schumacher, Präsident der internationalen Föderation der Notfalltelefone IFOTES.
Aus Anlass des Jubiläums findet der Weltkongress der Telefonseelsorge vom 19. bis 22. Juli in Aachen statt. Rund 1.600 Ehrenamtliche aus 33 Ländern würden sich unter dem Motto "Damit das Leben weiter geht" mit Hilfsmöglichkeiten für Menschen in suizidalen Krisen beschäftigen, teilte der Leiter der TelefonSeelsorge Aachen und Organisator des Kongresses, Frank Ertel, mit. In Deutschland führten die Berater 2015 über 57.000 Anrufe zum Thema Suizid.
Plötzlich eintretende Probleme oder seelische Verletzungen bringen uns oft an unsere Grenzen. Wenn Freunde und Partner die falschen Ansprechpartner sind oder fehlen, ist die Telefonseelsorge eine gute Alternative. Die Telefonseelsorge ist ein gemeinsames Angebot der evangelischen und katholischen Kirche. Die Seelsorger sind offen für alle ernst gemeinten Anrufe. Sie hören zu und versuchen zu helfen. So erreichen Sie die Telefonseelsorge: 0800-1110111 oder 0800-1110222 (der Anruf ist kostenfrei)
Referentin des Weltkongresses wird unter anderen Teresa Enke sein, Frau des früheren Nationaltorwarts Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm. Gast ist auch der frühere US-Polizist Kevin Briggs, der über 20 Jahre auf der Golden Gate Bridge in San Francisco Dienst tat, dem Ort, an dem weltweit die meisten Suizide geschehen. Er hinderte Menschen am Sprung in den Tod und hielt mit einigen von ihnen weiterhin Kontakt.
Die Idee, Menschen per Telefon in Notsituationen zu helfen, holte der evangelische Pfarrer, Arzt und Psychotherapeut Klaus Thomas aus England nach Deutschland. 1956 richtete Thomas in Berlin die "Ärztliche Lebensmüdenbetreuung" ein. Bereits in den 1980er Jahren waren die Seelsorger am Telefon auch in ländlichen Gebieten Westdeutschlands nahezu flächendeckend zu erreichen. Seit 1997 können Anrufe gebührenfrei geführt werden, weil die Telekom die Kosten übernimmt - und sie tauchen auch nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. (luk/KNA)